Was vom Kind im Helden bleibt

Richard Wagner Siegfried Tobias Kratzer  Bayerische Staatsoper, München, 4. November 2026

Foto: Siegfried (c) Monika Rittershaus

Tobias Kratzers Siegfried an der Bayerischen Staatsoper

Bayerische Staatsoper, München, 4. November 2026

SIEGFRIED
Komponist Richard Wagner. Dichtung vom Komponisten.
Zweiter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen (1876)

Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski

Inszenierung: Tobias Kratzer

Mitarbeit Regie: Matthias Piro
Bühne und Kostüm: Rainer Sellmaier
Licht: Michael Bauer
Video: Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi
Dramaturgie: Bettina Bartz, Olaf Roth

von Getong Feng

Am 29. Oktober 2026 feierte Tobias Kratzers Siegfried an der Bayerischen Staatsoper in München Premiere. Siegfried ist der dritte Teil des Rings, doch in der Geschichte seines Titelhelden liegt der Keim der ganzen Tetralogie. 1848 entwarf Wagner zunächst ein eigenständiges Drama mit dem Titel Siegfrieds Tod, aus dem später die Götterdämmerung hervorging. Die Vorgeschichte des Helden erzählte er später in Der junge Siegfried. Im Oktober 1851 entschied er, den beiden Dramen Das Rheingold und Die Walküre voranzustellen. Aus einem Drama über den Tod des Helden erwuchs so der Ring des Nibelungen, den Wagner erst 1874 vollendete.

Siegfried ist das hellste Stück des Zyklus. Nimmt man das Rheingold als Vorabend eines Bühnenfestspiels in drei Tagen, so bildet Siegfried das Mittelstück: ein helles Intermezzo zwischen den beiden Tragödien Die Walküre und Götterdämmerung, eine Art „Scherzo der Natureindrücke“, wie Kurt Pahlen es nennt. Am Ende des dritten Aufzugs, in der Begegnung Siegfrieds mit Brünnhilde, erreicht diese Helligkeit ihren Höhepunkt. Beide erfahren zum ersten Mal das Geheimnis der Liebe, das sie mit Furcht und Jubel erfüllt. Wir wissen, wie ihre Geschichte ausgehen wird. Siegfried und Brünnhilde aber sind in diesem Augenblick ganz vom Glück ihrer Liebe erfüllt.

Siegfried (c) Monika Rittershaus
Kratzers Ring bisher: Von Alberichs Fluch bis zu Brünnhildes Blut

Kratzers Ring spielt in einer Parallelwelt, die unserer Gegenwart verblüffend ähnelt. Götter und Magie gehören hier zum vertrauten Alltag. Darin liegt der Alltagssurrealismus dieser Inszenierung. Schon im Rheingold stellt Kratzer Alberichs„Tragödie der Sterblichkeit“ Wotans „Tragödie der Unsterblichkeit“ gegenüber.

In der Walküre führt Kratzer diese Frage im Abschied zwischen Vater und Tochter weiter. Wotan bleibt in seiner Unsterblichkeit gefangen. Brünnhilde blutet zum ersten Mal und tritt damit in eine Welt ein, in der Liebe, Verletzlichkeit und Sterblichkeit zusammengehören. Kratzer macht das Münchner Nationaltheater, den Ort der Uraufführung, zu Walhall.

Siegfried: Ein Held im Licht seiner Kindheit

Im Siegfried führt Kratzer seine Erkundung des Menschlichen fort, diesmal aus der Sicht eines Kindes. Darauf stimmt schon der erste Blick in den Zuschauerraum ein. An die Stelle des üblichen Vorhangs tritt ein Gemälde von Andi Fischer, das Siegfried und den Drachen mit solcher Unbekümmertheit zeigt, als hätte ein Kind die beiden gemalt. Was es für Siegfried heißt, ein Kind zu sein, zeigt sich an seinem Verhältnis zu Mime. Der Ziehvater hat ihn mit einem Ziel großgezogen. Der Junge soll den Drachen Fafner töten und Mime so den Schatz verschaffen, den dessen Bruder Alberich einst durch den Raub des Rheingolds an sich gebracht hatte. Was bedeutet es für ein Kind, das seine Eltern nie kennengelernt hat, bei jemandem aufzuwachsen, der solche Pläne mit ihm hat?

