Philipp Franke © Thore Nilsson
Das Schleswig-Holsteinische Landestheater begeistert mit Frank Wildhorns Musicalklassiker. Philipp Franke glänzt in der anspruchsvollen Doppelrolle, während ein bewegendes Duett zweier Frauen den emotionalen Höhepunkt des Abends bildet.
Jekyll & Hyde
Für die Bühne konzipiert von Steve Cuden & Frank Wildhorn
Buch und Liedtexte von Leslie Bricusse
Musik von Frank Wildhorn
Orchestrierung von Kim Scharnberg
Arrangements von Jason Howland
Deutsch von Susanne Dengler und Eberhard Storz
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester
Schleswig-Holsteinisches Landestheater, 11. Oktober 2026
von Marc Rohde
Das Schleswig-Holsteinische Landestheater bietet im Stadttheater Flensburg einen packenden Theaterabend. Das Haus ist ausverkauft. Am Ende jubelt das Publikum und feiert die Mitwirkenden mit Standing Ovations. Im Mittelpunkt steht Philipp Franke. Er gestaltet die anspruchsvolle Doppelrolle des Dr. Henry Jekyll und seines Alter Egos Edward Hyde so überzeugend, dass man den Abend beinahe „Philipp Franke Show“ nennen könnte.
Wenn die Wissenschaft jede Kontrolle verliert
Dr. Henry Jekyll will herausfinden, ob sich das Gute und das Böse im Menschen voneinander trennen lassen. Mit einem selbst entwickelten Serum versucht er, die dunkle Seite der menschlichen Seele abzuspalten. Als ihm die Verantwortlichen eines Krankenhauses Experimente an Menschen untersagen, probiert er das Mittel an sich selbst aus. Doch das Experiment gerät außer Kontrolle: Sein Alter Ego Edward Hyde tritt hervor, missachtet jede moralische Grenze und löst eine Mordserie in London aus. Je stärker Hyde wird, desto mehr verliert Jekyll die Kontrolle über sich selbst.
Philipp Franke beherrscht die Bühne im Alleingang
Die Doppelrolle des Jekyll und Hyde verlangt einem Darsteller einiges ab. Er muss zwei Persönlichkeiten glaubhaft verkörpern, die denselben Körper teilen, sich aber in Auftreten, Körpersprache, emotionaler Haltung und Gesang deutlich unterscheiden. Philipp Franke gelingt dieser Spagat auf ganzer Linie.
Als Jekyll begegnet er seiner Umwelt zunächst zurückhaltend. Franke zeigt einen Wissenschaftler, der fest an seine Idee glaubt und sich immer tiefer in seine Forschungen verstrickt. Sobald Hyde hervortritt, verändert sich nicht nur seine Körpersprache, sondern auch sein Umgang mit den Menschen. Franke arbeitet diesen Bruch eindrucksvoll heraus und überzeugt zugleich mit seinem ausdrucksstarken, kraftvollen Bariton. Je nachdem, welche Seite seiner Figur gerade die Oberhand gewinnt, verändert sich auch seine stimmliche Wirkung. So macht er deutlich, wie eng die beiden Charaktere miteinander verbunden sind.
Gerade weil Hyde nicht von außen in Jekyll eindringt, sondern aus ihm selbst hervorgeht, gewinnt der Konflikt an Glaubwürdigkeit. Franke beherrscht die Bühne, ohne sich auf plakative Effekte verlassen zu müssen. Er lässt Gesang und Schauspiel ineinandergreifen und macht die innere Zerrissenheit seiner Figur unmittelbar spürbar.
Dabei kommt unweigerlich die Frage auf, welche anderen großen Musicalrollen ihm liegen könnten. Wäre Philipp Franke nicht auch ein idealer Jean Valjean in „Les Misérables“? Seine kraftvolle Stimme, seine darstellerische Intensität und sein Gespür für innere Konflikte sprechen jedenfalls dafür.
Ein leises Duett rührt zu Tränen
Mareike Heyen verleiht Lucy Harris, einer Prostituierten, die in einer von Gewalt und Abhängigkeit geprägten Welt lebt, große Verletzlichkeit und zugleich einen starken Lebenswillen. Mit ihrem ausdrucksstarken Gesang zeigt sie, wie sehr Lucy sich nach einem anderen Leben sehnt und zugleich innerlich mit sich ringt.
Ihre warme, facettenreiche Mezzosopran-Stimme erweist sich dabei als das perfekte Instrument für diese Zerrissenheit. Heyen nutzt die erdige Tiefe und das vollmundige Timbre ihrer Bruststimme, um Lucys rauen Alltag und den Überlebenskampf im viktorianischen Milieu spürbar zu machen. Wenn sie jedoch in die höheren Register wechselt, bricht eine hauchzarte, verletzliche Kopfstimme durch, die Lucys unschuldige Sehnsüchte offenlegt.
