© Matthias Creutziger
Eine singuläre Meisterleistung
Auf der Achse zwischen Wien und Salzburg erleben wir einen einmaligen spektakulären goldenen Herbst der Bruckner-Interpretation! So dicht nacheinander lassen sich musikalische Höhenflüge selten erleben. Der Oktober 2026 schreibt sich schwergewichtig in die sinfonische Aufführungsgeschichte des zu seinen Lebzeiten vielfach unverstandenen Komponisten ein, der sicher viel dafür gegeben hätte, seine Schöpfungen derart vollendet zu erleben! Noch dazu im sakralen Raum!
Dom zu Salzburg, 10. Oktober 2026
Anton BRUCKNER (1824–1896): Symphonie Nr. 7 (WAB 107)
Christian THIELEMANN
Symphonieorchester der Universität Mozarteum
von Kirsten Liese
Kirchenräume sind aufgrund des meist starken Nachhalls schwierig zu bespielen. Aber wie bei Bachs Passionen hat es natürlich seinen unbezwingbaren Reiz, wenn die Sinfonien Bruckners – ihrerseits imposante Kathedralen in der Architektonik und von der Königin der Instrumente, der Orgel her empfunden – in einem Dom erklingen.
Unwillkürlich denkt man an die Stiftskirche in St. Florian, unter deren Orgel der Komponist begraben liegt. Aber für dieses besondere Konzert war diese definitiv nicht der richtige Ort. Denn hier gab Christian Thielemann seinen Einstand als Professor am Mozarteum in Salzburg, wo er zusammen mit seinen Assistenten Martin Fuchsberger und Jobst Schneiderat ab dem beginnenden Semester Studenten im Dirigieren ausbilden wird.
Großer Bahnhof für die Prominenz
Ein solches Antrittskonzert in der berühmten Festspielstadt hat freilich nicht nur einen festen Platz in meinem Terminkalender als bald 30-jährige Chronistin des Dirigenten, sondern bei zahlreichen Prominenten aus Kultur und Politik.
Helga Rabl-Stadler, die Grande Dame des Salzburger Kulturlebens und ehemalige Festspiel-Präsidentin, die in den vorderen Reihen unter der Kuppel des restlos ausverkauften Doms, dem Wahrzeichen der Stadt, Platz nahm, führte diese Riege an.
Dass meine Augen allerdings auch Sarah Wedl-Wilson im Publikum entdecken mussten, bereitete mir Unbehagen. Schließlich war die gut vernetzte Kulturmanagerin als Aufsichtsratsvorsitzende der Osterfestspiele Salzburg maßgeblich daran beteiligt, 2022 Christian Thielemann als künstlerischen Leiter der Osterfestspiele zu vertreiben, um damit die Weichen für die Rückkehr der Berliner Philharmoniker zu bereiten. Dass sie jetzt, nachdem sie wegen dubioser Machenschaften auch als Berliner Kultursenatorin zurücktreten musste, den Schneid hat, sich hier zu zeigen, finde ich gelinde gesagt beschämend. Auch, wenn die Ironie des Schicksals sie vermutlich als ehemalige Vizerektorin und Interimsrektorin der Universität Mozarteum an diesen Ort geführt hat.
Gewaltiger Hall im Dom
Wie gewaltig der Nachhall speziell im Salzburger Dom ist, ließ sich schon in den ersten Takten vernehmen, als sich die Celli mit ihrer betörend schönen aufwärtsstrebenden Melodie erhoben. Nur ein Klangzauberer allerhöchsten Ranges vollbringt es, dass sie unter den Gegebenheiten in berückender Schönheit gelingen. Christian Thielemann ist dieser Solitär, ihm ist es gegeben, seine hochsensiblen Ohren auf die schwierigsten akustischen Verhältnisse passgenau auszurichten. Der Graben des Bayreuther Festspielhauses, an dem nicht wenige andere Granden haushoch scheiterten, steht beispielhaft dafür.
Für die Tücken in der Kathedrale tauscht er kurzerhand souverän sein „Bayreuth-Ohr“ gegen ein ebenso hochsensibles „Salzburger Dom-Ohr“ aus.
Was er hier leistet, insbesondere in den Ecksätzen und im Scherzo mit dem markanten Trompeten-Thema, erscheint einzigartig. Schon nach wenigen Minuten hat man den Dauerhall vergessen, staunt, dass die kostbar erarbeiteten Details in Klang und Dynamik sich trotz der Gegebenheiten klar vernehmen lassen.
Die hoch hängenden Früchte
Die im Orchester versammelten Studenten werden über diese Bewährungsprobe schon einmal mit den Ansprüchen des Meisters vertraut, die sich an Spitzenorchestern orientieren.