Der erste Aufzug spielt in einer ganz durchschnittbürgerlichen Zweizimmerwohnung. Kratzer spaltet die Titelrolle zunächst in Spiel und Gesang auf. Felix Fröbel spielt den jungen Siegfried an Mimes Seite, Benjamin Bruns leiht ihm vom Bühnenrand aus seine Stimme. Das leuchtet ein, weil das Libretto immer wieder auf Siegfrieds Kindheit zurückblickt. Die Regie gibt diesen Erinnerungen eine sichtbare Gestalt. Am Ende des Aufzugs bastelt sich der kleine Siegfried aus allerlei Küchengerät sein Schwert Nothung. Nun tritt auch Bruns auf die Bühne und hilft dem Jungen, das Schwert fertigzustellen.

Siegfried (c) Monika Rittershaus

Im dritten Aufzug begegnet der erwachsene Siegfried noch einmal dem Kind, das er war. Als Siegfried Brünnhilde weckt, kehren an der Wand die Lichtmuster der Nachtlampe aus seinem Kinderzimmer wieder. In diesem Licht erscheint der Junge wieder auf der Bühne. Siegfried sieht zum ersten Mal eine Frau und ruft nach seiner Mutter. In diesem Bild trifft die Verwirrung des jungen Mannes, der sein Begehren entdeckt, auf die alte Wunde des Kindes, das seine Mutter nie kennengelernt hat. Kratzer rückt die Kindheit ins Zentrum seiner Inszenierung und legt damit einen Widerspruch in Siegfrieds Wesen frei. Der junge Held scheut keine Gefahr, doch angesichts menschlicher Nähe weiß er sich nicht mehr zu helfen. Er schmiedet Nothung, erschlägt den Drachen und zerschlägt Wotans Speer. Für all das reicht seine Kraft. Als er aber in der Schlafenden eine Frau erkennt, lernt er zum ersten Mal das Fürchten.

Wagner zwischen Tiefkühlpizza und Bronzebüste

Kratzers Überlegungen zur Kunst beginnen mit einem Küchenwitz. Im ersten Aufzug schiebt Mime eine Tiefkühlpizza der Marke „Wagner“ in den Ofen. Sie verkohlt und landet im Müll. Als Wotan, der sich als Wanderer ausgibt, die Wohnung verlässt, nimmt er den Müllbeutel gleich mit. So beiläufig taucht der Name des Komponisten zunächst auf, als Markenname im Kühlregal und schließlich als Teil des Hausmülls.

Im zweiten Aufzug geht es dann darum, was die Kunst als Ware wert ist. Fafner nutzt den Ring als Zeitmaschine, setzt beim Pferderennen auf die richtigen Pferde, gewinnt im Lotto und wird reich. Aus Langeweile ersteigert er teure Kunstwerke. Der Kauf ist für ihn eine Art, Geld loszuwerden, und die Sammlung ändert nichts an seiner Einsamkeit. Kratzer findet darin ein modernes Bild für den Drachen, der auf seinem Schatz sitzt. Fafner häuft Kunst an und verliert darüber die Fähigkeit, sich an ihr zu freuen. Die Besitzgier, die ihn bei Wagner zum Ungeheuer macht, lässt ihn hier mitten im Überfluss veröden.

Im dritten Aufzug kehrt der Name Wagner wieder, diesmal in Gestalt einer beschädigten Büste. Schon zu Beginn des Rheingolds stand „Gott ist tot“ als Graffito auf der Bühne. Seither gerät in Kratzers Parallelwelt die religiöse Ordnung um Wotan immer wieder ins Wanken. Nun betritt Siegfried die Bayerische Staatsoper und hebt im Foyer den beschädigten Wagner-Kopf auf. Damit erreicht die Frage nach der Autorität der Götter das Opernhaus selbst. Wie sehen wir auf Wagner und seine Kunst, wenn auch der Komponist, den man hier so lange wie einen Gott verehrt hat, wieder zur Disposition steht?

