Foto: Christophe Dumaux (c) Edouard Brane
Bayreuth Baroque Opera Festival 2026
Er hat Samt in der Kehle. Er kann Töne auf langem Atem aufblühen und verhauchen lassen. Er modelliert die Figuren aus seiner Stimme.
Er färbt seinen Gesang mit dem Gefühl der Arie. Er verursacht frenetischen Beifall. Er reißt sein Publikum zu stehenden Ovationen hin.
Er ist ein lässiger Countertenor. Er ist eine Klasse für sich. Er ist Christophe Dumaux.
Bayreuth Baroque
Handel‘s Nature
Christophe Dumaux Countertenor
Thibault Noally Musikalische Leitung und Violine
Les Accents
Markgräfliches Opernhaus Bayreuth, 5. September 2026
von Sandra Grohmann
Was ist Händels Natur? Diese Frage stellt sich Christophe Dumaux mit seinem Soloprogramm, das er den Besuchern des Barockfestivals in Bayreuth heuer präsentiert. Ob die Frage mit den Arien aus Ottone und Rodelinda, aus Alcina, Rinaldo und Tolomeo, aus Orlando, aus Giulio Cesare in Egitto und aus Agrippina beantwortet wird, bleibe dahingestellt.
Das Programmheft stellt immerhin sehr anschaulich Händels Werdegang von Halle über Hamburg, Rom und Hannover bis schließlich nach London, dem damaligen „Place to be“, dar. Dass Händel die Gelegenheit beim Schopfe packte und dem neuen englischen König George I. – bis dahin Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg – in die englische Hauptstadt folgte, ist also eine konsequente Weiterentwicklung.
Ebenso konsequent entwickelte der Meister aus Halle an der Saale fort, was er in Italien zunächst erlernt und dann zu seinem ersten eigenen, bereits unverkennbaren Stil ausgebildet hatte. Für seine berühmten späteren Opern greift er häufig auf frühes eigenes Material zurück und gestaltet nun damit Landschaftsszenen wie dramatische Gefühlswelten, lässt Menschen so lebensecht singen, dass sie vor Schmerz auch einmal verstummen.
All das vermag Christophe Dumaux, nachdem er die Arie des Ottone „Dell’onda ai fieri moti“ noch etwas zu lässig vorgetragen hatte, mit hoher stimmlicher Darstellungskraft spannungsvoll in die wunderbare Holzakustik des Bayreuther Markgräflichen Opernhauses zu tragen. Seine samtweiche Stimme bleibt dabei fast ausnahmslos textverständlich, trotz der makellosen Koloraturen, die von seinem schier unendlich scheinenden Atem getragen werden. Das ist umso erfreulicher, als die Texte für diesen Abend nicht in Übertiteln angezeigt werden und das Dämmerlicht des Opernhauses ein Mitlesen nicht ermöglicht.
Mit dem begleitenden Ensemble Les Accents unter Thibault Noally tritt dieser Countertenor der Extraklasse in einen inspirierenden Dialog. Unisono-Stellen gelingen ebenso überzeugend wie Echos. Dumaux passt seine Stimme scheinbar mühelos nicht nur jeder instrumentlichen Färbung, sondern vor allem jeder Stimmungslage an und lässt sie klagen, wüten oder mit den (vermeintlichen) Gifttropfen ersterben. Mit ihm hält ein ganzer Saal den Atem an, wenn er seine Stimme verhauchen lässt.

Als Einleitung und Zwischenmusiken bringen Les Accents in immer spielfreudigerer, dynamischerer Manier eine Ouvertüre und eine Sonata von Händel sowie, besonders engagiert, Adagio e Fuga in g-moll von Johann Adolph Hasse zu Gehör. Dabei gelingen die virtuosen Passagen am allerbesten und lassen die Hörer mitschwingen, während die spieltechnisch einfacheren Sätze etwas spannungsvoller und akzentreicher hätten ausfallen dürfen. Das Zusammenspiel der Musikerinnen und Musiker ist indes ausgezeichnet aufeinander abgestimmt, die barocke Virtuosität machen sie gemeinsam zum Genuss. Der Kontakt zum Solisten reißt in keinem Moment ab. Christophe Dumaux fühlt sich sicht- und hörbar gut aufgehoben in diesem Kreis und kann in seiner Begleitung den Saal verzaubern.
Frenetischer Beifall, stehende Ovationen, zwei Zugaben. Aber vor allem: Diese Stimme bleibt noch lange über den Konzertabend hinaus im Ohr. Ein Abend, der Maßstäbe setzt.
Sandra Grohmann, 7. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Besprechung: J.A. Hasse, Serpentes ignei in deserto klassik-begeistert.de, 13. November 2024