Verdis Requiem leuchtet klanggewaltig

Giuseppe Verdi Messa da Requiem, Thomas Scherbel, Leitung  Kirche St. Joseph, München, 11. Oktober 2026

Foto: Die Kirche St. Joseph © Frank Heublein

In der ausverkauften Kirche brandet der Beifall voller Begeisterung. Die vier Solistenstimmen beweisen Stärke, sind der von Thomas Scherbel dirigierten Klangwucht von Chor und Orchester in jedem Moment gewachsen. Martin Snell ist ein souveräner Bass. Oliver Ringelhahns Tenor ist entschlossen. Julia Rutiglianos Altstimme ist beherzt, klar und warm. Sopran Miriam Clarks singt gleisend rein. Das klanggewaltige Licht leuchtet – lux luceat – in dieser Aufführung. Schön! Erfüllend!

Giuseppe Verdi (1813 – 1901) Messa da Requiem

Sopran Miriam Clark
Alt Julia Rutigliano
Tenor Oliver Ringelhahn
Bass Martin Snell

Joseph Chor München
Vokalensemble St. Joseph
Freies Landesorchester München

Thomas Scherbel, Leitung

Kirche St. Joseph, München, 11. Oktober 2026

von Frank Heublein

An diesem Sonntagabend erklingt in der Kirche St. Joseph im Münchner Stadtviertel Maxvorstadt die Messa da Requiem von Giuseppe Verdi. Verdis Anstoß zur Komposition eines Requiems war der Tod Rossinis im November 1868. Verdi hatte die Idee, zwölf bedeutende Komponisten Italiens zu einer Gemeinschaftskomposition eines Requiems zum Andenken an Rossini einzuladen. Er steuerte den letzten Teil bei, das Libera me. Die Uraufführung sollte am 1. Todestag Rossinis stattfinden. Guter Plan. Doch das Leben spielte nicht mit. Es wurde nichts aus der Idee. Im Jahr 1873 starb der Dichter Alessandro Manzoni. Verdi bot der Stadt Mailand an, eine Totenmesse zu des Dichters Ehren und Gedenken zu komponieren. Mailand beauftragte Verdi. Er schuf aufbauend auf seinem bereits 1868 komponierten Libera me die restlichen Teile des Werks, dass ich an diesem Abend höre.

Das Ensemble © Robert Kiderle Fotoagentur

Der Chor stellt sich in sieben Reihen auf. Ich schätze den Gesamtkorpus auf etwa hundertfünfzig Sängerinnen und Sänger. Ein sehr großer in diesem Fall aus zwei Ensembles zusammengeführter Chor.Mit Requiem aeternam dona eis, Domine (Ewige Ruhe gib ihnen, Herr) beginnt das Requiem verhalten. Die Stärke des transparenten Klangs in den leisen Passagen des Werks beweist der Chor an diesem Abend durchgehend. Verdi gibt den Solistinnen und Solisten dagegen die herausfordernde Aufgabe, direkt von Anfang an im anschließenden Kyrie volle Pulle mit und über dem Orchester in forte singen zu müssen. Nach diesem heftigen Impuls klingt das Kyrie zart aus.

Wer die Wucht des Dies irae einmal gehört hat, ich glaube, jeder Bauch erinnert sich: Die Schrecken des Jüngsten Gerichts! Brachiale Wucht erzeugen Chor und Orchester. So beginnt das Dies Irae: Dies irae, dies illa, / solvet saeclum in favilla (Tag der Rache, Tag der Sünden, / wird das Weltall sich entzünden). Chor und Orchester schmettern, die Komposition zwingt zum extremen Rand des Wohlklangs. Das Dies irae wandert zwischen leisem Flirren und Klangexplosion.

Sopran Miriam Clark, Alt Julia Rutigliano, Tenor Oliver Ringelhahn und Bass Martin Snell beweisen in den Teilen des Dies irae exzellente Stimmenpassung. Können dem gewaltigen Chor stimmlich Paroli bieten, sind gefordert und setzen sich erfolgreich über das Orchester.