„Die Früchte hängen hoch“, sagte Thielemann vorab im Interview mit den Salzburger Nachrichten.
Klare Ansage! Die limitierte Zeit eines Ausnahmekünstlers reicht schließlich nur, um sie jungen Künstlern zu widmen, die in den Olymp der Klassik streben.
Die Früchte hängen aber noch aus einem anderen Grunde hoch. Die Wiener Musikwelt kniet gerade nach einer phänomenalen Wiedergabe von Bruckners Achter vor noch einem anderen Giganten nieder. Das Thielemann gewiss nicht entgangen.
Ihm, der mit den Wiener Philharmonikern alle elf Sinfonien des oberösterreichischen Spätromantikers famos in Bild und Ton verewigte, muss allerdings niemand vormachen, wie ein Bruckner schwer-dunkler Blüte zu tönen hat. Und sei es im Salzburger Dom, in den sich wohl kaum ein anderer überhaupt erst wagen würde. Mit absolutem Maximum an künstlerischer Potenz kontert er das Wiener Beben.
Nicht eine einzige Frucht bleibt da am Baume hängen. Auf einem Silbertablett serviert er die ertragreiche Ernte.
Bruckners Herzstücke – die langsamen Sätze
Die langsamen Sätze, die feierlichen Adagios, stets Bruckners Herzstücke, sind seine Spezialität. Wenn die Streicher mit dem Thema einsetzen, dass mit zwei Vierteln und einem folgenden punktierten Viertel aufsteigend beginnt, markig mit dichten breiten Bogenstrichen vorgetragen, ist die feierliche Atmosphäre besonders intensiv zu spüren, eine höchste Andacht waltet da im Raum. Nicht immer höre ich diese aufwärtssteigende Skala in dieser majestätischen Schönheit. Die Akzente, die der Komponist vorgibt, sind vernehmbar, zugleich aber spielen die jungen Leute hier wie es sein soll: Linien ohne jedwede Löcher dazwischen, wie leider in anderen Aufführungen vielfach zu hören.
Ein Traum ist natürlich wie in allen grandiosen Interpretationen dieser Sinfonie das zärtliche Thema in den Violinen mit den begleitenden Achteln in den Violen und Celli, die ihm einen fast wiegenliedähnlichen Charakter geben. Bei aller weltlichen Glückseligkeit liegt darin in Thielemanns Dom-Aufführung auch etwas Heiliges.
Das nenne ich die hohe Kunst des Transzendierens.
Das Adagio geht freilich wie in dieser Aufführung am tiefsten ins Herz, wenn es die Ruhe verströmt, die Bruckner in seiner Partitur vielfach ausdrücklich vermerkt.
Wie lange ein voll tönendes Orchester unter der Domkuppel nachhallt, wird vollends in den Generalpausen des Finalsatzes bewusst. Gefühlt sind es 20 Sekunden. Und dennoch gelingt es Thielemann, die feierlich crescendierenden, triumphalen Schlusstakte mit allem erdenklichen Glanz und Gloria auszukosten.
Der goldene Bruckner-Herbst
Auf der Achse zwischen Wien und Salzburg erleben wir einen einmaligen spektakulären goldenen Herbst der Bruckner-Interpretation! So dicht nacheinander lassen sich musikalische Höhenflüge selten erleben. Der Oktober 2026 schreibt sich schwergewichtig in die sinfonische Aufführungsgeschichte des zu seinen Lebzeiten vielfach unverstandenen Komponisten ein, der sicher viel dafür gegeben hätte, seine Schöpfungen derart vollendet zu erleben! Noch dazu im sakralen Raum!
Auch Sergiu Celibidache, dessen Name manchen Lesern meiner Texte heute noch als Provokation erscheint, die sich beschweren, dass ich den Rumänen und nicht vergleichsweise Karajan gerne zum Vergleich heranziehe, hätte vor dieser Interpretation seinen Hut gezogen. Er selbst, den es oft in die Stiftskirche St. Florian zog, wusste allzu gut um die Schwierigkeiten. Nicht, dass ich nicht auch etliche Aufnahmen von Karajan als große Schätze in meinem Plattenregal hüte. Aber was Bruckner betrifft, war der Rumäne nun doch eben der König unter den großen Brucknerdirigenten, der sich mit seinen Wiedergaben in Stratosphären bewegte, die für andere unerreichbar blieben und bleiben. Wenn ich also einen Dirigenten der Gegenwart im besten Sinne an Celibidache messe, ist das die höchste Auszeichnung, die ich als Kritikerin zu vergeben habe.
Am Ende hat das Publikum im restlos ausverkauften Salzburger Dom eine singuläre Meisterleistung erlebt.
Kirsten Liese, 11. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Blu-ray-Rezension: Bruckner 11, Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann 9. September 2023