Am Ende düsen sie ab im Sauseschritt und nehmen die Liebe mit – Christina Nilsson (Primadonna / Ariadne), Eric Cutler (Der Tenor / Bacchus) © SF/Thomas Aurin
Mein Star des Abends ist das Orchester. Der Klang ist differenziert, transparent. Strauss’ Ariadne auf Naxos klingt an diesem Abend zum Niederknien gut. Stimmlich sticht Sopranistin Ziyi Dai in der Interpretation der Zerbinetta heraus.
Ariadne auf Naxos (1916)
Komposition: Richard Strauss, Libretto: Hugo von Hofmannsthal
Musikalische Leitung: Manfred Honeck
Regie/Bühne/Kostüme: Ersan Mondtag
Der Komponist Kate Lindsey
Primadonna / Ariadne Christina Nilsson
Der Tenor / Bacchus Eric Cutler
Zerbinetta Ziyi Dai
Wiener Philharmoniker
Haus für Mozart, Salzburg, 7. August 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird im Haus für Mozart Richard Strauss’ Oper Ariadne auf Naxos ein zweites Mal bei den Salzburger Festspielen 2026 gegeben.
Mein Star des Abends ist das Orchester. Dirigent Manfred Honeck führt die Musiker souverän. Der Klang ist differenziert, transparent. Ob zart, verwirrt, die Wucht der Erkenntnis, das Wunder der Liebe. Am heutigen Abend prägt das Orchester die gesungene und ungesungene Emotion auf den Punkt aus. Der Klang der Holzbläser verschmilzt zuweilen mit den Stimmen. In der Ouvertüre der Opera seria-buffa Kombi nach der Pause sind die Holzbläser erneut der Wahnsinn! Was für ein zarter Schmelz, welch zärtliche Verlockung. Und dann? Der dramatische Ouvertürenschluss entwickelt Science-Fiction Feeling. Mega! Strauss Klang vom anderen Stern. Natürlich? Wir sind ja auf dem Mars!? Nein. Übernatürlich! spielen die Wiener Philharmoniker.

Hugo von Hofmannsthal zeigt einmal mehr, wie zeitlos seine Texte sind. Top aktuell sind die Themen und menschlichen Vorgehensweisen in dieser Oper. Richard Strauss vertont von Hofmannsthals Sprache kongenial. Selbst das sängerisch notwendige Atmen wird an diesem Abend musikalisch zur emotionalen Spannung.
Regisseur Mondtag integriert das Publikum mit einem kleinen Lichttrick. Im ersten Teil, dem Vorspiel, bleibt der Publikumssaal leicht erleuchtet, nach der Pause für die Aufführung in der Aufführung bleibt er im Dunkeln.

Stimmlich hohes Niveau, Ziyi Dai als Zerbinetta grandios
Mezzo Kate Lindsey singt den Komponisten. Die Hosenrolle steht im Zentrum des Vorspiels. Sie prägt künstlerische Überheblichkeit, Entsetzen, die zärtliche Irritation, die Zerbinetta in ihm auslöst, gut aus. Mein mich völlig erfüllender Strauss-Moment liegt in ihrem Satz „Ariadne ist die eine unter Millionen, sie ist die Frau, die nie vergißt.“ Emotionale Größe, die Lindsey in gesungener Sprache vollendet zum Ausdruck bringen.
Sopran Christina Nilsson singt Primadonna im ersten und die Ariadne im zweiten Teil. Ariadne ist von Theseus sitzen gelassen worden auf einem Wüstenplaneten. Große Klage. Großer Schmerz. „Ich weiß, was gut ist. / Wenn man es fern hält von dem armen Herzen.“

Am Ende entspinnt sie stimmlich vorsichtige Verwirrung. In der langen Anbahnung der Liebe zu Bacchus überträgt ihre Stimme stärkende Zuversicht. Ariadne hält Bacchus lange für Hermes, den Begleiter, der sie in die Unterwelt bringt. Das Erwachen, das Aufwallen des Gefühls der Liebe singt sie stark mit ansteigender Inbrunst. Den großen Funkenschlag zwischen den beiden höre ich jedoch nicht heraus.
Ihr Gegenüber Tenor Eric Cutler als Bacchus wirkt zu Anfang seines Auftritts ein klein wenig gestelzt, sein Kostüm trägt dazu bei. Die 1950er Serie Flash Gordon lässt grüßen. Er findet im Verlauf des Duetts zu Natürlichkeit und singt sein Verfallen zu Ariadne überzeugend heldenhaft energisch.

Im zweiten Teil strahlt Sopranistin Ziyi Dai in der Interpretation der Zerbinetta. Leicht, elegant singt sie die sehr lange Arie voller – immer noch – sehr herausfordernden Koloraturen. Strauss verkürzte in der Überarbeitung der ersten Fassung zur zweiten diese Arie. Setze auch die Tonhöhen an Stellen herunter. Trotz aller Erleichterungen: die Arie bleibt eine große Herausforderung in Länge und Schwierigkeit, die Ziyi Dai herausragend locker souverän löst. Elastizität und Eleganz zeichnen ihre Stimme mit einer schmeichelnden Note aus. Famos! Szenenapplaus.
Gute Inszenierungsidee, am Ende geht Mondtag die kreative Luft aus
Die Inszenierung inklusive Bühne und Kostüme verantwortet Ersan Mondtag. Ich finde die Inszenierungsidee schlüssig. Superreicher zieht eine Riesenshow auf dem Mars ab. Sein Geld lässt die Künstler jeden seiner, seien es auch komplett idiotischen Hirnfürze ausführen. Ob obskur, durchgeknallt oder völlig überkandidelt. Ekeligste Subordination. Bäh! Zu Zeiten der Entstehung genauso möglich und vorstellbar wie heute und bestimmt auch auf dem Mars im Jahr 2200. Ich fange etwas mit Science-Fiction, das hilft. Wer den Film Don’t look up gesehen hat, könnte darin eine Inspirationsquelle des Regisseurs vermuten.

Ab dem Auftritt Bacchus fällt dem Regisseur im zweiten Teil des Abends zu wenig ein. Bacchus geht die Treppe herunter, geht die Treppe auf. Mehrmals. Wozu? Hat er sich in der Türe geirrt? Diese Ideenlosigkeit durchschneidet glücklicherweise nur fast meinen wunderbaren musikalischen Flow. Auch die Schlussszene wirkt lang. Die Regie gibt dem sich verliebenden Paar Ariadne-Bacchus wenig mit, was ihren Gesang des Aufwallens der Liebe unterstützen würde. Am Ende düsen sie ab im Sauseschritt und nehmen die Liebe mit. Lichtexplosion. Flash. Raumschiff fliegt. Vorhang.
Ziyi Dai und Manfred Honeck für das gesamte Orchester bekommen den stärksten Applaus. Verdient!
Frank Heublein, 8. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 2. August 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Wiener Staatsoper, 28. Jänner 2025
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Staatsoper Hamburg, 5. Februar 2025
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Staatsoper Hamburg, 26. Januar 2025 PREMIERE