SULLA PIAZZA wandert mit venezianischen Klängen durch die Lagune

SULLA PIAZZA, Consort la Capriola  klassik-begeistert.de, 9. Oktober 2026

CD-Besprechung:

SULLA PIAZZA

Consort la Capriola

Ricercar, RIC494

von Dirk Schauß

Unter den Arkaden des Markusplatzes zieht ein Consort von Violinen durch die venezianische Nacht. Von der Basilika zu den Salons, von den Gassen in die Tavernen – und am Ende bis zum Morgengrauen. Genau dieses lebendige Fresko zeichnet das Debütalbum von La Capriola. Man hört nicht einfach Renaissance-Musik, man wandert mit.

Die jungen Musikerinnen haben sich der Geigenfamilie des 16. Jahrhunderts verschrieben, jener noch neuen, wandlungsfähigen Streichinstrumente in unterschiedlichen Größen, die damals mitten im Alltagsleben standen: bei der Messe, bei Festen, auf der Straße und im Wirtshaus. Hier klingen sie auf eigens für das Ensemble gebauten Instrumenten – und das hört man.

Der Ton ist weiträumig, warm, fein abgestimmt, mal erdig, mal licht, immer lebendig. Sofort ist man mittendrin: Willaerts „Cingari simo“ öffnet die Szene mit Stimme und vier Violinen, als stünde man schon unter den Arkaden. Dann intensiver Gesang der Instrumente in den Ricercari, beschwörende Madrigale, orchestral verschmelzende Sätze von Bendusi, klagende und tröstende Klänge. Besonders schön die Momente mit Harfe: sanfte Verflechtungen, einsame Intonationen, anrührende Duette. Und immer wieder diese Wechsel zwischen Andacht und Leichtigkeit – von Croces andachtsvollem „Egredimini“ über Gabrielis „La Spiritata“ (Licht im Dunkel) bis zu den taverntauglichen Villanellen und dem erleichterten „Pass’e mezo“.

Der eigentliche Clou der Aufnahme ist Camille Fritsch. Sie ist ein singendes Chamäleon: wandlungsfähig, farbig, expressiv – mal schön, mal grell, immer sattelfest in Stil und Sprache. Ob intensive Fragen, tröstender Gesang oder plötzliche Zuversicht und Leichtigkeit: Sie trägt die nächtliche Wanderung, ohne sie zu dominieren. Stimme und Instrumente ergeben zusammen immer wieder diese öffnende Lichtblende, von der man nicht genug bekommen kann.

La Capriola spielt mit spürbarer Neugier und großer Sorgfalt. Nichts klingt museal oder steif. Man spürt die Freude am Experimentieren – stehend gespielt, mit historischen Bogenhaltungen – und vor allem die Lust, diese Musik wieder in Bewegung zu bringen. Das Ergebnis ist abwechslungsreich, atmosphärisch dicht und von einer Frische, die man selten hört. Eine Stunde venezianische Nacht, die einen bis zum Morgengrauen wachhält. Wer Renaissance-Musik mag, die atmet und tanzt und betet und lacht, sollte hier unbedingt mitwandern. Chapeau.

Dirk Schauß, 9. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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