Eine florentinische Tragödie Dmitry Golovnin (Guido Bardi) Johan Reuter (Simone) Asmik Grigorian (Bianca) © Wiener Staatsoper / Marcel Urlaub
Zemlinsky und Bartók fesseln in der Wiener Staatsoper
Stellen Sie sich vor, Ihre Beziehung sei am Ende. Ein Psychologe schlägt innerhalb einer Paartherapie ein Rollenspiel vor, um zu erörtern, was falsch läuft und weshalb. Gute Idee womöglich, aber was passiert, wenn das Spiel aus dem Ruder läuft und zum blutigen Ernst wird? Regisseur Vasily Barkhatov lässt die beiden Einakter, Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ an der Wiener Staatsoper in ein Hitchcock-reifes Horrordrama driften.
Wiener Staatsoper, 12. Oktober 2026
Alexander von Zemlinsky, „Eine florentinische Tragödie“
Bela Bartók, „Herzog Blaubarts Burg“
Asmik Gregorian, Sopran
Johan Reuter, Bassbariton
Dmitry Golovnin, Tenor
Florian Boesch, Bassbariton
Alain Altinoglu, Dirigent
Orchester der Wiener Staatsoper
Vasily Barkhatov, Inszenierung
von Dr. Andreas Ströbl
Blutiges Ende einer Paartherapie
Bianca und Simone verstehen einander nicht mehr; sie fühlt sich nicht wahrgenommen, er blockt ab. Klassisches Bild einer zerrütteten Ehe vor dem Hintergrund traditioneller Rollenbilder. Der Paartherapeut schlägt vor, in Figuren aus dem Florenz der Renaissance zu schlüpfen. Da war das ja alles noch greifbarer, polarisierter. Extremisierung als Mittel des Verständlichmachens von Konflikten und des Verstummens eines früher einmal existenten Dialogs – das sollte doch funktionieren, oder?
In der Tat scheint der Plan aufzugehen, denn die beiden Ehepartner treten in Interaktion, offenbaren das, was sie wirklich vom anderen denken und eben nicht mehr für ihn fühlen. Diese Liebe ist so totgrau wie der Sichtbeton im integrierten Verkaufs- und Wohnbereich des Händlers Simone, einer echten kleingeistigen Krämerseele. Die Bühne von Christian Schmidt zeichnet ein greifbares Psychogramm: Nach außen hin ist alles schick und repräsentativ, aber hier wohnt und arbeitet man nur, leben und lieben lässt sich hier nicht. Die teure Sitzgruppe wird zum Nebeneinander von Psychologencouch und Therapeutensessel; dass der Herr des Hauses das Ganze und vor allem seine Frau meist nicht ernstnimmt, wird mehr als deutlich. Die modernen Kostüme von Stefanie Seitz sind entsprechend jetztzeitig.

Das Geniale an Barkhatovs Konzept ist, unter anderem, dass Abweichungen des Bühnengeschehens vom Libretto dem Rollenspiel geschuldet sein könnten, aber er bleibt immer ganz dicht am Text. Als Schwerter dienen Muster von messingglänzenden Gardinenstangen, die eben nur gülden scheinen, es aber nicht sind. Wirklich golden und üppig erstrahlt Zemlinskys Musik, die das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Alain Altinoglu in edler Fülle und seelischer Abgründigkeit flirrend leuchten lässt. „Cellini schuf zur Augenlust des großen Lorenzo Schönres nie“, vergleicht Simone einen seiner Stoffe mit den Meisterwerken des Königs der Goldschmiede – Benvenuto Cellinis prachtvolle Saliera berückt ja nur wenige Hundert Meter entfernt im Kunsthistorischen Museum täglich die staunenden Besucher. So etwas funktioniert eben nur an der Wiener Oper in bildlicher Gänze.
Mitunter haben es der Tenor Dmitry Golovnin als Therapeut/Guido Bardi und der Bassbariton Johan Reuter, der für den erkrankten Christopher Maltman eingesprungen ist, in der Rolle des Simone schwer, gegen das machtvolle Orchester anzukommen; beide bestechen aber durchweg in den Pianopassagen. Zudem sind ihre schauspielerischen Leistungen absolut überzeugend; das ist Personenregie vom Feinsten. Auch Asmik Gregorian spielt beängstigend gut, zudem dringt ihr klarer und aufragender Sopran durchweg mühelos durch jedes Forte des Klangkörpers.
Am Ende ist der Psychologe tot und das Paar hat sich offenbar wiedergefunden – in der Erkenntnis, dass man den anderen jahrelang nicht in seinen echten Qualitäten wahrgenommen hat. So kann man eine Paartherapie auch vermeintlich erfolgreich abschließen.
Schreckenskammern der Seele
Die Kombination dieser beiden Kurzopern gab es ja erst jüngst in Hamburg. Hier wird die Beziehung bzw. ihr Scheitern und auch die Möglichkeit der Rettung unter die Lupe genommen. Nach der Pause liegt das Paar beieinander, der gemeuchelte Therapeut mit der Gardinenstange im Bauch daneben.
Die beiden machen alleine weiter; nun erforscht Judith (wiederum eine glänzende Asmik Gregorian) die seelischen Abgründe ihres Gatten. Florian Boesch gibt einen beeindruckend markigen und mit seiner eigenen schwarzen Psyche ringenden Herzog Blaubart. Der Bassbariton singt bedrohlich voll und zugleich mit vorsichtigem Innehalten, weil er diese Frau eigentlich vor dem blutigen Schicksal ihrer Vorgängerinnen bewahren möchte.
Auch hier beeindruckt eine enorme Kongruenz von Spiel und Text. Die bluttriefenden Mauern der Burg, die Judith mit ihren Lippen trocknen will, das ist der Schutzpanzer des Gatten, den sie mit schmiegender Nähe zu durchbrechen sucht. Geht es um den seidenen Rock, zieht Judith sich den ihren an; wird das Nicht-Sehen-Sollen thematisiert, nimmt Blaubart ihr die Brille ab. Ist im Libretto ihre Hand im Spiel, führt er diese küssend an seine Lippen.