Der Chor in den leisen Sequenzen transparent, verliert in meinem Ohr an ein paar Forte Stellen Klarheit. Der Klang verliert an Präzision. Im Schlussteil des Dies irae: Lacrimosa dies illa (Tag der Tränen, Tag der Wehen) fordert Verdi wieder volle Kraft von Chor und Orchester ein. In der Wiederholung durch die vier solistischen Stimmen entsteht insbesondere bei Sopranistin Miriam Clark im innigen Kontakt mit dem Chor ein durchscheinendes Gleisen im piano, das sich mit dem musikalischen Aufschrei – fortissimo! – abwechselt.

von links: Martin Snell, Oliver Ringelhahn, Julia Rutigliano, Miriam Clark, Thomas Scherbel © Robert Kiderle Fotoagentur

Das Offertorium ist hell, die Flöte leuchtet. Die vier solistischen Stimmen stehen im klanglichen Zentrum.  Sopran Miriam Clark lässt mich mitschweben. Das Sanctus und Benedictus beginnt der Chor durch Blechbläser untermalt. Die leisen Chorstellen sind wunderschön, im Forte verliert der Chor auch hier an Stellen seine chorale „Einstimmigkeit“. Das Agnus Dei beginnt mit einem wunderbar zartem a capella Duett von Sopranistin Miriam Clark und Altistin Julia Rutigliano. Chor und Orchester stoßen hinzu. Mich erfüllt warme Innigkeit. Im Lux aeterna sind die drei Solisten der Stimmen Alt, Tenor und Bass am Start. Ich denke; Moment mal, Verdi gibt der Altstimme viel mehr Raum als der Sopran Stimme. Das Libera me wird mich eines Besseren belehren. Flirrende Streicher, Die Flöte leuchtet erneut. Requiem aeternam dona eis – wie schon zu Beginn des Stücks verbreitet sich in mir die von den Stimmen getragene wärmende Ruhe.

Der Schlussteil der Missa da Requiem ist das Libera me. Der Ursprung. Doch in der Stückabfolge höre ich die ersten Töne des Dies irae irae hier zum dritten Mal. Davor leitet Sopranistin Miriam Clark solistisch ein: Libera me, Domine, / de morte aeterna (Befreie mich, Herr, / vom ewigen Tod). Rein, zart, zugleich sehnend, dann fordernd. Ausdrucksstark gesungen! Der Sopran gestaltet diesen Schlussteil seitens der Solopartien alleine. Damit ist das Gleichgewicht hergestellt, wie die Solostimmen dieses Stück prägen und ausgestalten dürfen. Chor und Orchester beweisen in diesem letzten Teil des Werks absolute klangliche Klarheit auch im Fortissimo.  Wunderbar höre ich Sopran, Chor und Orchester präzise, einzeln und zugleich formt sich ein gemeinsamer Klang. Großartig! Mein stärkster Spürmoment der Aufführung. Leise verhallt das chorale Libera me, Domine (Befrei mich, Herr).

Thomas Scherbel © Robert Kiderle Fotoagentur

Thomas Scherbel hat seine Musikmannschaft im Griff, formt das starke Wogen gekonnt aus. Das freie Landesorchester München folgt seiner Rolle in der Komposition gut: die solistischen und choralen Stimmen zu unterstützen. Dieses Werk von Verdi setzt den Fokus auf die Stimmen. Der Chor zeigt insbesondere in den leisen Passagen seine Klasse. Martin Snell ist ein souveräner Bass. Oliver Ringelhahns Tenor ist entschlossen. Julia Rutiglianos Altstimme ist beherzt, klar und warm. Sopran Miriam Clarks singt gleisend rein. In der ausverkauften Kirche brandet der Beifall einhellig, voller Wohlwollen und Begeisterung.

Frank Heublein, 12. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem Konzerthaus Wien, 7. Dezember 2024 

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem Berliner Dom, 16. November 2024

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem Opernhaus Zürich, 1. April 2024, Wiederaufnahme

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