Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
von Daniel Janz
Die Wiederholung, das Moment musikalischer Festigung und Grundlage von Erinnerung. Nicht ohne Grund bleiben besonders die Musikstücke im Gedächtnis, die auf diesem Prinzip aufbauen. Was in einer gewissen Regelmäßigkeit auftritt, das nehmen wir Menschen als bedeutsam wahr – einer der Gründe für unser erfolgreiches Überleben und unsere Kommunikation.
Aber Musik möchte in aller Regel mehr sein, als stumpfes Rauf- und Runterdudeln einer Melodie. Zu oft endet sie ansonsten in Eintönigkeit und Langeweile, im schlimmsten Fall sogar mit dem Stigma, keine „echte Musik“ zu sein. So musste es jedenfalls einer dieser Allzeitklassiker erfahren, der bis heute in den Konzertsälen rauf und wieder runter gespielt wird: Die Rede ist von Maurice Ravels Boléro.
Dieser Boléro ist schon ein eigenartiges Musikstück. Ursprünglich entstand das der gleichnamigen Tanzgattung nachempfundene Werk als Auftragsarbeit für Ida Rubinstein. Das Ziel: Ein Stück in Form eines spanischen Balletts zu komponieren. Ravel schwebte Großes vor. Seine erste Idee war, es als Tanzspiel in Bezug zu dem Klavierwerk Ibéra von Isaac Albéniz auf die Bühne zaubern. Doch das Vorhaben scheiterte am Urheberrecht. Ravel komponierte folglich ein eigenes, freies Werk.
Obwohl dieses Werk zu seiner Uraufführung als erotisches Ballett noch begeistert aufgenommen wurde, haftet ihm bis heute der fahle Beigeschmack harmonischer Armut an. Würde man diese Komposition auf ihr musikalisches Material reduzieren, bliebe nicht einmal eine Minute Musik übrig. Denn es besteht nur aus zwei sich abwechselnden Melodien, basierend auf der C-Dur Tonleiter beziehungsweise auf diatonischen Tonfortschreitungen. Beide werden jeweils in Zweierpaaren fünfmal wiederholt, während das Publikum auf einen einzigen Tonartenwechsel wartet, der erst nach gut 16 Minuten kurz vor Schluss stattfindet.
Bis heute halten sich Gerüchte, dass diese Besessenheit von stoischer Wiederholung bereits ein Anzeichen beginnender Aphasie bei Ravel gewesen sein könnte. Denn dieser Ansatz ist so platt, dass sogar er selbst der Meinung war, es hier mit einem „reinen Orchesterstück ohne Musik“ zu tun zu haben. So war auch seine Vorhersage, dass die meisten Orchester so ein Werk ablehnen würde, damals voller Ernst. Auf den Prostest einer Frau während der Uraufführung, dass er verrückt geworden wäre, soll er dementsprechend sogar nur geantwortet haben: „Die hat’s kapiert“.
Was soll man also mit so einem Stück anfangen, das der Komponist selber nicht ernst nimmt, das aber weltbekannt ist? Das darüber hinaus auch noch bis heute Künstler und Publikum in Scharen elektrisiert? Zunächst muss man feststellen, dass es eine wahre Fleißarbeit für den bemitleidenswerten Schlagzeuger ist, der auf seiner kleinen Trommel vom Anfang bis zum Ende die immer selbe rhythmische Figur schlagen muss – alle Ohren auf ihn, keine Chance sich im Orchesterklang zu verstecken, jeder noch so kleine Fehler sofort bestraft. Eine wahrhaft undankbare Aufgabe in einer so langen Komposition, die auch jeden Sonderapplaus rechtfertigt.
Ansonsten stellt sich sehr schnell der Eindruck melodischer Armut ein. Dass ein und dieselbe Melodie irgendwann zur Ermüdung führt, ist inzwischen zu einem Mantra dieser Kolumne geworden und stellt nicht nur bei Mozart einen der immer wiederkehrenden Hauptkritikpunkte dar. Beim Boléro ist dieser Umstand aber auf die Spitze getrieben. Das Werk weist keine Variation, keine melodische Veränderung und keine musikalische oder harmonische Dramaturgie auf. Seine einzige Abwechslung besteht in der Instrumentation und der Lautstärke, die über den Verlauf der Komposition bis aufs Maximum hochgefahren wird.
