Lalandes Tafelmusik schenkt ein bisschen Wein aus dem Lautsprecher

LALANDE Suites pour les Soupers du Roy, Hervé Niquet & Le Concert Spirituel  klassik-begeistert.de, 10. Oktober 2026

Stellen Sie sich vor: Versailles ist weit, der König speist noch nicht, und in Lalandes Haus wird geprobt. Der Koch Massialot kommt nicht nur mit Speisen und Getränken, sondern liest auch Briefe und Zeitungen vor, die die Postkutsche gebracht hat. Genau dieses Bild hat sich Hervé Niquet für sein neues Album ausgedacht – und es funktioniert wunderbar. Man sitzt quasi mit am Tisch, die Musik spielt direkt vor einem, und zwischendurch darf auch einmal herzlich gelacht werden.

LALANDE
Suites pour les Soupers du Roy

Hervé Niquet & Le Concert Spirituel 

Alpha Classics, ALPHA1272

von Dirk Schauß 

Zum 300. Todestag des „Musikmeisters Ludwigs XIV.“ zeigt Niquet, dass Lalande nicht nur der große Meister der geistlichen Musik und der Divertissements war, sondern auch ein erstaunlich farbenreicher Komponist von Sinfonien und Capricen. Die Stücke stammen zum großen Teil aus den berühmten Symphonies pour les Soupers du Roy – jener Musik, die beim königlichen Abendessen erklang. Hier aber klingt sie nicht steif und zeremoniell, sondern lebendig, neugierig und manchmal richtig frech.

Die Suite No. 6 („Premier Caprice“) ist ein kleines Meisterstück des Wechselspiels: feine Holzbläser, ein Cembalo, das munter mittanzt, ein Violinsolo von bezaubernder Eleganz und ein flotter Ausklang, der einem das Grinsen ins Gesicht treibt.
Die „Suite entrecoupée“ und die „Millefeuille“ (zusammengebaut aus verschiedenen Balletten und Divertissements) sind fröhlich, dynamisch und lassen die Holzbläser in allen Registern glänzen.
Die Suite No. 8 („Troisième Caprice“) hingegen wird feierlicher und üppiger – hier dürfen Soli von Violine und Bläsern richtig glänzen.

Und dann kommen die beiden Höhepunkte der humanen Unordnung: Jean-Philippe Desrousseaux liest mit viel Charakter und Komik einen Brief der Prinzessin Palatine vor – jener Frau, die bekanntlich über die „Delights of Defecation“ schreiben konnte, ohne dabei die Contenance zu verlieren.

Françoise Rubellin bringt es im Booklet auf den Punkt: Im aristokratischen Frankreich des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts existierte „die exquisiteste Raffinesse ganz ungeniert neben der unverhohlensten Vulgarität“. Genau diese Mischung spürt man hier. Und als wäre das nicht genug, folgt das Trinklied „Pourquoi boirions-nous de l’eau?“ von 1683 – schrill, ansteckend und so überzeugend, dass man fast wütend wird, weil aus dem Lautsprecher leider kein Wein kommt.

Niquet dirigiert variabel, mit leichter Hand und spürbarer Freude. Le Concert Spirituel spielt virtuos und mit echter Hingabe – mal kammermusikalisch transparent, mal in voller orchestraler Pracht. Die beiden Orchester-Besetzungen (mit Theorbe, Cembalo, Oboen, Fagott und Streichern) sorgen für eine Klangfarbenpalette, die von zart bis knackig reicht. Das Schlussstück, der Cotillon, ist schlicht umwerfend.

Das Album dauert gut eine Stunde und versetzt einen in eine Zeit, die irgendwie besser anmutet – nicht weil alles edler war, sondern weil Raffinesse und derbe Lebensfreude noch ungeniert beieinander saßen. Eine CD, die aufbaut, zum Schmunzeln bringt und gleichzeitig zeigt, warum Lalande so viel mehr war als der Komponist der königlichen Abendessen-Musik.

Empfehlung: am besten mit einem Glas Wein genießen. Der kommt dann wenigstens von irgendwoher.

Dirk Schauß, 8. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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