CD-Besprechung:
Pünktlich zu seinem 150. Geburtstag veröffentlicht das Label Warner eine 20 CDs umfassende Edition der historischen Aufnahmen des Jahrhundert-Dirigenten Bruno Walter.
Bruno Walter
Complete
Warner Classics
remastered Edition
Warner 5021732408907
von Peter Sommeregger
Mit einer Ausnahme stammen sämtliche Aufnahmen aus der Zeit vor
dem 2. Weltkrieg. Walter, eigentlich Bruno Walter Schlesinger, wurde 1876 in Berlin geboren, wegen seiner jüdischen Herkunft waren Auftritte in Deutschland ab 1933 nicht mehr möglich, bis 1938 lebte er in Österreich, danach emigrierte er in die Schweiz, später in die USA.
Die liebevoll zusammengestellte Edition spiegelt indirekt auch die Biographie des Dirigenten wieder, er dirigiert schon früh sein Repertoire auch für die Schallplatte, neben den Wiener Philharmonikern, die den größten Teil der Einspielungen bestreiten, sind auch mehrere europäische Symphonieorchester vertreten, die Walters ausgedehnte Konzerttätigkeit dokumentieren.
Einen Schwerpunkt bildet das Werk Mozarts, in dessen Klavierkonzert Nr.20 ist der Dirigent auch als Solist zu erleben, er erweist sich als virtuoser Interpret. Neben Mozart bediente Walter zeitlebens auch ein breites Repertoire, neben den Komponisten der „Wiener Klassik“ Haydn, Beethoven und Schubert kommen auch Johannes Brahms und Anton Bruckner zu Wort, auch die klassischen Walzer von Johann Strauss sind enthalten. Aber auch Händel, Corelli, Palestrina sind mit Werken vertreten.
Richard Wagner ist mit einer größeren Anzahl von Orchesterwerken vertreten, sein Siegfried-Idyll erklingt in insgesamt drei verschiedenen Aufnahmen. Der 1. Akt der „Walküre“, 1935 in der Traumbesetzung Lotte Lehmann, Lauritz Melchior und Emanuel List im Wiener Musikvereinsaal als Teil einer geplanten kompletten Ring-Einspielung aufgenommen, genießt bis heute Kultstatus.
Interessant eine Live-Aufnahme von Bruckners „Te Deum“ und Mozarts „Requiem“ mit prominenten Solisten 1937 in Paris entstanden, in London, aber mit den Wiener Philharmonikern wurden Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“, interpretiert von Kathleen Ferrier 1949 aufgenommen, die einzige Einspielung, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden ist.
Gustav Mahler spielte in Bruno Walters Karriere eine große Rolle, auch menschlich bestand eine starke Verbindung zwischen den beiden. Walter dirigierte 1911 in München die posthume Uraufführung des „Lied von der Erde“ und 1912 in Wien jene der 9. Symphonie Mahlers. Ersteres ist in einer Liveaufnahme aus dem Wiener Musikverein mit Kerstin Thorborg und Charles Kullman aus dem Jahr 1936, die 9. Symphonie von 1938 ebenda aufgenommen, in der Edition enthalten. Es sind so genannte „Creator-Recordings“, die diesen Aufnahmen einen besonderen, authentischen Reiz verleihen.
Die Vielzahl von Komponisten und Stilen, in denen Bruno Walter zuhause war, zeigt ihn als Kapellmeister der alten Schule im besten Sinne. Sein universelles Musikverständnis, und sein selbst in den Aufnahmen spürbares Charisma wirken auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch nach. Die hervorragend geglückte Restaurierung der alten Einspielungen sind eine wunderbare Liebesgabe an die Legende Bruno Walter und die Hörer.
Peter Sommeregger, 10. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at