Und so dringt sie tiefer und tiefer in eine Psyche, die ein Arsenal an Traumata in sich verschlossen hielt. Wenn man einmal mit einem Menschen voller alter Verletzungen zusammen war, und weiß, wie es sich anfühlt, wenn man durch echtes Verständnis und aufrichtige Nähe helfen will, dann erscheint diese Produktion erschreckend realistisch. Man weiß im besten Falle aber auch, daß man nicht gleichzeitig Lebenspartner und Therapeut sein kann.
Bartóks Musik mit ihren schreienden Dissonanzen, dem schaurigen vielschichtigen Grollen und einer sich steigernden Anspannung verschaffen die Wiener eindrucksvoll einen finsteren Raum, in allen Gruppen und Soloinstrumenten.
Die verschiedenen Kammern werden sehr intelligent durch gleichermaßen eindrückliche, wie auf das Wesentliche reduzierte Video-Projektionen von Roland Horvath greifbar gemacht. Harte Zacken sind die Foltergeräte, hier aber gleichzeitig die Dornen des eigenen Schmerzes. Der Spiegel, in dem sich Judith erblickt, zerbirst, und damit der ganze Raum; Alexander Sivaevs Lichtregie schafft beängstigende Effekte.

Am bedrückendsten ist der Tränensee, denn hier betritt das Paar ein leeres Kinderzimmer. Zur seelendurchwirbelnden Musik der Szene, die einem einen Schauer nach dem anderen über den Leib jagt, bewegen sich die Schaukel und der Teddy, die Lichterkette leuchtet auf wie in einem Horrorfilm. Hitchcock hätte das nicht besser machen können. Haben die beiden ein Kind verloren oder nie eines bekommen können? In jedem Falle ist hier ein gemeinsames existentielles Trauma nicht aufgearbeitet worden.

Dann wird es noch spannender: Wird Judith das nächste Opfer sein? Barkhatov wendet das Grauen jedoch in die Erlösung: Der tote Therapeut wird in den Bettkasten entsorgt, was wirklich etwas an Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ erinnert, das Bett frisch bezogen und das Paar schmiegt sich aneinander. Ende gut, alles gut? Oder haben die beiden sich nicht eben ein echtes neues, aber gemeinsames Problem geschaffen?

Faktum ist, dass diese Inszenierung großartig gelungen ist, und ein Abend mit phantastischen Einzelleistungen, vor allem aber einer glutvoll umgesetzten Musik bejubelt wird. Auch im immer leerer werdenden Saal klatscht ein begeistertes Restpublikum die Solisten immer wieder vor den Vorhang. Beeindruckend, vor allem aber innerlich nachwirkend.
Dr. Andreas Ströbl, 13. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Frauenliebe und -sterben, Regie Tobias Kratzer Hamburgische Staatsoper, 12. April 2026 PREMIERE
Eine Florentinische Tragödie/Herzog Blaubarts Burg Wiener Staatsoper, 3. Oktober 2026 PREMIERE
Béla Bartók, Herzog Blaubarts Burg, Minimal Opera Kammerspiele, München, 15. März 2026