Schweitzers Klassikwelt 174: Wie entwickeln sich Sänger?

Schweitzers Klassikwelt 174: Wie entwickeln sich Sänger?  klassik-begeistert.de, 13. Oktober 2026

© Lothar Schweitzer                                                   

von Lothar und Sylvia Schweitzer 

Es war für uns ein neues Erlebnis. Der US-Amerikaner Michael Spyres war als Prinz Don Ramiro einmal nicht ein weißer Rossini-Tenor und kein Etwas zwischen Spiel- und lyrischem Tenor. Seine Stimme hatte dunkles Fundament. Die Extremhöhen kamen sicher. Dass sie nicht schön klangen, war nicht seine Schuld, sondern liegt an der Komposition. Sie kommen unvermutet und ohne innere Notwendigkeit. Wir lesen über seinen Palestrina, dass er mit Recht den meisten Applaus erhielt. Seine höchst angenehm klingende, leicht dunkle Tenorstimme (wird manchmal als Bari-Tenor bezeichnet) sei für den Palestrina ideal geeignet.

Die Rolle des Bacchus in der „Ariadne auf Naxos“ scheint in der Tat undankbar zu sein. Spyres erhielt für den bei ihm richtig interpretierten werdenden Gott, wie wir beobachten mussten, gebremsten Beifall. Durch seine Leistung als Walther von Stolzing bei den letzten Bayreuther Festspielen wird ihm von einem Wagner-Experten eine interessante internationale Karriere prophezeit.

Michael Spyres © Marco Borrelli

Daniel Jenz, vom Staatstheater Kassel kommend, mit Ausflügen zum Festival Bad Ischl, von der neuen Direktion 2020 an die Wiener Staatsoper engagiert, sang 2021 den treuen Offizier Nabuccos. Eine kleine Partie, für welche Verdi keine interessante musikalische Passage schuf. Trotzdem vermochte der Tenor über sein Talent Zeugnis abzulegen. Wir vermerkten von einem „Fidelio“ eineinhalb Jahre später: „Neben der stimmlich bezaubernden Slávka Zámečniková als Marzelline assistierte Daniel Jenz ihr tadellos in der Art eines Spieltenors, was uns auf seine weitere Entwicklung neugierig macht. Hat doch auch Thomas Moser die Partie des Jaquino vor seinem Florestan gesungen und war nicht einst unser Tenorbuffo Murray Dickie im Salzburger Landestheater für den Alfredo Germont eingeladen worden.“

Im selben Jahr beschrieben wir seinen Leukippos in „Daphne“: „Beim Leukippos von Daniel Jenz klingt noch sehr der Spieltenor nach.“  Noch im Januar 2026 lasen wir in den Kritiken „von einem hervorragenden Jaquino“ bzw. von einem Jaquino, „der einen gut durchgebildeten Buffotenor hören ließ.“

Während wir ein Jahr davor in einer Rezension über „Tannhäuser“ schrieben: „Von den größeren Nebenrollen fiel Daniel Jenz als Walther von der Vogelweide auf. Als Walther wächst er über den Spieltenor hinaus.“ Ein Kollege drückte sich bei einer Aufführung eine Woche später so aus: „Von der Konkurrenz beim Wettbewerb ist Walther von der Vogelweide die ergiebigste Partie und Daniel Jenz kann schön argumentieren.“ Leider erfüllte der Sänger in „Ariadne auf Naxos“ nicht unsere Erwartungen. Der hohe Tenor des Brighella glänzte nicht aus dem Männerquartett heraus. Dafür aber war nach unsrer Überzeugung Daniel Jenz die Idealbesetzung in der kleinen, aber feinen Tenorpartie des Waffenträgers Almerik in Tschaikowskis „Iolanta“.

Daniel Jenz © Marta Buso

Slávka Zámečníková – der Name geht jetzt schon geläufiger von unsrer Zunge – begeisterte uns von der ersten Stunde an. Monteverdi hat sie uns in L’incoronazione di Poppea „vermittelt und vorgestellt“. In einigen Kritiken war von einer Härte der Stimme zu lesen. Wir hörten bei ihrer Poppea Leuchtkraft. Wohl wirkt ihr Gesang etwas anachronistisch, vibratoarm, gegen den üblichen Trend auf Helligkeit und Glanz bedacht, statt auf Rundung. Die Merkerinnen und Merker haben bei ihrer Susanna in „Le nozze di Figaro“ ähnliche Eindrücke: „… mit ihrem glasklaren Sopran …“ oder: „… ihre silbrige Stimme überzeugt.“  Diese wird sogar als „schön timbriert“ gelobt. Eine kritische Äußerung fanden wir: Die Stimme klänge zu kühl für einen lyrischen Sopran. Auch dürfte ihre stimmliche Wohlfühlzone höher beginnen. Von einer Aufführung drei Tage darauf überzeugt sie einen anderen Rezensenten in allen Lagen, sogar in der tief gelegenen Rosenarie, weil sie mit viel Ausdruck gesungen wird.

