Schlussapplaus Ensemble Pergolesi © Katja Kraft / Diözesanmuseum Freising
Dieser Ort wirkt auf die Musik. Wirkt auf mich, wie ich die Musik höre und empfinde. Entgrenzung und Transzendenz. Besonders der tiefe mütterliche Schmerz des Stabat Maters fährt in mich hinein. Überbordend, nicht verhallend, durchscheinend. In der Schwebe bleibend. Das Kloster Beuerberg ist ein Hort des Glücks. Auch des musikalischen.
Beuerberger Seelenklang – Eine Musikwoche mit dem Päpstlichen Institut für Musik im Vatikan (Rom)
Giovanni Battista Pergolesi Stabat Mater und P. Theo Flury OSB Ecce Homo (Uraufführung)
Musikalische Leitung: Pater Robert Mehlhart OP, Rektor des Päpstlichen Instituts für Musik im Vatikan (Rom)
Caroline Adler (Sopran Ecce Homo)
Verena Maria Schmid (Sopran Stabat Mater)
Ilme Stahnke (Alt Ecce Homo und Stabat Mater)
Orchester La Banda, Augsburg
Choralschola des Päpstlichen Instituts für Kirchenmusik im Vatikan
Stiftskirche St. Peter und Paul, Klosterkirche Beuerberg, 02. September 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird in der Stiftskirche St. Peter und Paul, Klosterkirche Beuerberg in der Nähe von München ein Konzert des Beuerberger Seelenklangs gegeben. Es findet statt im Rahmen der Musikwoche mit dem Päpstlichen Institut für Musik im Vatikan, die das Diözesanmuseum Freising veranstaltet.

Was für ein Ort! Die Kirche ist klein und schmuck. Das – aufgelöste und renovierte – Kloster mit seinen wunderschönen (Seminar-) Räumen, Gärten, Innenhöfen, Ausstellungen und kulinarischen Angeboten: eine Seelenweide! Ich habe – nach dem Konzert – über die Gärtnerin Rosie erfahren, die ich gern kennenlernen mag. Den freigiebigen Flötisten Olivier und die sehr-viele-Dinge-Managerin des Klosters Angelika in echt kennengelernt. Ich erkenne: dieser Ort macht, dass diese Menschen sehr bei sich sind, in sich und mit sich. Ausgeglichen. Zufrieden. Wie ich glaube zu beobachten: glücklich! Diese Verheißung sollte Ihnen eine Reise zum Kloster Beuerberg wert sein. Orte wirken auf die Musik, dessen bin ich mir an diesem Abend an diesem Ort sicher.
Was mich angelockt hat: ein freundschaftliches Angebot, diese Atmosphäre im musikalischen Rahmen zu entdecken. Das Programm. Denn der Artist in Residence Pater Theo Flury hat das Stück Ecce Homo komponiert, das am heutigen Abend uraufgeführt wird. Dazu eins meiner musikalischen Prägestücke: das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi.
Vor dem musikalischen Start sprechen der Komponist und der Leiter des Diözesanmuseums Dr. Christoph Kürzeder. Sie kennen sich lang. In Ecce Homo setzt sich P. Theo Flury OSB mit der Lyrik Friedrich Nietzsches auseinander. Zwei Worte bleiben haften: Entgrenzung und Transzendenz. Dieser Ort, die Kirche, das Kloster ist ideal, dieser in Musik gegossenen Schwebe eine innige tiefe Wirkung zu geben.

Eine außergewöhnliche Besetzung: kleines Streicherensemble, Orgel und Theorbe, kleiner Männerchor und zwei Solistinnen. Wie klingt Ecce Homo? Wogend (Ungesättigt gleich der Flamme / Glühe und verzehr‘ ich mich), verhalten, ruhig, nachdenklich (wer das verlor, / was Du verlorst, macht nirgends halt), dunkel (weh dem der keine Heimat hat). Zwischendrin zwei Intermezzi für Violine Soli, in denen Tonalität ausgelotet, gebrochen wird. Eine Suche wie ein Nachhall der Suche, die in den lyrischen Texten aufscheint. Die kleine Orchestergruppe La Banda unter Dirigent Pater Robert schafft, dass ich alle Instrumenten- wie menschlichen Stimmen einzeln heraushöre und vermittelt mir zugleich eine starke Bindungskraft.
Sopran Caroline Adler lässt an einigen Stellen stimmliche dramatische Wucht aufscheinen. Sonst singt sie konzentriert kontrolliert. Alt Ilme Stahnke überzeugt mich durch ihre stimmliche Präsenz und Entschlossenheit. Zugleich höre ich es so, dass sie sich auf die Sopranstimme ausrichtet. In den Duettpassagen formen die beiden ein exakt aufeinander abgestimmtes und achtendes Miteinander. Die Choralschola des Päpstlichen Instituts für Kirchenmusik im Vatikan empfinde ich weich und hell. Es strahlt dem „unbekannten Gott“ entgegen.
Pergolesis Stabat Mater kenne ich in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten in einer Spanne von etwa 35 Minuten bis 43 Minuten Länge. An diesem Abend wird das Stück sehr langsam angegangen. So wirken manche Stellen sehr zerbrechlich, an der Grenze der Flüssigkeit. Sopran Verena Maria Schmid hat eine feste Stimme, ist sicher in der Höhe. Alt Ilme Stahnke überzeugt auch hier. Mit warmem Timbre, den ich mag. Ich bin beeindruckt, wie die beiden es schaffen, gleichermaßen gut die Gegensätze und die Verschmelzung der Stimmen in den Duetten zu gestalten. Das Geigensolo im Stabat Mater höre ich an diesem Abend als Resonanz auf und Erinnerung an die beiden Violinen-Soli aus Pater Theos Ecce Homo.

Als Zugabe wird ein Teil Flurys Komposition, das Mitternachtslied wiederholt. Sopranistin Caroline Adler wirkt stimmlich entspannter, lockerer, dadurch überzeugender, dynamischer und entschlossener als beim ersten – uraufgeführten – Mal.
Dieser Ort wirkt auf die Musik. Wirkt auf mich, wie ich die Musik höre und empfinde. Entgrenzung und Transzendenz. Besonders der tiefe mütterliche Schmerz des Stabat Maters fährt in mich hinein. Überbordend, nicht verhallend, durchscheinend. In der Schwebe bleibend. Das Kloster Beuerberg ist ein Hort des Glücks. Auch des musikalischen.
Frank Heublein, 4. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gioachino Rossini, Stabat Mater Berliner Dom, 8. November 2025
CD-Besprechung: Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem op. 45 klassik-begeistert.de, 21. März 2025