L’Orfeo © Marcel Urlaub
Volle Ränge an der Wiener Staatsoper, selbst nach der Pause. Dafür zeichnet vermutlich Startenor Rolando Villazón verantwortlich, der noch immer zieht. Den eigentlichen Coup landen in Monteverdis „L’Orfeo“ jedoch Stefan Gottfried und der Concentus Musicus.
Wiener Staatsoper, 3. November 2026
Claudio Monteverdi, L’Orfeo
Favola in musica in fünf Akten und einem Prolog
Text Alessandro Striggio
Sprache Italienisch
von Jürgen Pathy
„Oper auf Baldrian“ – diesen Satz habe ich auf YouTube aufgeschnappt. Wer mit falschen Erwartungen an Monteverdis „L’Orfeo“ herantritt, mag das tatsächlich so empfinden. Weder peitschen spätromantische Klangwogen durch den Saal, noch erzwingen grelle Effekte irgendwelche Schockmomente. Doch genau hier entfaltet Monteverdi seine Faszination: Die Musik überrumpelt einen nicht, sie umgarnt leise. Vorausgesetzt, am Pult waltet ein Dirigent, der diesen Kosmos zu bändigen und anzufeuern weiß.
Stefan Gottfried packt den Nerv der Partitur
Eine heikle Klippe lauert am Dirigentenpult: diese tranceartige Grundspannung über Stunden hinweg zu halten, ohne dass es in Lethargie versinkt. Stefan Gottfried, der nach Nikolaus Harnoncourts Tod das Ruder beim Concentus Musicus Wien übernommen hat, meistert diese Gratwanderung souverän.
Was das Orchester aus dem Graben hervorzaubert, strotzt vor Gestaltungskraft. Bei Gottfried stechen die Pole des Werks klar hervor: Zunächst schwebt der Hochzeitsjubel mit tänzerischer Leichtigkeit durch den Raum, ehe die Musik in Schwermut stürzt. Da klappert nichts im Graben; die historischen Instrumente legen seelische Abgründe frei und stellen klangliche Kontraste in den Raum, die unmittelbar berühren.
Druiden, Wikinger und ein Pentagramm im Raum
Optisch liefert die Szene dazu eine eigenwillige Mixtur: In der Inszenierung von Tom Morris wirkt das Treiben auf der Bühne streckenweise so, als hätten sich Druiden und Wikinger zum gemeinsamen Waldtanz verabredet. Vorne am Bühnenboden prangt unübersehbar ein riesiges Pentagramm, dessen Linien sich bis in den Orchestergraben verlängern. Überhaupt hebelt die Regie die vierte Wand konsequent aus: Die Sänger verharren nicht an der Rampe, sie steigen hinab in den Graben und tauchen mitten im Publikumssaal auf. Diese Grenzüberschreitung bricht die Distanz und holt das Geschehen unmittelbar ans Publikum heran. Was auf dem Papier seltsam klingt, geht auf der Bühne voll auf. Es passt zu Monteverdis ritueller Klangwelt.
Der Chor leuchtet und bricht das Dunkel
Passgenau fügt sich der Chor in diese Dramaturgie ein. Vokal glänzend disponiert, artikuliert das Ensemble seine Einsätze mit bestechender Schärfe. Vor allem der helle, strahlende Chorklang zu Beginn setzt ein deutliches Gegengewicht. Die Stimmen versprühen zuerst förmlich Licht, wodurch der spätere Fall ins Totenreich erst wirklich erschütternd wirkt.

Villazón in guter Form
Das eigentliche Zentrum der Aufführung behauptet jedoch Rolando Villazón. Wer vermutet hatte, er würde die Titelpartie mit Zurückhaltung verwalten, hat sich schwer getäuscht. Villazón präsentiert sich in guter Form. Der mexikanische Startenor durchleidet jede Silbe. Dass die früheren Raubzüge an der Stimme Spuren hinterlassen haben, lässt sich natürlich nicht verleugnen. An einigen Stellen blitzt dennoch jener verloren geglaubte Glanz in der baritonal gefärbten Stimme wieder auf, der einst seine Sternstunden prägte.
Licht und Schatten bei Euridice
Einen kleinen Wermutstropfen hält die Euridice bereit. Für Barock-Puristen bietet die Rollengestaltung den einen oder anderen Anlass zum Zweifeln. Monteverdis empfindsame Rhetorik verlangt eine organisch fließende, schwebende Linie. Bei der Ukrainerin Anna Bondarenko regiert stellenweise etwas zu viel Druck auf der Stimme, wodurch der Vortrag phasenweise ein wenig forciert wirkt. Immer wieder blitzen berührende Ansätze auf, doch die schwebende Mühelosigkeit gerät ins Hintertreffen.
Am Ende langer Jubel von einem Publikum, das zwei Stunden lang still und leise mitgeatmet hat. Den größten Beifall erntet mit Abstand Stefan Gottfried, der im Graben alle Fäden in der Hand hält.
Jürgen Pathy, 5. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Klein beleuchtet kurz 72: Monteverdis L’Orfeo Elbphilharmonie, 28. April 2026