Cristian Măcelaru zwingt zwei ungleiche Brüder in ein scharfes Licht

Béla Bartók  Konzert für Orchester, Der wundersame Mandarin  klassik-begeistert.de, 31. Oktober 2026

CD-Besprechung:

Ein schäbiges Zimmer im Hinterhof einer Großstadt, drei gierige Gauner, ein ausgebeutetes Mädchen und ein mystöser Mann, dessen Begehren so grenzenlos ist, dass ihn selbst Messer, Strick und Säbel nicht töten können. Als Béla Bartóks Tanzpantomime „Der wundersame Mandarin“ vor hundert Jahren in Köln das Licht der Welt erblickte, reichten wenige Taktstriche, um das bürgerliche Publikum in Raserei zu versetzen. Der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer reagierte promt und verbot das Werk wegen grober Unsittlichkeit.

Béla Bartók

Konzert für Orchester
Der wundersame Mandarin

WDR Rundfunkchor
WDR Sinfonieorchester

Cristian Măcelaru, musikalische Leitung

Linn Records, CKD806

von Dirk Schauß

Hundert Jahre später hat die Faszination für diesen fiebrigen, großstädtischen Albtraum keineswegs nachgelassen. Das Label Linn Records nimmt den runden Geburtstag der Kölner Skandalpremiere zum Anlass für eine Veröffentlichung, die den Mandarin mit Bartóks späten, in den USA entstandenen „Konzert für Orchester“ koppelt. Am Pult des WDR Sinfonieorchesters steht deren ehemaliger Chefdirigent Cristian Măcelaru. Es ist der zweite Teil einer ambitionierten Bartók-Reihe, der zweierlei zeigt: Wie nah Grausamkeit und Eleganz beieinanderliegen und wie gefährlich sauber eine Orchestermaschine heutzutage laufen kann.

Man muss sich die historische Situation noch einmal klar vor Augen führen. Auf der einen Seite steht der bilderstürmerische Mandarin, 1919 konzipiert inmitten der Trümmer des ersten Weltkriegs, eine Musik voll beißender Ironie, zuckender Rhythmen und einer schmerzhaften Physis. Auf der anderen Seite steht das „Konzert für Orchester“, geschrieben 1943 im amerikanischen Exil, als der schwerstmütige, vom Leukämieleiden gezeichnete Komponist bereits mit dem Leben abschloss. Serge Koussevitzky musste Bartók das Werk mit einem Scheck förmlich abringen. Dass Linn Records diese beiden Monumente auf einer einzigen Hybrid-SACD vereint, wirkt auf den ersten Blick wie der Versuch, die zwei extremen Pole im Schaffen des Ungarn nebeneinander zu stellen: Das apokalyptische Frühwerk und die altersmilde, bittersüße Synthese.

Măcelaru entscheidet sich für eine ungewöhnliche Reihenfolge und lässt die CD mit dem „Konzert für Orchester“ beginnen. Das ist mutig, nimmt es dem Hörer doch die gewohnte chronologische Beruhigung. Die einleitende Introduzione wächst aus einer dunklen, beinahe mystischen Tiefe der tiefen Streicher heraus. Das WDR Sinfonieorchester agiert hier mit Transparenz. Jede Stimmführung ist hörbar, jede Phrasierung sitzt auf den Punkt. Im berühmten zweiten Satz, dem Giuoco delle coppie, lassen die Holzbläser ihre Paartänze mit einer staubtrockenen Präzision aufblühen. Die Fagotte, Oboen und Klarinetten werfen sich die Motive wie geschulte Akrobaten zu. Das klingt kultiviert, fast ein wenig zu aufgeräumt. Man vermisst hier und da den bitteren Nachgeschmack, die Spur von Heimweh und Entfremdung, die diese Musik durchzieht.

