Michael Schade: „Die Chance, wirklich mit Freunden zu arbeiten, ist was ganz Besonderes!“

kb im Gespräch mit dem Tenor Michael Schade  klassik-begeistert.de, 4. Oktober 2026

Michael Schade © Andreas Ströbl

Der Deutsch-Kanadier Michael Schade ist einer der führenden Tenöre unserer Zeit. Er singt an den wichtigsten Opern- und Konzerthäusern in Europa, Nordamerika, Asien und Australien. Besonders geprägt hat ihn die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt. Schade arbeitet mit Dirigenten wie Simon Rattle, Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Simone Young zusammen. Die Wiener Staatsoper und die Salzburger Festspiele sind wichtige Stationen in Schades Leben und Schaffen. Aktuell singt er die Titelrolle in Mozarts „Idomeneo“ in Lübeck.

Das Gespräch führten Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl

klassik-begeistert: Lieber Michael, du singst weltweit an den größten und renommiertesten Häusern überhaupt. Wie kommst du nach Lübeck?

Michael Schade: Die Antwort ist ganz einfach: durch Stefan Vladar [Anm. d. Red.: GMD und Operndirektor Stefan Vladar holt regelmäßig große Stimmen, berühmte Solisten und Regisseure nach Lübeck].

klassik-begeistert: Wir haben es uns fast gedacht.

Michael Schade: Irgendwann kommt der Moment, an dem man sich überlegt, mit wem man arbeiten möchte. Die Chance, wirklich mit Freunden zu arbeiten, ist was ganz Besonderes! Ich mache das nicht, um Stefan einen Gefallen zu tun; im Gegenteil, er tut mir einen wahnsinnigen Gefallen. Wenn Kollegen wie Bo Skovhus oder Camilla Nylund hier singen, dann ist es auch eine Ehre für mich. Daneben suche ich mir meine Opernengagements wahnsinnig vorsichtig aus, weil ich es einfach liebe, je länger ich den Beruf mache, mit eingefleischten Ensembles zu arbeiten. Und Lübeck ist halt ein wirkliches Ensemblehaus. Hier sind junge Leute, die auf dem Sprung zu größeren Karrieren sind, genauso wie es Leute gibt, die schon länger an diesem Haus sind. Und es ist eine ganz spannende Theaterwelt hier, mit einer ganz tollen Energie. Ich bin sehr froh!

klassik-begeistert: Häufig probieren Sänger neue Partien gern an kleineren Häusern aus. Der wievielte Idomeneo ist das für dich und was hat dich gereizt, diese Partie auch noch in Lübeck zu singen?

Michael Schade: Ich habe das Stück 80 oder 85mal gemacht, in Amsterdam, Wien, Berlin, Toronto, Dresden und an anderen Häusern. Aber es geht ja nicht darum, welcher Ort jetzt wichtiger ist. Am wichtigsten ist der Abend, wo man es gerade macht. Und als es hieß, wir machen eine Neuproduktion mit Philipp Himmelmann und Stefan Vladar in diesem Haus, war ich sehr geehrt. Stefan hat den Laden und das Orchester in der Hand, Himmelmann ist ein sehr wichtiger Regisseur. Da es eine Neuproduktion ist, wird sie größere Bedeutung haben als Repertoireabende, die ebenfalls wichtig sind. Ich wollte auch damit zeigen, dass ich jung und hungrig im Herzen bin. Der Idomeneo ist einfach eine der bedeutendsten Rollen, die ich mir vorstellen kann.

klassik-begeistert: Kannst du nach dieser Wahnsinnserfahrung noch etwas ganz Neues aus diesem Idomeneo ziehen?

Michael Schade: Wenn ich nicht an jedem Abend etwas Neues fühlen und suchen würde, dann gäbe es zwei Möglichkeiten für mich: Entweder ich höre an dem Abend auf oder ich mache Musicals. Das meine ich jetzt überhaupt nicht abwertend gegen die Freunde, die Musicals machen. Aber in einem Musical gibt es jeden Abend die gleichen Gesten, die gleichen Sachen, die gleiche Show. Ich weiß von Kollegen, die eine Rüge bekamen, weil sie mal mehr den Arm gehoben haben oder irgend sowas. Das Musical muss gleich sein in Toronto, Moskau und München. Das Spannende am Theater ist, dass es jeden Abend leicht anders ist.

Ich finde diese Inszenierung auch von der psychologischen Auffassung her sehr interessant, denn das Problem Idomeneos ist ja ein sehr kompliziertes und trotzdem sehr einfaches. Er macht einen Deal mit den Göttern und gerät immer mehr in einen Strudel, was faszinierend ist und kurioserweise am meisten Spaß macht. Aber ich denke da auch sehr an die Politik, wer jetzt in Deutschland oder Österreich einen Deal mit wem machen muss, um irgendwie weiter zu kommen oder seinen eigenen Hintern zu retten.

klassik-begeistert: Für diese Produktion haben Regisseur Philipp Himmelmann und GMD Stefan Vladar eine auf zwei Stunden verkürzte Version der Oper erarbeitet. Gehst du, nach deinen Erfahrungen, mit diesem Konzept komplett mit?

Michael Schade: Ich war am Anfang skeptisch und nervös, aber ich bin selber überrascht, wie gut diese Kürzungen sind. Gerade der letzte Akt reißt einen wahnsinnig mit. Ich kann hundertprozentig bestätigen, auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein, dass die Produktion nicht zu kurz ist. Es sind viele Striche dabei, die schon zu Mozarts Zeit üblich waren.

Idomeneo Lübeck © Isabel Machado Rios Ausschnitt

klassik-begeistert: Neben deiner umfangreichen Opern- und Konzerttätigkeit bist du Professor für Gesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Wie schaffst du diesen Spagat, auch vor dem Hintergrund, dass es ja noch ein Leben außerhalb des Berufs gibt?

Michael Schade: Ich habe mich lange dem Gedanken verweigert, Professor zu sein, denn erstens muss man ja für die Studierenden da sein und zweitens dachte ich mir, da kannst du dir gleich so ein Zeichen auf die Brust tun, „fast im Ruhestand“ oder irgend sowas. Aber es ist ein bisschen so wie die berühmte Esterházy Torte: Das Leben hat so viele verschiedene Schichten und ich darf nun auch etwas unterrichten, was nicht so viele dürfen. Ich unterrichte historische Aufführungspraxis, das kommt so ein bisschen aus der Harnoncourt-Ecke. Zu viele wissen gar nicht, wie man abphrasiert, wie man Mozart singt und wie oft „viel weniger“ besser ist als „zuviel“. Das macht natürlich große Freude, sowas weiterzugeben, auch teilweise schon mit echten Erfolgen unter den Sängern. Aber ich habe ja immer schon unterrichtet. Das „Young Singers Project“ bei den Salzburger Festspielen habe ich buchstäblich alleine erfunden.

Und zum persönlichen Leben: Meine Frau ist eine phänomenale Familienmanagerin. Wenn ich früher 12mal über den Atlantik geflogen und dann müde nach irgendeiner Vorstellung angekommen bin, dann hat sie mir einen Kuss und die Autoschlüssel gegeben und gesagt, „Schön, dass du wieder da bist. Der Tenor ist jetzt aber woanders, die Kinder müssen abgeholt werden“ usw. Das war klasse!

klassik-begeistert: Was außer Technik vermittelst du deinen hoffnungsvollen Studentinnen und Studenten aufgrund deiner Erfahrungen in Zeiten einer allseits beklagten Krise der klassischen Musik, insbesondere der Oper, Stichwort Überalterung des Publikums?

Michael Schade: Ich glaube nicht so ganz an diese Krise. Als ich vor 40 Jahren anfing, hieß es schon, das Publikum wird alt. Vielleicht hat man ab einem gewissen Alter einfach mehr Zeit, die Sachen zu machen, die man gerne machen möchte. Ab 60 geht man viel öfter mal ins Theater, hoffentlich. Eindeutig aber haben die Leute immer weniger Ahnung davon, also man muss eine gewisse Pionierarbeit machen. Das Problem ist auch, dass immer weniger Musikunterricht in der Schule gegeben wird.

Was ich meinen Studenten immer erzähle, ist, dass das Wort und die Aussprache, egal in welcher Sprache, das absolute A und O in der ganzen Kunst ist. Da bin sehr geprägt durch Riccardo Muti, Helmuth Rilling und durch Nikolaus Harnoncourt. Wenn das Wort, wenn ein Sänger nicht verständlich ist, dann macht er was falsch. Und ich sage immer wieder, auch zu den jungen Sängern und den Kollegen: Keiner geht zum Eistanz oder zum Eishockey und sagt hinterher: „Mamma mia, können die toll Schlittschuhlaufen!“ Ja, das Schlittschuhlaufen ist die Grundausstattung und genauso ist das Singen nur die Grundausstattung.

klassik-begeistert: Ich sehe die ganze Zeit Brigitte Fassbaender zustimmend nicken …

Michael Schade: Sie ist ein ganz großes Vorbild!

klassik-begeistert: Du bist ja repertoiremäßig breit aufgestellt und deckst Werke aus allen Epochen bis in die Moderne ab. Gibt es dennoch eine Partie, die du unbedingt noch machen möchtest, quasi als Kirsche auf der Sahne?

Michael Schade: Paul in Korngolds „Die tote Stadt“. Dann Loge oder Mime.

klassik-begeistert: Und wir sagen noch nach dem Schubert-Konzert neulich: „Das wäre doch ein phantastischer Loge oder Mime“! Jetzt wünschen wir dir aber erstmal viel Erfolg für die weiteren Aufführungen mit deinem Lübecker „Idomeneo“!

Lieber Michael, herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl, 4. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wolfgang Amadeus Mozart, Idomeneo, Michael Schade Tenor Theater Lübeck, Premiere, 2. Oktober 2026

Franz Schubert 5 und 7 Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 13. September 2026

 

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