Einzelvorhang für Polina Semionova als Emma Bovary (Foto: RW)
Polina Semionova ist eine großartige Tänzerin. Wie sie aus der Körpermitte heraus Körperspannung erzeugt, diese bei den Hebungen wie eingefroren hält, und danach mit fließenden, eleganten Bewegungen weiter tanzt, ist beeindruckend. Vom Typus her ist sie aber keine Emma Bovary.
Bovary, Tanzstück von Christian Spuck nach dem Roman von Gustave Flaubert
Musik u.a. von Camille Saint Saëns, Thierry Pécou, György Ligeti
Choreographie und Inszenierung: Christian Spuck
Bühne: Rufus Didwiszus, Kostüme: Emma Ryott
Orchester der Deutschen Oper Berlin, musikalische Leitung: Robert Reimer
Klavier: Alina Pronina, Stimme: Marina Frenk
Staatsballett Berlin, Deutsche Oper, 6. Oktober 2026
von Dr. Ralf Wegner
Auf die wunderschönen Bühnenbilder von Jürgen Rose in Dresden folgte in Berlin tristes Einheitsgrau unter funzeliger Neonröhrenbeleuchtung. Emma Bovarys Geschichte wurde in einer fast bunkerähnlichen Atmosphäre abgehandelt, die offenbar ihre Ausweglosigkeit symbolisieren sollte. So aussichtslos war ihr Leben aber nicht, immerhin hat sie sich ja eine Zeitlang prächtig amüsiert. Warum also immer diese dunklen Kleider? Emma, die das Geld ihres Mannes nur so verschleuderte – sie hatte sich von ihrem Ehegatten eine Blankovollmacht auf das Eigentum ausstellen lassen – hätte sicher Auffälligeres, Helleres getragen.
Sie war kein Kind von Traurigkeit, eingesperrt in einem Gefängnis. Ihr Mann war immerhin Arzt, und sie damit durchaus eine Respektsperson. Emma war schön, wollte etwas vom Leben haben, nach oben streben, fast wie die unersättliche Frau des Fischers aus dem gleichnamigen Märchen von Philipp Otto Runge. So empfand Emma Charles Überzeugung, dass er seine Frau glücklich mache, gar als eine dumme Beleidigung und seine Selbstsicherheit als Undank.
Auch der Fischer in dem Märchen erträgt die maßlosen Ansprüche seiner Frau, genauso wie Charles (Matthew Knight), Emmas gehörnter, ihr offensichtlich höriger, bei Spuck aber als liebevoller Trottel auftretender Ehemann. Er scheint ihr, zumindest in der Choreographie von Christian Spuck, die Liebhaber sogar zu gönnen. Weiter erläutert der Choreograph dieses Verhalten allerdings nicht. Alles ist auf Emma zugeschnitten, der in dieser Aufführung makellos rein auftretenden, eleganten Polina Semionova.

Polina Semionova ist eine großartige Tänzerin. Wie sie aus der Körpermitte heraus Körperspannung erzeugt, diese bei den Hebungen wie eingefroren hält, und danach mit fließenden, eleganten Bewegungen weiter tanzt, ist beeindruckend. Vom Typus her ist sie aber keine Emma Bovary, dafür fehlt ihr der Hang zum Vulgären. Auch dass leidenschaftliche Ausleben animalischer Begierden ist ihre Sache nicht. Sie bleibt von Anbeginn an die elegante Dame, eine Art Tatjana, die ihren Ehemann nie betrügen würde.
Erst am Ende gibt sie etwas von dem in ihr wühlenden Drama preis, als das finanzielle Unglück ihr über den Kopf wächst und sich ihre Liebhaber (Cohen Aitchison-Dugas als Notariatsgehilfe Léon Dupuis sowie Giovanni Princic als Gutsbesitzer Rodolphe Boulanger) von ihr abwenden. Emmas in anderen Kritiken vielgelobter Todeskampf, nachdem sie sich aus einer großen Flasche mit Arsenik überpudert hatte und, sterbend, von ihrem Gatten gehoben, leidensvoll getragen oder wieder auf den Boden gelegt wurde, wirkte dann aber doch recht überzogen. Mitleid kam mit ihr nicht mehr auf.
Was blieb von Spucks Tanzstück Bovary außer dem tristgrauen Bühnenbild noch haften: Immer wieder ließ er zwischen den Szenen von einer Sprecherin, den Tanz unterbrechend, Flaubert zitieren. Auch die unerlässliche Videoprojektion von Emmas Gesicht in Großaufnahme ließ nicht auf sich warten, während im Hintergrund bäuerliche Szenen auf die graue Hinterwand projiziert wurden. Und immer wieder tauchten lemurenhaft agierende, dunkel gekleidete Gestalten auf, die offensichtlich Emmas Innenwelten spiegeln sollten, aber eher wie Beschäftigungstherapie für das große Berliner Staatsballett wirkten. Sie tanzten natürlich ausgezeichnet.

Für Emma, ihren Mann und ihre Liebhaber choreographierte Spuck schöne Pas de deux, die zwar tänzerisch, aber, da nicht von Liebe getragen, weniger emotional-darstellerisch überzeugten. Folklore gab es auch. Das dörfliche Leben wurde von den Tänzerinnen und Tänzern des Staatsballetts mit gegenläufig kreisenden Oberkörperbewegungen sowie konträrem Hoch- und Herunterziehen der Schultern bildmächtig veranschaulicht, die entsprechenden Gruppenbilder blieben im Gedächtnis haften. Weniger überzeugten die Seid-alle-miteinander-lieb-Revuebilder zu Beginn des zweiten Aktes. Im Roman besuchen Charles und Emma kein anzügliches Vaudeville, sondern das Opernhaus in Rouen und erleben Donizettis Lucia di Lammermoor.
Nach Ende der Vorstellung jubelte das Publikum im offensichtlich ausverkauften Haus den Protagonisten des Tanzstücks unisono zu. Der Andrang zu diesem Tanzstück scheint beträchtlich zu sein, denn noch an der Abendkasse hatte sich eine lange Schlange von Besuchern gebildet, die noch auf eine Karte hofften.
Dr. Ralf Wegner, 8. Oktber 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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