Erst in der zentralen Elegia wagt Măcelaru den Griff ins Volle. Die Streicher klagen ohne falsches Pathos, die Holzbläser werfen kleine, scharfe Lichter ein, und das Orchester entwickelt einen Sog, der den Hörer direkt in die zerrissene Seele des schwerkranken Komponisten blickt. Das anschließende Intermezzo interrotto mit seiner frechen Parodie auf Schostakowitschs Leningrader Sinfonie und Lehárs Lustige Witwe gelingt wunderbar spöttisch. Die Posaunen glitschen mit einer köstlichen Beiläufigkeit in das triviale Hauptthema hinein, dass man unwillkürlich schmunzeln muss. Das fulminante Finale schließlich ist ein rasender Kehraus, in dem die Kölner Musiker ihre erstaunliche geläufige Technik demonstrieren. Das Orchester rast mit atemberaubendem Tempo durch die Fugenpassagen, ohne je die Kontrolle zu verlieren. Es ist ein Triumph der Orchesterkultur, glatt, glänzend und von souveräner Hand geführt.

Doch dann folgt der eigentliche Härtetest der Aufnahme: „Der wundersame Mandarin“. Wenn die ersten Akkorde der Einleitung erklingen, erwartet man das pure Chaos. Măcelaru jedoch begegnet dem urbanen Moloch nicht mit roher Gewalt, sondern mit deutlicher Struktur. Das ist spannend und verstörend zugleich. Die wilden Streicherläufe und die schreckend dissonanten Bläsereinwürfe wirken bei ihm keineswegs wie ein zufälliger Lärmausbruch, sondern wie ein prachtvoll konstruiertes Räderwerk des Schreckens. Man kann die Partitur förmlich mitlesen. Das Mädchen lockt die Opfer an, die Klarinetten locken mit einer feinen Melancholie, die keineswegs billig verführt, sondern eine seltsam unheimliche Anziehungskraft ausübt. Als der Mandarin schließlich den Raum betritt, lässt Măcelaru das Orchester dunkel und schwer aufstampfen. Die anschließende Verfolgungsjagd gerät zu einem rasanten Tanz auf dem Vulkan.

Doch wo andere Dirigenten das Orchester in die Anarchie treiben, behält der rumänische Dirigent stets das Zügel fest in der Hand. Das tut der Präzision gut, nimmt dem Geschehen aber stellenweise die letzte, schmutzige Gefahr. Besonders beeindruckend gelingt die Szene, in der die drei Gauner versuchen, den Unsterblichen aufzuhängen. Das leise, unheimliche Kriechen der Streicher im Pianissimo erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Wenn der leuchtende Körper des Gemarterten im Raum schwebt, zeigt das WDR Sinfonieorchester, zu welch feinsinnigen Schattierungen es fähig ist. Der Choreinsatz des WDR Rundfunkchors fügt sich nahtlos und geisterhaft in dieses Tableau ein. Es ist eine Interpretation von analytischer Schärfe. Măcelaru buhlt nicht um den billigen Effekt der Lautstärke, sondern schält die modernen, zukunftsweisenden Harmonien frei.

Was bleibt von diesem Bartók-Porträt zum 100. Jubiläum des Kölner Skandals? Das WDR Sinfonieorchester präsentiert sich unter Cristian Măcelaru als Klangkörper der Spitzenklasse. Die aufnahmetechnische Einfangung durch Linn Records ist glasklar, räumlich staffelnd und lässt kein Detail der komplexen Partituren im Dunkeln. Wer den Mandarin als reines, blutrünstiges Lärmspektakel hören möchte, wird hier vielleicht die letzte, ungezügelte Wildheit vermissen. Wer aber wissen will, wie viel mathematische Struktur und filigrane Schönheit selbst in den grausamsten Passagen dieser Musik steckt, bekommt eine hochintelligente Einspielung geboten. Kölner Bürgerschreck und amerikanische Altersweisheit begegnen sich auf dieser CD als ebenbürtige Meisterwerke – serviert auf einem silbernen, präzisen Tablett.

Dirk Schauß, 31. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Kian Soltani, Solist, WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru Alte Oper Frankfurt, 28. Januar 2026

Matthias Goerne, WDR Sinfonieorchester, Cristian Măcelaru Kölner Philharmonie, 1. September 2023

NDR Elbphilharmonie Orchester, Thomas Hengelbrock, Evgeny Kissin, BÉLA BARTÓK, GUSTAV MAHLER, Elbphilharmonie, Hamburg

Festival des NDR, „Kosmos Bartók“ Elbphilharmonie, 2. Februar – 10. Februar 2024

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