Meistens sind es nicht die großen dramatischen Ausbrüche, die einen Theaterabend unvergesslich machen, sondern die leisen Momente, in denen menschliches Leid plötzlich ganz nah rückt. Als Heyen und Sarah Kuffner im Duett „Mädchen der Nacht“ aufeinandertreffen, steigen mir Tränen in die Augen. Die beiden Sängerinnen verleihen der Begegnung zwischen Lucy und Nellie eine solche emotionale Intensität, dass mich die Szene noch lange beschäftigt. Sie erinnert mich an Menschen, die ich kenne und die sich in vergleichbaren Lebenssituationen befinden. Ihre Erfahrungen gehören keineswegs nur ins viktorianische London. Auch heute leben Menschen in prekären Verhältnissen, erfahren Gewalt oder werden auf ihre gesellschaftliche Rolle reduziert. Ihre Not bleibt allzu oft unsichtbar, solange sie den Alltag der anderen nicht stört.
Heyen und Kuffner geben diesen Erfahrungen eine Stimme. Sie machen aus den Figuren keine bloßen Symbole des Elends, sondern zeigen Frauen, die trotz ihrer schwierigen Lebensumstände ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben nicht verlieren. Gerade in einem Musical, das mit großen Gesten und dramatischen Gegensätzen arbeitet, entfaltet diese menschliche Nähe ihre besondere Wirkung. Für mich gehört das Duett zu den bewegendsten Momenten des Abends.
Wo die Grenze zur Hybris verschwimmt
Regisseurin Julia Mintzer zeichnet ein düsteres, atmosphärisch dichtes Bild des viktorianischen Londons. Medizinische Versuchsanordnungen und Nebel verstärken die bedrohliche Stimmung. Zugleich zeigt die Inszenierung, wie sehr die Grenze zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und menschlicher Hybris verschwimmt.
Auch die Ausstattung von Danila Travin arbeitet mit klaren Gegensätzen. Jekylls Welt wirkt kühl und wissenschaftlich, während Hyde Wärme, Körperlichkeit und blutige Assoziationen hervorruft. Die unterschiedlichen Farbwelten heben den Gegensatz zwischen den beiden Persönlichkeiten hervor, ohne die psychologische Dimension aus dem Blick zu verlieren. Die Choreografie von Manuel Lopez fügt sich schlüssig in das szenische Konzept ein.
Die Inszenierung bleibt weit mehr als ein Schauerstück. Sie erzählt von einem Menschen, der glaubt, seine eigene Natur wissenschaftlich beherrschen und nach seinen Vorstellungen verändern zu können. Gerade diese Selbstüberschätzung macht Jekylls Scheitern so tragisch.
Der gefährliche Blick auf das Unkontrollierbare
Schon die medizinische Welt des Stücks wirft für mich eine weitere Frage auf. Erst wenige Tage zuvor hatte ich in Frankfurt die Ausstellung „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“ gesehen, die sich mit den dunklen Kapiteln der Psychiatrie und dem Umgang mit psychisch erkrankten Menschen beschäftigt. Deshalb ließ mich die Darstellung der medizinischen Welt in „Jekyll & Hyde“ nicht unberührt.
Seit dem 19. Jahrhundert hat die Wissenschaft große Fortschritte gemacht. Die moderne Psychiatrie verfügt heute über Erkenntnisse und Behandlungsmöglichkeiten, die damals noch nicht existierten. Trotzdem bleibt die Frage, wie wir mit psychischen Erkrankungen, abweichendem Verhalten und vermeintlich unkontrollierbaren Persönlichkeitsanteilen umgehen.
Das Musical zeichnet kein realistisches Bild der Psychiatrie und will das auch nicht. Seine düstere medizinische Welt regt aber dazu an, über Menschen nachzudenken, die andere als gefährlich, unberechenbar oder nicht gesellschaftsfähig abstempeln. Wo endet die notwendige Behandlung, wo beginnt die Ausgrenzung? Und wie viel Menschlichkeit bewahren wir, wenn wir das vermeintlich Unkontrollierbare aus unserem Leben verbannen wollen?
Die Geschichte führt weit über Jekylls persönliches Schicksal hinaus. Regisseurin Julia Mintzer hat auch auf Parallelen zur digitalen Gegenwart hingewiesen. Soziale Medien, Chatrooms und Apps ermöglichen es Menschen, unter anderen Identitäten aufzutreten und Hemmungen abzulegen, die sie im Alltag zurückhalten. Wer sich anonym wähnt, kann leichter der Versuchung erliegen, Regeln zu missachten und Verantwortung abzuschieben.
Doch Hyde ist nicht einfach ein digitales Alter Ego oder eine Maske, die jemand ablegt, sobald ihn niemand beobachtet. Er verkörpert vielmehr die Versuchung, bestimmte Seiten der eigenen Persönlichkeit als fremd zu betrachten und deshalb nicht für sie einstehen zu müssen. Jekyll will das Böse aus sich herauslösen, ohne sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. Darin liegt sein entscheidender Irrtum. Er glaubt, die menschliche Natur technisch korrigieren zu können, muss aber erkennen, dass er sich den Folgen seines Handelns nicht entziehen kann.
