Wer im barocken Musikbetrieb etwas auf sich hielt, griff früher oder später zu Pietro Metastasios „L’Olimpiade“. Über sechzig Komponisten vertonten dieses Libretto, darunter Vivaldi, Hasse, Caldara und Leo. Die Mischung aus antikem Sportwettkampf und einer komplizierten Identitätsverwechslung bot ideale Voraussetzungen für die großen Affekte der Opera seria.
Giovanni Battista Pergolesi
L’Olimpiade
Orchestra Ghislieri
Giulio Prandi, musikalische Leitung
Arcana, A598
von Dirk Schauß
Giovanni Battista Pergolesi komponierte seine Fassung für den römischen Karneval 1735. Es war seine letzte Oper. Im Alter von nur 26 Jahren starb er kurz darauf im Kapuzinerkloster von Pozzuoli. Das Label Arcana legt nun eine neue Aufnahme vor, die im November 2025 im historischen Teatro Pergolesi in Jesi entstanden ist.
Die Handlung folgt dem typischen Metastasio-Muster: Der athenische Athlet Megacle tritt unter falschem Namen für seinen Freund Licida bei den Olympischen Spielen an, um für ihn die Hand der Königstochter Aristea zu gewinnen. Als er erkennt, dass er damit seine eigene Geliebte opfert, entsteht ein schweres moralisches Dilemma. Selbstmordversuche, Intrigen und eine überraschende Familienzusammenführung im letzten Akt – bei der Licida sich als verlorener Königssohn und Zwillingsbruder Aristeas entpuppt – führen schließlich zur versöhnlichen Lösung.
Pergolesi stand unter großem Zeitdruck und übernahm Passagen aus früheren eigenen Werken, darunter „Adriano in Siria“. Für heutige Hörer mindert dies die Qualität der Partitur nicht. Die Musik zeigt eine bemerkenswerte Frische und Originalität.
Die Produktion von Fabio Ceresa setzt auf Straffung: Ausladende Rezitative wurden gekürzt, einige Arien gestrichen. Dadurch gewinnt das Werk an dramatischem Fluss und vermeidet jene Statik, die viele moderne Hörer an der Opera seria stört. Giulio Prandi leitet das Ghislieri-Ensemble mit klarem Gespür für rhetorische Präzision und tänzerische Leichtigkeit. Die Streicher artikulieren sprechend, die Tempi sind lebendig, ohne die Sänger zu überfordern. Prandi gelingt es, die Kontraste der Partitur – von elegischen Kantilenen bis zu virtuosen Ausbrüchen – überzeugend herauszuarbeiten.
In den Hauptrollen überzeugen durchweg gute Leistungen. José Maria Lo Monaco gestaltet den wankelmütigen Licida mit warmem, flexiblem Mezzosopran und intensiver Bühnenpräsenz. Carlotta Colombo bringt als Aristea einen agilen, leuchtkräftigen Sopran ein, der auch in exponierten Lagen sicher bleibt. Silvia Frigato verleiht der verkleideten Argene mit leichtem, verziertem Sopran und spürbarem Humor eine eigene Note.
Die anspruchsvollste Partie des Megacle liegt bei Theodora Raftis. Ihr lyrischer Sopran verfügt über ein solides Registerfundament und eine schöne Kantabilität, besonders in den großen Ariosi. Anicio Zorzi Giustiniani zeichnet den tyrannischen König Clistene mit schlankem, hellem Tenor. Matteo Straffi (Aminta) und Francesca Ascioti (Alcandro) ergänzen das Ensemble auf solidem Niveau.
Die Aufnahme vermittelt die intime Akustik des Theaters in Jesi gut und präsentiert Pergolesis Werk als lebendiges Musiktheater. Sie ist ein solider Beitrag zur Wiederentdeckung dieser letzten Oper des jungen Komponisten.
Dirk Schauß, 15. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Meine Lieblingsmusik, Teil 6: Das Stabat Mater von Pergolesi
Carré d’As Portraits musicaux klassik-begeistert.de, 7. Juli 2026