CD-Besprechung:
Barber – Zorn – Glass
Geneva Lewis, Violine
BBC Scottish Symphony Orchesta
Gemma New, musikalische Leitung
Delos, DE3638
von Dirk Schauß
Frauen-Power in Reinkultur – und zwar mit offener Flamme. Geneva Lewis, von 2022 bis 2024 BBC New Generation Artist, Avery-Fisher- und Borletti-Buitoni-Preisträgerin, legt mit diesem Debütalbum ein hochkarätiges, rein amerikanisches Programm vor. Drei Werke, die sie „so tief liebt“, wie sie selbst schreibt: Barbers Violinkonzert als alten, teuren Freund, in dem man fliegen kann; Zorns Partita for the Firebird, in der „jede Note brennt und dein ganzes Selbst fordert“; und Glass’ erstes Violinkonzert, das ihr monatelang im Kopf herumgeisterte. Das Ergebnis fühlt sich lebendig an – genau so, wie sie es wollte.
Den Auftakt macht Samuel Barbers Violinkonzert op. 14. Lewis spielt den ersten Satz anrührend und direkt ins Herz: Violine und Orchester singen um die Wette, die Kantilene fließt warm und selbstverständlich. Das Andante beginnt mit einer herrlichen Orchestereinleitung voller Gefühl und Innigkeit; das Oboensolo ist von bezaubernder Zartheit, bevor die Geige rhapsodisch weiterspinnt. Dann das berüchtigte Finale – dieses Presto in moto perpetuo, das der Solistin kaum eine Verschnaufpause gönnt.
Lewis meistert die Tour de Force mit brennendem Ton und gleichzeitig klarem Überblick. Nichts klingt gehetzt oder bloß virtuosenhaft; man spürt die Kontrolle und die Freude am Risiko zugleich. In der Mitte steht John Zorns Partita for the Firebird – hier in der Ersteinspielung. Aus dem Dunkel entwickeln sich schroffe, kantige Klänge; die Solo-Violine zappelt wütend, setzt starke Akzente, auf und nieder. Die Courante wird zum unerbittlichen Perpetuum mobile, bevor die Air der Geige widerwillig zur Ruhe kommen lässt. Ein Stück, das alles verlangt – physisch, emotional, klanglich. Lewis gibt alles und verwandelt die Partita in ein packendes, theatralisches Solostück, das zwischen Aggression und zögernder Innerlichkeit wechselt.
Zum Abschluss Philip Glass’ Violinkonzert Nr. 1, das der Komponist zu Ehren seines Vaters schrieb und das eher opernhaft als symphonisch angelegt ist. Lichtvolle Streicher führen in eine weite Klangwelt; die Solo-Violine tritt in Wellenbewegungen hinzu und treibt die repetitiven Figuren voran. Der langsame Satz ist faszinierend mystisch: Wellen, tiefe Bassgrundierungen – man weiß nicht so recht, ob man auf dem Wasser oder darunter treibt. Im Finale gehen die Wellen weiter, die tiefen Holzbläser stellen immer intensivere, lautere Fragen, bis die Coda Elemente der vorangegangenen Sätze in ruhigerem Tempo wieder aufnimmt.
Gemma New und das BBC Scottish Symphony Orchestra begleiten mit bemerkenswerter Feinfühligkeit und Farbenvielfalt. New dirigiert auf Augenhöhe – kein Begleitapparat, sondern ein echter Partner, der Lewis den Raum gibt, den sie braucht, und gleichzeitig die orchestrale Textur mit großer Sorgfalt ausleuchtet. Lewis spielt hoch virtuos, stilsicher und wandlungsfähig. Ihr Ton brennt, ohne je scharf oder forciert zu wirken. Die Interpretationen atmen, trotz aller motorischen Energie. Man spürt die persönliche Verbindung zu den Stücken und die Aufbruchstimmung, in der das Album entstanden ist: ein neues Leben in New York, neue Eindrücke, neue Inspirationen. Die Zusammenarbeit mit Gemma New, dem Orchester und dem Mentor John Zorn trägt sichtbar Früchte.
Eine tolle Debüt-CD, die zeigt, dass Geneva Lewis nicht nur eine der spannenden jungen Geigerinnen der Gegenwart ist, sondern eine mit eigenem, unverwechselbarem Feuer. Man hört zu – und bleibt dran, lange nachdem der letzte Ton verklungen ist.
Dirk Schauß, 8. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Strauss und Beethoven, Seiji Ozawa Dirigent klassik-begeistert.de, 8. August 2026
Giovanni Battista Pergolesi, L’Olimpiade, Giulio Prandi klassik-begeistert.de, 19. Juli 2026
Carré d’As Portraits musicaux klassik-begeistert.de, 7. Juli 2026