Großartig soll sie auch zur Donna Elvira, der quasi Ehefrau Don Giovannis, in ihrer Dramatik wie in ihrer Versponnenheit passen. Als Pamina fasziniert die Slowakin, als reizende Nannetta gebührt ihr die Krone bei den Damen in Verdis „Falstaff“. Einzig die Micaëla scheint trotz Höhensicherheit einen früh gewagten Grenzgang darzustellen. Uns bezauberte sie zuletzt am 4. März 2023 nach dem symphonischen Vorspiel in der singspielartigen ersten Szene des „Fidelio“ als Marzelline. Es war ihr bisher letzter Auftritt in dieser Rolle. In der deutschsprachigen „Verkauften Braut“ lobten wir im März dieses Jahrs in der Titelrolle ihre Wortdeutlichkeit.

Slávka Zámečníková © Peter Frolo

27. September 2020, in der Wiener Staatsoper „Don Carlos“, die französische Fassung in französischer Sprache. Musikalische Leitung Bertrand de Billy, Inszenierung Peter Konwitschny. Wir sehnen uns nicht nostalgisch nach Kopien von Größen wie Giulietta Simionato oder Shirley Verrett. Wir begrüßen stimmlich neue Typen mit individueller Note.

An dem Abend Ève-Maud Hubeaux. Manches Mal erschien sie uns als Eboli etwas zerbrechlich. Im September 2023, drei Jahre später, soll sie in Genève (nach 60 Jahren wieder die fünfaktige französisch gesungene Urfassung) eine fulminante Eboli gesungen haben und es knisterte, wenn sie ihren strahlenden Mezzo voll ausschöpfte. Ein Jahr später wieder in Wien in der Neuinszenierung der italienischen Fassung von Kirill Serebrennikov und in italienischer Sprache, wird in der zweiten Aufführung ihr in allen Lagen hervorragend durchgebildeter und höchstdramatischer Mezzosopran als herrschsüchtige, liebeshungrige und temperamentvolle Eboli beschrieben.

Ève-Maud Hubeaux © Shirley Suarez

Von der dritten und vor allem von der fünften Aufführung in derselben Staffel lesen wir, dass ihre Eboli von den letzten Aufführungen der Konwitschny-Inszenierungen in bester Erinnerung war, aber die Erwartungen jetzt nicht ganz erfüllt wurden. Es fehlte ihr – und der Rezensent stellt die Frage: Inzwischen? Im Moment? – in der Mittellage und in der Tiefe an Substanz. Tröstlich die letzte Lektüre: Opéra Bastille 27.11.2025, Die Walküre. Ève-Maud Hubeaux als Fricka singt wunderschön mit einem klangvollen und ausdrucksstarken Mezzo.

Weihnachten 2007 sind wir an der MET Lisette Oropesa als The Dew Fairy (Das Taumännchen) in „Hansel and Gretel“ das erste Mal begegnet und ahnten damals nicht, dass sie dreizehn Jahr später zu unsrer eindrucksvollsten Konstanze aufsteigen wird.

Wird sie uns als Verdis Violetta vom bisher unauslöschlich gebliebenen Leitbild aus den Siebzigerjahren befreien können?

Wir hörten den edlen Klang einer Stimme. Aber was war anders? Oropesas Sopran fühlte sich mädchenhaft an. Wir stellen uns unter der Kurtisane eine zwar junge, aber erfahrene Frau vor. Ihr Verehrer Alfredo kann ohne Weiteres ein wenig jünger wirken.

Im September 2024 waren bisher ihre letzten Abende an der Wiener Staatsoper. Viermal Violetta. Aus der Opernzeitschrift „Der neue Merker“ erfuhren wir von Eva Pleus über ihre Gilda im „Rigoletto“ in der Arena di Verona: „Oropesa war weit entfernt von der puppenhaften Interpretation mancher ihrer Kolleginnen. Ein echter Höhepunkt war das sonst so mechanisch klingende Caro nome, durchdrungen von den seligen Gefühlen einer ersten Liebe.“

Lothar und Sylvia Schweitzer, 13. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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