Foto: Copyright by hr/Aiga Redmane
Der hr-Sendesaal an diesem späten Oktoberabend bot das vertraute Bild eines Publikums, das sich nach verlässlicher Erbauung sehnt und dafür ein stramm programmiertes Format freudig in Kauf nimmt. Wer allerdings glaubte, in dieser kompakten Konzertform lediglich eine brave Pflichtübung abzusitzen, sah sich rasch eines Besseren belehrt.
Konzert des hr-Sinfonieorchesters,
hr-Sendesaal, Frankfurt, 30. Oktober 2026
Robert Schumann
Cellokonzert a-moll op. 129
Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43
Anton Spronk, Cello
hr-Sinfonieorchester
Aivis Greters, musikalische Leitung
von Dirk Schauß
Es liegt eine merkwürdige Magie in solchen Abenden, wenn ein junger Dirigent die Bühne betritt und den etablierten Routinen des Orchesterbetriebs den Feinstaub aus den Partituren bläst. Aivis Greters heißt der Mann, er stammt aus dem Baltikum, jener erstaunlichen Keimzelle besonderer Taktstockbegabungen, und er bringt eine Haltung mit, die manch arriviertem Pultstar längst abhandengekommen ist: unbedingten Gestaltungswillen ohne eitles Posieren. Kerzengerade steht er da, der Blick scharf wie ein Skalpell, die Gestik von einer glasklaren Disziplin, die den Musikern gar keine andere Wahl lässt, als ihrerseits an die Reserven zu gehen.
Den Auftakt machte Robert Schumanns Violoncellokonzert, ein Werk, das sich jeder plumpen Virtuosenpose verweigert und stattdessen den Solisten in eine lyrische Intimität lockt, die mancher Geiger oder Cellist gern mit gepflegter Langeweile verwechselt. Nicht so Anton Spronk.
Der Solo-Cellist der hiesigen Formation griff zu seinem Instrument aus der Werkstatt von Jean-Baptiste Vuillaume von 1865 und entlockte dem Edeldokument einen Ton von einer so verzaubernden Wärme, dass das Auditorium schlagartig verstummte. Spronk spielt keineswegs demonstrativ für den Saal, sondern scheint sich in die Partitur hineinzuträumen, versunken, beinahe mönchisch starr auf seine Phrasen konzentriert, um dann doch wieder mit überraschendem Schalk aus dem Dickicht der Noten hervorzulugen.
Besonders der zweite Satz geriet zu einer Demonstration edelster Kantabilität. Schumann lässt das Cello hier im Zwiespalt mit einem zweiten Instrument dialogisieren, und Spronk kostete dies mit Hingabe aus, die ohne jeden süßlichen Schmelz auskam. Dass das Finale keineswegs trocken geriet, lag an der erfrischenden Wendigkeit, mit der Spronk die abrupten Akzente setzte. Greters am Pult erwies sich dabei keineswegs als der übliche brav hinterher dackelnde Begleiter. Er forderte die Streicher zu einer ungewöhnlich zupackenden Präsenz heraus, wodurch Schumanns Orchesterpart endlich einmal jene eigene, strukturelle Bedeutung zurückerhielt, die ihm die Tradition so gern abspricht. Die Kollegen auf dem Podium wussten wohl genau, was sie an diesem Solisten haben, und trugen ihn förmlich durch die Takte.
Als Zugabe folgte die wehmütige Langsamkeit aus den Stücken im Volkston. Spronk bettete seinen Gesang in das dunkle Polster der tiefen Orchesterstreicher, was dem Abend einen Moment stiller, vollkommen unprätentiöser Melancholie schenkte.
Nach der Pause folgte jene Sinfonie, über die schon so viel Kluges und Unkluges geschrieben wurde. Jean Sibelius’ zweite Sinfonie gilt dem historischen Volksmund gar zu gern als sinfonisches Fanal gegen die zaristische Unterdrückung. Ob der Komponist nun eine Seelenbeichte ablegen oder Brahms seine Aufwartung machen wollte, bleibt ohnehin der Spekulation überlassen. Greters scherte sich erfreulicherweise wenig um musikwissenschaftliche Legendenbildung, sondern konzentrierte sich auf das musikalische Gewebe. Schon die wogende Streicherfigur zu Beginn besaß eine Spannkraft, die man bei diesem Orchester lange nicht gehört hat. Kein verschwommenes Klangwasser, sondern scharf umrissene Konturen. Greters führte das Orchester mit eiserner Hand durch die unruhigen Rhythmen des Werks. Die Pizzicati wurden nicht beiläufig abgehakt, sondern im Lautstärkenspektrum feinsinnig abgestuft, während die Streichertremoli ein bedrohliches Flimmern erzeugten.
Im zweiten Satz durften die Holzbläser in elegischen Bögen schwelgen. Hier zeigte sich, wie intensiv der lettische Gast in den Proben gearbeitet haben muss. Nichts wirkte beiläufig, jede Phrase besaß eine innere Richtung. Der dritte Satz fegte aufgedreht und mit spürbarer Lust am Tempo vorüber, ehe er organisch in den triumphalen Finalsatz mündete. Wo andere Dirigenten ins hohle Pathos abgleiten und den Klangbrei anrühren, bewahrte Greters die Übersicht. Er behielt die Kontrolle über die Architektur des Satzes und ließ die Motive organisch wachsen.
Freilich blieb der Abend nicht ganz frei von Irritationen. Ausgerechnet das Blech, sonst das verlässliche Rückgrat des hr-Sinfonieorchesters, leistete sich im Finale überraschende Schwächen. Die beiden markanten Fanfaren der Trompeten gerieten phasenweise unsauber und blass, als sei den Bläsern auf den letzten Metern die Puste ausgegangen. Man mag diesen Lapsus als unbedeutende Randnotiz verbuchen, denn die Gesamtleistung des Kollektivs war schlicht mitreißend durchgehört und stilistisch von bemerkenswerter Noblesse. Ein Sonderlob gebührt indessen dem Paukisten Lars Rapp, der aus seinem Instrument ein eigenes dramatisches Universum zauberte. Seine Differenzierung in der Artikulation, die treffsichere Dynamik und die schiere Phantasie, mit der er die sinfonischen Wendepunkte markierte, waren eine Wucht.
Aivis Greters hat mit diesem Dirigat eine Talentprobe abgelegt, die weit über das übliche Visitenkarten-Niveau hinausreicht. Er stand nicht nur über der Partitur, er durchdrang sie mit einer analytischen Schärfe, die dennoch Raum für große Atemzüge ließ. Eine solche Interpretation dieser viel gespielten Sinfonie hat man seit Jahren im Frankfurter Raum nicht erlebt.
Das Publikum im Sendesaal spürte sofort, dass hier etwas Besonderes geschah, und feierte den Gastdirigenten mit lang anhaltendem Jubel. Es wäre ein grobes Versäumnis der Orchesterführung, diesen Mann nicht sehr bald wieder an den Main zu holen. Die Zukunft des Dirigierens hat an diesem Abend eindrucksreich vorbeigeschaut.
Dirk Schauß, 31. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
hr-Sinfonieorchester, Alain Altinoglu, Brahms 4 Alte Oper Frankfurt, 12. Juni 2026
Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester, Gustav Mahler 9 Alte Oper Frankfurt, 20. März 2026
Arthur Foote, Complete Cello Works, Julian Schwarz, Cello klassik-begeistert.de, 3. September 2026