Jiaxin Min spielt zwischen Abschied und Wiedersehen

DAS LEBEWOHL – Liszt, Beethoven, Barber – Jiaxin Min, Klavier  klassik-begeistert.de, 9. Oktober 2026

CD-Besprechung:

DAS LEBEWOHL

Liszt, Beethoven, Barber

Jiaxin Min, Klavier

Fuga Libera, FUG875

von Dirk Schauß

Jiaxin Min schaut auf dem Cover nach unten. Nicht kokett, nicht posierend – eher so, als würde sie in die Tasten hineinhorchen und gleichzeitig in sich selbst. Das passt. Denn ihr Debütalbum ist keine brillante Visitenkarte einer Wettbewerbssiegerin, sondern eine berührende, ehrliche Innenschau. Eine junge Künstlerin, die nach Phasen der Zweifel, der Abwesenheit und des Beinahe-Aufgebens mit dreißig Jahren wieder auf die Bühne zurückkehrt und dabei ihrem jüngeren Ich die Hand reicht.

Das Programm dreht sich um Abschied und Wiedersehen. Beethovens Sonate „Das Lebewohl“ (Op. 81a) steht im Zentrum – und Jiaxin Min nimmt den Titel ernst. Nicht das elegantere französische „Les Adieux“, sondern das deutsche, silbengetreue Le-be-wohl. Die ersten drei Töne klingen bei ihr wie ein Seufzer, subtil, tastend, suchend. Im zweiten Satz („Abwesenheit“) wendet sich das Andante mit viel Ausdruck fragend an den Hörer. Und im „Wiedersehen“ bleibt sie klar in der Artikulation, flott, aber sparsam in der Dynamik – kein überschäumendes Hallo, sondern ein erleichtertes, warmes Wiederfinden.

Davor Liszts Ballade Nr. 2: Die linke Hand grummelt, darüber entfaltet sich mit klarer rechter Hand das drückende Thema. Min lässt die Stürme und Wellen zu, ohne sie zu übertreiben, und spürt hinter der Ruhe nach dem Sturm bereits das, was Liszt vielleicht andeutete – etwas Endgültigeres. Danach Samuel Barbers Sonate: Der erste Satz spröde und unzugänglich, dann hüpfend; der zweite perlend und keck; der dritte surreal und nebulös; die Fuge vorwärts, ohne erkennbares Ziel. Genau so, wie Barber es wohl meinte – und wie Min es heute, mit Abstand und Reife, versteht.

Technisch steht sie souverän über den Dingen. Die Interpretationen atmen frei, der Klang ist warm und offen. Nichts klingt forciert oder auf Wirkung gebürstet. Man spürt die persönliche Reise: die Jugend, in der sie diese Werke schon spielte, die Jahre der Unsicherheit, die Stille, als die Musik zeitweise fehlte, und schließlich die Rückkehr. „Mir ist klar geworden, dass wir uns nie wirklich ‚Lebewohl‘ sagen können“, schreibt sie. Die Erinnerungen und das frühere Ich bleiben. Und so klingt dieses Album auch: nicht wie ein Abschied von der eigenen Vergangenheit, sondern wie ein behutsames Wiedersehen mit ihr.

Ein Debüt, das nicht laut auftritt, sondern leise und nachhaltig nachwirkt. Wer Jiaxin Min nach dem Queen-Elisabeth-Wettbewerb schon als Publikumsliebling erlebt hat, findet hier die Bestätigung, dass hinter der Intensität eine klare, zutiefst persönliche Stimme steckt. Und wer sie zum ersten Mal hört, wird wahrscheinlich ebenfalls nach unten schauen – und dann ganz genau hinhören.

Dirk Schauß, 9. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lalande, Suites pour les Soupers du Roy, Hervé Niquet & Le Concert Spirituel  klassik-begeistert.de, 8. Oktober 2026

Barber – Zorn – Glass, Geneva Lewis, Violine klassik-begeistert.de, 8. Oktober 2026

Ferdinand Hérold, Zampa, Palazzetto Bru Zane 48 klassik-begeistert.de, 6. Oktober 2026

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