Die Geschichte führt uns damit eine zeitlose Wahrheit vor Augen: In jedem Menschen schlummern unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Seiten. Wer Menschen eindeutig in Gut und Böse, Licht und Schatten oder Freund und Feind einteilt, greift zu kurz. Gerade in einer Welt, in der Polarisierung Politik, Gesellschaft und persönliche Beziehungen zunehmend bestimmt, sollten wir uns fragen, ob unsere starren Kategorien Konflikte nicht sogar verschärfen. „Jekyll & Hyde“ liefert darauf keine einfache Antwort. Das Musical erinnert uns aber daran, wie gefährlich es ist, die dunklen Seiten des Menschen ausschließlich bei anderen zu suchen.
Weitere starke Charaktere schärfen das Profil der Aufführung
Auch die weiteren Mitwirkenden tragen dazu bei, dass die Geschichte nicht auf den Konflikt der Titelfigur zusammenschrumpft.
Dirk Audehm verkörpert John Utterson, Jekylls Freund und Vertrauten. Er zeichnet das Bild eines Mannes, der seinem Freund die Treue hält, dessen zunehmende Veränderung ihn jedoch immer stärker beunruhigt. Mit markantem Gesang und nuanciertem Schauspiel verleiht Audehm der Figur das Profil eines besonnenen Beobachters, der Jekylls Entwicklung nicht länger tatenlos hinnehmen kann. Kai-Moritz von Blanckenburg übernimmt die Rolle von Sir Danvers Carew, Lisas Vater. Als gesellschaftlich etablierte Autorität verkörpert er jene Ordnung, gegen die Jekyll mit seinem Forschungsdrang anläuft. Von Blanckenburg stattet die Figur mit dem nötigen Gewicht aus und macht Carew zu mehr als einem bloßen Gegenspieler. Seine Vielseitigkeit als Bühnenkünstler kommt auch dieser Partie zugute. Anna Avdalyan spielt Lisa, die Tochter von Sir Danvers und Jekylls Verlobte. Die armenische Koloratursopranistin überzeugt mit einem angenehm warmen, klaren Sopran. Sie singt ohne störende Schärfen und verbindet ihre stimmliche Leichtigkeit mit einer feinfühligen Interpretation, die Lisas emotionale Seite zur Geltung bringt. Mikołaj Bońkowski übernimmt gleich zwei Rollen: Er spielt Simon Stride, der ebenfalls um Lisa wirbt, und Spider, einen Zuhälter. Die Doppelbesetzung führt zwei sehr unterschiedliche Figuren zusammen und schlägt zugleich eine Brücke zwischen Jekylls bürgerlicher Welt und dem Milieu, in dem Lucy lebt. Bońkowski arbeitet die Unterschiede zwischen den beiden Charakteren heraus und setzt mit seinem ausdrucksstarken Gesang markante Akzente.
Das Orchester treibt die Handlung kraftvoll voran
Frank Wildhorn verbindet große emotionale Melodien mit einer zunehmend bedrohlichen Grundstimmung. Die Songs treiben die Handlung voran und machen Gefühle sichtbar, die sich mit Worten allein kaum ausdrücken lassen. Sehnsucht, Angst, Verführung und Gewalt stehen dicht nebeneinander.
Jooan Mun führt das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester mit sicherem Gespür durch Wildhorns abwechslungsreiche Partitur. Er setzt die dramatischen Höhepunkte wirkungsvoll und lässt zugleich den großen Melodien genügend Raum, um ihre emotionale Kraft zu entfalten. Kraftvolle Passagen gewinnen an Intensität, während die ruhigeren Momente ihre lyrische Qualität bewahren.
Auch die Balance zwischen Orchester und Gesang stimmt. Die Stimmen bleiben klar verständlich, ohne dass das Orchester an Klangfülle und Ausdruckskraft einbüßt. Mun treibt die Handlung musikalisch voran, verschärft die Spannungen und gibt den Sängern den nötigen Rückhalt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.
Gemeinsam mit dem Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester und dem Opernchor des Landestheaters, den Alexander Tessin einstudiert hat, schafft Mun ein überzeugendes musikalisches Fundament für diesen gelungenen Musicalabend.
Warum sich auch eine weite Anreise lohnt
Das ausverkaufte Haus, die Standing Ovations und der begeisterte Jubel sprechen für sich. Das Schleswig-Holsteinische Landestheater zeigt mit „Jekyll & Hyde“ eine Produktion, die musikalisch überzeugt, eine düstere Atmosphäre entfaltet und sich einem Stoff widmet, dessen Fragen bis in die Gegenwart reichen.
Wer für diese Inszenierung eine längere Anreise in Kauf nimmt, dürfte sie nicht bereuen. Der Abend unterhält, berührt und regt zugleich zum Nachdenken an. Er führt uns die dunklen Seiten der menschlichen Natur vor Augen, ohne uns die bequeme Möglichkeit zu lassen, sie nur bei anderen zu suchen.
Marc Rohde, 13. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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