Siegfried (c) Monika Rittershaus
Vom Waldweben zum Heldenjubel

Auch musikalisch hat der Abend viel zu bieten, auf der Bühne wie im Graben. Für Vladimir Jurowski ist der Münchner Ring eine Art Debüt. Bislang hatte er die Tetralogie nur konzertant oder halbkonzertant aufgeführt, nun dirigiert er sie erstmals in einer vollständig inszenierten Produktion.

Mit dem Bayerischen Staatsorchester arbeitet Jurowski gerade die Kontraste heraus, die diesen Siegfried so reizvoll machen. Die Schmiedeszene hat rhythmischen Zug und Wucht, im Waldweben dagegen lässt das Orchester die einzelnen Farben so fein hervortreten, dass der Wald gleichsam zu sprechen beginnt. Besonders eindrucksvoll gelingt das Zwischenspiel auf dem Weg zu Brünnhildes Felsen. Die Themen schichten sich übereinander, der Klang gewinnt an Breite und nimmt beinahe Orgelcharakter an. Jurowski hält die einzelnen Linien auch in dieser Fülle hörbar. So lässt sich verfolgen, wie die Motive einander aufnehmen und überlagern, während die Musik Siegfried durch das Feuer trägt.

Unter den Stimmen des Abends überrascht zunächst der Waldvogel. Die Partie wird meist von einer Sopranistin gesungen. Wagners Wunsch, dafür eine Knabenstimme einzusetzen, geht nur selten in Erfüllung. In München singt ein Solist desTölzer Knabenchors die Partie mit bemerkenswerter Klarheit und Präsenz. Diese Besetzung hat auch dramaturgisch Gewicht. Wenn Brünnhilde erwacht und zu singen beginnt, hört Siegfried zum ersten Mal eine Frauenstimme.

Benjamin Bruns singt den Siegfried mit einem hellen, beweglichen Tenor. Die langen Legatobögen geben der Sehnsucht des jungen Helden einen innigen Ton. Bis zum Schlussduett bewahrt Bruns die Geschmeidigkeit seiner Stimme und hat in der Höhe noch Reserven für Siegfrieds Jubel.

Siegfried (c) Monika Rittershaus

Simone Schneider gibt Brünnhildes Erwachen mit einem leuchtenden, hochdramatischen Sopran vom ersten Ton an Gewicht. Ihre Stimme setzt sich auch gegen den immer dichteren Orchesterklang mühelos durch und behält bis zum hohen C ihren Glanz. Wie sie zwischen dem Zögern der Erwachten und dem Überschwang des Schlussduetts die Klangfarben wechselt, macht Brünnhildes Wandel auch stimmlich hörbar.

Nicholas Brownlee stattet den Wanderer mit einem sonoren, rund geführten Bariton aus, der auch in zurückgenommenen Passagen bis weit in den Saal trägt. In der Begegnung mit Siegfried lässt Brownlee hinter der Gelassenheit des Wanderers nach und nach den gekränkten Wotan hervortreten.

***

Ein Knabe wird zum Mann, eine Göttin wird zum Weib. Siegfried geht mit der ungestillten Sehnsucht seiner Kindheit auf Brünnhilde zu. Sie begegnet ihm mit der Verletzlichkeit einer Frau, die den Schutz der Götterwelt verloren hat und nun selbst entscheidet, wie sie auf ihn zugeht. Für einen Augenblick eröffnet der ekstatische Liebesschluss beiden die Aussicht auf ein anderes Leben. Was hier als Utopie aufscheint, ist der Ausgangspunkt der Götterdämmerung. In den ersten drei Teilen hat Kratzer Wagners Musik und Dichtung vielschichtige Gedanken über das Menschsein, über Kunst, Religion und Philosophie abgewonnen.

Man darf gespannt sein, wie er seinen Ring im Sommer 2027 mit der Götterdämmerung beschließt.

Getong Feng, München, 5. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Das Rheingold Nationaltheater München, 28. Juli 2025

Richard Wagner, Die Walküre, Regie Tobias Kratzer Nationaltheater München, 28. Juni 2026

Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Bayerische Staatsoper, Nationaltheater, 16. Oktober 2026

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert