Foto © Reinhard Winkler
++++PREMIERE++++LOHENGRIN++++LINZ
In Linz beginnt’s. Nachdem Christoph Koncz bereits bei den Wiener Philharmonikern als Stimmführer aktiv war, gibt er nun als Dirigent den Ton an. Der designierte Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz hat mit Richard Wagners „Lohengrin“ einen vom Publikum massiv bejubelten Premierenabend gefeiert. In der Neuproduktion von Michael Schulz führt Koncz das Orchester mit viel Energie durch den Abend, lässt aber Potenzial nach oben erkennen. Die Regie bietet interessante Einfälle.
Richard Wagner, Lohengrin
Musiktheater Linz, 10. Oktober 2026 (Premiere)
Christoph Koncz, Dirigent
Michael Schulz, Regie
Dirk Becker, Bühne
Bruckner Orchester Linz
von Jürgen Pathy
Dass man dabei nicht rundherum in den Sog der Partitur gezogen wird, ist auf die Klangqualität im Tutti des Orchesters und einzelner Holzbläser zurückzuführen. Keine Frage: Das Bruckner Orchester Linz lässt in einzelnen Stimmen seine Klasse hervorblitzen. Besonders in der Solo-Oboe oder bei den Celli, die Wagners Klangzauber dort entfalten, wo dunkle Orchesterfarben das düstere Geschehen unterstreichen.
Die lichten, schwebenden Passagen könnten wiederum öfter zur Geltung kommen – wie im 2. Akt bei Elsas „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, wo das Orchester zu einer überirdisch klingenden Transparenz findet. Andernorts wirken die sphärischen Klangfarben fleischig und erdig, wie bereits die hohen Violinen im Vorspiel erkennen lassen.
Lohengrin mit engelsgleichem Timbre
Die Titelpartie ist mit Marco Jentzsch besetzt, der jene knabenhafte Gesangslinie fortführt, die man mit Klaus Florian Vogt in dieser Rolle eingeschlagen hat. Ein helles Timbre, engelsgleich, wenn auch nicht mit jener Kraft und Stütze, die Vogt an den Tag legt. Dafür als Gestalt, die alle anderen auf der Bühne um einen Kopf überragt, eine anmutige Erscheinung.
Die Elsa ist mit Dorothea Herbert äußerst solide besetzt. Sie zeichnet eine klare vokale Linie und lässt bis zum Schlussakt mit verständlicher Deklamation aufhorchen.
Mehr Wohlklang als Boshaftigkeit
Das böse Gegengewicht in Gestalt von Telramund und Ortrud zeigt bezüglich der Aussprache ebenso seine Qualitäten, lässt beim Bariton Adam Kim allerdings in puncto Boshaftigkeit etwas vermissen. Eine Art Telramund-light, der eine wohltuende Stimmfärbung ins Rennen wirft und durchwegs klar und deutlich seine Verzweiflung artikuliert.
Dass man Ortruds Intrigenspiel und dunkle Macht nicht ganz zum Leben erweckt, liegt nicht allein an der nicht immer dämonischen Julia Faylenbogen. Ihr Mezzo ist warm timbriert, mit ausgeprägten dunklen Nuancen, manchmal gar von leicht metallischem Anflug. Ihre Auflehnung gegen die christliche Ordnung könnte allerdings durch ein längeres Auskosten der Generalpausen gesteigert werden, wie auch durch dynamisch kontrastreichere Ausbrüche. Hier ist auch Christoph Koncz im Graben gefordert. Denn gerade diese Stille, der bewusste Kontrast, unterstreicht erst die Boshaftigkeit, die Ortruds Wesen ausmacht. Gerade als sie blasphemisch gegen den christlichen Glauben wettert.
Regie zwischen Krampf und Geistesblitz
Was sich auf der Bühne abspielt, ist hingegen der Fantasie von Regisseur Michael Schulz entsprungen. Er verortet Wagners Oper über bedingungslosen Glauben und Vertrauen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dirk Becker entwirft dafür einen Raum, der nach hinten eine weitere Theaterbühne freigibt: ein Theater im Theater. Mal nimmt Elsa dort Platz, um das Geschehen zu beobachten, mal Ortrud, schließlich der Chor, das Volk.
Dass Schulz den religiösen Symbolgehalt beinahe wortwörtlich nimmt, offenbart der Schwan. Den lässt er als Engelsgestalt mit mächtigen Flügeln wie aus einer cineastischen Fantasie erscheinen. Eine Art Conchita-Wurst-Verschnitt mit weißer Perücke, dessen Anblick etwas Widersprüchliches in sich birgt. Gut möglich, dass Schulz diese surreale Überhöhung bewusst anlegt. Denn am Ende erscheint der junge Gottfried ebenfalls engelsgleich, legt jedoch die Flügel ab und verweigert die Annahme der Krone. Vielleicht liegt gerade in dieser Geste Schulz’ Botschaft: Nicht ein weiterer Heilsbringer soll die Geschicke des Volkes bestimmen, sondern die Befreiung vom Glauben an eine unantastbare Autorität.
Das krampfhafte Einbinden von TV-Installationen hätte man sich hingegen sparen können. Das inhaltslose Erscheinen von KI-generierten Bildern erfüllt keinen ersichtlichen Zweck.
König Heinrich thront auch stimmlich über allen
Der König in Person von Michael Wagner hingegen verdient besonders positive Erwähnung. Mit einer Stimme, die weich strömt und zugleich natürliche Autorität ausstrahlt, krönt er diese Vorstellung. Ebenso überzeugend präsentiert sich der Chor des Landestheaters Linz, der seine Qualität mit außerordentlich sauberer Intonation unter Beweis stellt.
Jürgen Pathy, 11. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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