WSAL © Dominic Ernst
Die Vorlage zu diesem Musical findet sich nicht in der Literatur und nicht am Broadway. Der Pulsschlag einer Stadt in den frühen Neunzigern wurde zum Ideengeber. Als sich in Berlin nach dem Fall der Mauer das Leben neu sortierte.
WIR SIND AM LEBEN – Das Berlin Musical
Musik, Idee und Texte:
Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange
Buch und Regie: Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck
Uraufführung am 21. März 2026
Bühne: Adam Nee
Choreografie: Jonathan Huor
Kostüme: Ferran Casanova
Lichtdesign: Tim Deiling
Unsere Konsum Hoffnung Band
Musikalische Leitung: Shay Cohen
Theater des Westens Berlin, 19. Juli 2026
Die Handlung setzt ein, als die Euphorie des Mauerfalls vorbei war.
Schneller als gedacht stürzte für so manch einen Nachbarn in dieser Stadt das Kartenhaus zusammen. Lebensplanungen, Karrieren und die Sicht auf das bisher Geleistete waren nichts mehr wert. Gar so vieles landete auf dem Schrottplatz der Geschichte. Es kamen Menschen nach Berlin, die in der sich wieder zu vereinigenden Stadt ihr Glück suchten. Das Misstrauen zwischen Ost und West war noch groß. Es gab in beiden Stadthälften die Ewig-Gestrigen, die gerne die Mauer wieder hochgezogen hätten. Doch es blieb friedlich. Die Infrastruktur hielt durch und in einem Wahnsinns-Tempo wurden stillgelegte Strecken der Stadtbahn und geschlossene Bahnhöfe der U-Bahn wieder geöffnet.
In der Oderstraße im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain hatte eine kleine Schar junger Menschen ein Haus gekapert. Dort, in der geschlossenen Verkaufsstelle der DDR-Konsumgenossenschaft, funktionierte noch das Telefon. (Eines dieser alten analogen Geräte mit der dehnbaren Wendelschnur am Hörer.) Und da sich diese jungen Menschen noch nicht so ganz einig waren in ihren Hoffnungen, Plänen und Wünschen an das Leben, entstand die Idee, anderen, denen es auch nicht so gut ging, zu helfen. Das Sorgentelefon des Kollektivs “Konsum Hoffnung” war geboren.

Mit diesem Song, sehr ausdrucksstark und unter rockigen Klängen performt, stellen sich die Protagonisten vor. Celina dos Santos ist Nina, die einst aus Wittenberg in den Westen floh, ihre eigenen Lieder schreibt und von einem Plattenvertrag träumt. Die Darstellerin mit den roten Haaren überzeugt ganz stark im Solistischen. Markus Spagl ist ihr kleiner Bruder Mario, der nach dem Mauerfall nach Berlin kommt um seine totgeglaubte Schwester zu suchen. Anfangs noch etwas schüchtern im Auftreten, sucht er seinen Platz im Leben (wie viele in dieser Zeit) und spürt bald, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Markus Spagl ist ein schlanker junger Mann, der großartig (und erotisch) tanzen kann.
Überhaupt nimmt das Thema Homosexualität hier einen großen Platz ein. Das zeigt sich im Spiel von Bruno und Nando. Der eine, ein Transvestit in der Rolle der Marlene Dietrich, der andere, ein einst bejubelter Balletttänzer in der DDR, thematisieren Aids, die tödliche Krankheit, die auch einen von ihnen mit aller Härte treffen wird. David Nádvornik als Bruno hat die stärkste Rolle in diesem Stück. Sein “Supernovadiscoslut” ist ein Mix aus Rock und Pop, aus Nostalgie und mehr, gewidmet dem Nachtleben einer Stadt, die damals nie zur Ruhe kam.

Als dann Maike Katrin Merkel in der Rolle der Rosi Fröhlich die Szenerie betritt, ändert sich so einiges in den Lebensläufen der Beteiligten. Rosi, Friseurmeisterin in Wittenberg, ist die Mutter von Nina und Mario und ihr Song “Salon Rosie” ist eine wehmütige Erinnerung an “alte Zeiten”, die wahrlich nicht die besten waren.
Eines hat mich von Anfang an total begeistert: Das Ambiente, das Bühnenbild, die Kulissen treffen auf so wundervolle Weise genau den Farbton der DDR in den Achtzigerjahren. Ich bin in dieser Zeit berufsmäßig so oft durch die Straßen im Prenzlauer Berg gelaufen, mit ihren verrußten und noch vom Krieg teilweise zerstörten Fassaden, ihren Kohlenkellern und den Wohnungen mit der Toilette auf der halben Etage. Es ist wie ein Déjà-vu, was ich da auf der Bühne erblicke. Und so ist das Musical, obwohl es in den Neunzigern spielt, auch ein kleines Abziehbild der DDR. Egal, ob man sich erinnert oder als später Geborener seinen Horizont erweitern mag.

Die fünfköpfige Band unter der Leitung von Shay Cohen hat auf der Dachterrasse des Hauses gegenüber Platz genommen und bespielt den “Konsum Hoffnung” somit vom rechten Bühnenrand her. Das Komponisten-Trio Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange haben von der schlagerhaften Ballade bis zum intensiven Hardrock das im Musical Mögliche ausgeschöpft. Wer ein bisschen die Musik des Berliner Duos Rosenstolz (Peter Plate und AnNa R.) kennt, dem wird auch der Song “Die Schlampen sind müde” bekannt vorkommen. Celina dos Santos singt ihn vorne an der Bühnenrampe als Popstar, der sie nun geworden ist.
“Wir sind am Leben” ist ein Musical, das als Eigenproduktion am Berliner Theater des Westens entstanden ist – ohne staatliche Zuschüsse, alles ganz privat finanziert. Man möchte gar nicht wissen, wie schwer das sein mag in diesen Zeiten, da bei der Kultur der Rotstift regiert. Ich finde, in seiner Professionalität kann sich das Berliner Stück durchaus mit den Musical-Eigenproduktionen der Vereinigten Bühnen Wien messen lassen. Berlin hat nun endlich ein Musical im Repertoire, das sehr realistisch einen Teil seiner Geschichte nach dem 9. November 1989 auf die Bühne gebracht hat.
Ein großes Dankeschön dafür von einem, der damals dabei war!

Und dann ist da noch diese so hübsche kleine Hommage an Marlene Dietrich. Schon schwer durch Aids gezeichnet, telefoniert Bruno im Krankenbett mit seinem Idol in Paris. Die Berliner Schauspielerin Judy Winter, die so oft am Renaissance-Theater in die Rolle der Dietrich schlüpfte, spricht aus dem Off ein paar tröstende Worte an Bruno. Es ist ein origineller Einfall der Autoren, der mich daran erinnert, dass ich selbst einmal an Marlenes Grab stand. Sie, die im Mai 1992 in Paris starb, hatte den Wunsch, in Berliner Erde ihre letzte Ruhe zu finden. Die Blumen waren noch frisch auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße in Schöneberg, als ich mich ins Kino aufmachte, um ein letztes Mal den “Blauen Engel” zu sehen. Ein letztes Mal war sie “von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”.
Ach Marlene, es war so schön!
Ralf Krüger, 20. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die Weiße Rose, Musical von Vera Bolten und Alex Melcher Admiralspalast Berlin, 13. Juni 2026
Dracula – Das Musical, Musik von Frank Wildhorn BlueMax Theater Berlin, 3. Mai 2026