Dieses Manko muss auch Ravel selbst bewusst gewesen sein. Hätte er sonst in voller Absicht so tief ins Instrumentarium gegriffen und allerhand Sonderinstrumente für teilweise verschwindend kleine Passagen besetzt? Da sind nicht nur Piccolotrompete, Saxophone und Celesta als extravagante Ergänzungen für das Orchester vorgeschrieben. Auch die Oboe d’amore mit ihrem warmen Klang findet hier eine seltene Anwendung außerhalb der Renaissance-Musik.
Für diesen Einfallsreichtum, den jedes Orchestermanagement verfluchen dürfte, muss man als Zuhörer aber dankbar sein. Denn diese instrumentale Vielfalt und die dadurch stets abwechslungsreichen Klangfarben sind die unangefochtene Stärke dieses Werks. Ergänzt wird dieser Reichtum auch durch Dirigenten, die sich die Freiheit herausnehmen, das Tempo zu variieren. Toscanini, der dem Boléro 1930 in den USA zum Erfolg verhalf, sorgte im Gespräch mit Ravel sogar für einen kleinen Skandal, als Ravel ihm vorwarf, er hätte das Stück zu schnell gespielt, woraufhin Toscanini entgegnet haben soll, Ravel hätte keine Ahnung von seiner eigenen Musik.
Die aus diesen Punkten entstandene Ambivalenz dürfte auch mit Sicherheit ein Grund für die Popularität des Boléros als Inspirationsquelle sein. Beim Blick über den Konzertkontext hinaus fällt nämlich seine reiche Verwendung in Sport, Popkultur und Film auf. Beispielsweise beim Eistanzpaar Jayne Torvill und Christopher Dean, die 1984 bei den Olympischen Spielen in Sarajevo zu den Klängen vom Boléro Gold gewannen. Direkte Adaptionen finden sich von Isao Tomita, Frank Zappa, Sascha Ende, DeLaurentis und Angélique Kidjo, um nur einige zu nennen.
Die Verwendung von Elementen (besonders der Rhythmus) aus dem Boléro wird weiterhin unter anderen den Rolling Stones („Paint it Black“ 1966), Jefferson Airplane (der Rhythmus in „White Rabbit“ 1967), Jeff Beck/Jimmy Page („Beck’s Bolero“ 1967), Deep Purple („Help“ 1968 und „’A’ 200“ 1974), Jean Michel Jarre („Oxygène“ 1976 oder „Equinoxe“ 1978) und Rufus Wainwright („Oh What a World“ 2003) nachgesagt. Und auch der Animationsfilm Allegro non troppo von Bruno Bozzetto, der zum Boléro den Verlauf der Evolution karikiert, sei hier erwähnt:
Ravel hat also unter größter Einfachheit ein Werk geschaffen, das eine immense Wirkung entfaltet und damit wohl eines der besten Beispiele dafür sein dürfte, dass Klangvariation und Lautstärke allein bereits ausreichen, um ein Publikum zu ergreifen. Auch ich kann mich von dieser Wirkung nicht ausnehmen – bei mir führte diese Abwechslung trotz des einfältigen Materials dazu, dass der Boléro lange Zeit auf meiner Favoritenliste ganz vorne stand. Erst eine Bearbeitung für zwei Klaviere desillusionierte mich: Was im Orchester durch die Vielfalt unterschiedlicher Instrumente lange gut und abwechslungsreich klingen kann, offenbart sich auf wenige Instrumente reduziert dann doch recht schnell als fad.
Kann man also sagen, der Boléro ist überbewertet? Er ist eines jener Stücke, die immer wieder auf Spielplänen und auch außerhalb davon zu finden sind. Ob er dadurch bereits so ausgereizt ist, dass er allgegenwärtig zu sein scheint, mag sicher auch im Auge des Betrachtenden liegen. Was man dieser Komposition aber definitiv vorhalten muss, ist ihre musikalische Einfältigkeit. Denn in diesem Punkt hat Ravel Recht: Der Boléro ist ein Werk für Orchester ohne harmonische Abwechslung, ohne Themenverarbeitung und -entwicklung und ohne rhythmische Kontraste – sprich, ohne „Musik“. Die Wiederholung des Immerselben kann in sich selbst irgendwann dazu führen, dass Musik nervt. Und der Boléro liegt hart an dieser Grenze oder dürfte diese für einige Zuhörende womöglich sogar bereits überschritten haben.
Daniel Janz für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Besprechung: Maurice Ravel, Nelson Goerner, Klavier klassik-begeistert.de, 2. Oktober 2025
Film: Bolero (2024) von Claire Barré (Drehbuch) CinemaxX Berlin am Potsdamer Platz, 24. März 2025