Es wird perfekt getanzt in Berlin – leider ohne Leidenschaft

Dornröschen, Peter I. Tschaikowsky, Staatsballett Berlin  Deutsche Oper, Berlin, 19. Mai 2022

Es wurde perfekt getanzt, sofern man sich auf das Technische konzentrierte: Iana Salenkos Auftritt beim Rosenfest war herausragend und beispielhaft, ebenso zeigte Simkin mit seinen fulminanten Sprüngen und Drehungen, dass er technisch wohl zu den besten Tänzern der Welt gehört. Auch der dreifache Fisch im dritten Akt gelang beiden perfekt, blieb aber eingeübte, ausdrucksarme Pose.

Das Berliner Dornröschen-Ensemble (Foto RW)

Deutsche Oper Berlin, 19. Mai 2022

Dornröschen
Musik von Peter I. Tschaikowsky

Orchester der Deutschen Oper Berlin
Solist:innen und Corps de ballet des Staatsballetts Berlin
Schülerinnen der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin

Choreographie von Marcia Haydée nach Petipa 

von Dr. Ralf Wegner 

Den Bühnenvorhang schmückte ein flatterndes rotes Engelsgewand, ein Hinweis auf die Bedeutung der von Marcia Haydee stärker in den Vordergrund der Geschichte gerückten bösen Fee namens Carabosse. Der ausdruckstarke Arshak Ghalumyan füllte diese Rolle mit Leben und tänzerischer Finesse, gleiches gilt für seine Spießgesellen Alexander Abdukarimov, Lorenzzo Fernandes, Javier Peña Vazques und Oleksandr Shpak.

Leider ging von den Protagonisten des Stücks, Iana Salenko als Aurora und Daniil Simkin als Prinz Desiré, eine solche Ausstrahlung nicht aus. Weder konnte Salenko im ersten Akt die überbordende Lebensfreude einer sechzehnjährigen, kurz vor der Verlobung stehenden jungen Frau vermitteln, noch deren Ängste ob des ihr bevorstehenden neuen Lebensweges. Warum Simkin seine Verlobte wegschickt und sich mit Hilfe einer wie aus dem Nichts auftauchenden Fliederfee (mit freundlichem Ausdruck elegant von Aurora Dickie getanzt) einer im Tiefschlaf versunkenen, ihm als Projektion erscheinenden Prinzessin verbunden fühlt, bleibt unklar. Liebessehnsucht drückte der Tänzer jedenfalls nicht aus. Immer blieb seine Mine leidensvoll, selbst bei dem Hochzeitsfest blühte er nicht auf.

Iana Salenko und Daniil Simkin nach der Aufführung, (Foto: RW)

Salenko und Simkin bewegten sich nebeneinander her, selbst wenn sie physisch zusammen tanzten. Etwa beim choreographierten Kuss im Grand Pas de deux, bei dem sich Salenko ausdruckslos bis auf wenige Zentimeter dem Mund ihres Partners näherte. Vielleicht stimmte auch die persönliche Chemie zwischen den beiden nicht, aber selbst während ihrer Soli gaben beide kaum etwas von sich preis.

Das ist die eine Seite, die andere: Es wurde perfekt getanzt, sofern man sich auf das Technische konzentrierte: Iana Salenkos Auftritt beim Rosenfest war beispielhaft, ebenso zeigte Simkin mit seinen fulminanten Sprüngen und Drehungen, dass er technisch wohl zu den besten Tänzern der Welt gehört. Auch der dreifache Fisch im dritten Akt gelang beiden perfekt, blieb aber eingeübte, ausdrucksarme Pose. Ganz im Gegensatz zu Murilo de Oliveira, der als Ali Baba beim Tanzen sein Inneres nicht verschloss und zudem technisch-tänzerisch überzeugte.

Die Inszenierung ist von Marcia Haydee nach Marius Petipa. Für die fehlende Chemie zwischen den beiden Protagonisten kann sie wohl nichts, aber mit etwas mehr Ausdruck und Individualität hätte sie das Ensemble schon in Szene setzen können. So wirkte die ganze Aufführung häufig statisch antiquiert und vor allem war sie zu lang. So zogen sich die zahlreichen Divertissements im dritten Akt in die Länge, von Murilo de Oliveiras Auftritten und den seiner Begleiterinnen (Danielle Muir, Cécile Kaltenbach, Evelina Godunova, Clotilde Tran) abgesehen. Im Grunde wurde nur die Zeit bis zum mit Spannung erwarteten Grand Pas de deux mit seinen hohen technischen Anforderungen an das prinzliche Paar überbrückt.

Noch ein Wort zum Bühnenbild und zu den Kostümen. Jordi Roig stellte eine hybride, in einen Garten übergehende Schlossarchitektur auf die Bühne, die wegen der zahlreichen klassischen korinthischen Säulen, einer barocken Treppenanlage und viel Golddekorationen einen hohen Schauwert hatte, im zweiten Akt infolge des darüber liegenden Blumenschmucks aber die Grenzen zum Kitsch streifte. Die Kostümierung war dem Rokoko, später dem 19. Jahrhundert zuzuordnen. Vor allem den männlichen Tänzern, aber auch den vier Prinzen wurde anfangs ein Bewegungsmuster zugemutet, welches nicht ohne effeminiert wirkende Gestik blieb. Der Beifall des überwiegend jungen Publikums war herzlich, aber nicht überwältigend.

Dr. Ralf Wegner, 21. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at

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Peter I. Tschaikowsky, Dornröschen, Saarländisches Staatstheater

 

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