Cleveland © Lukas Beck
Das Cleveland Orchestra war in Händen von George Szell und Lorin Maazel ein unangefochtener Klangkörper von Weltruf. Offenbar (und hörbar) hat das Orchester in den 25 Jahren von Welser-Mösts Position als Chefdirigent einiges an Profil verloren. Subjektiv gesehen ist es kein Orchester von Weltruf mehr; es wurde von anderen amerikanischen Orchestern rechts und links überholt. Aber wenigstens endete diese dreitägige Wiener Abschiedstour versöhnlich.
Musikverein Wien, 15. Oktober 2026
Franz Liszt: Orpheus, Symphonische Dichtung Nr. 4
Bohuslav Martinů: Symphonie Nr. 2
Johannes Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur, op. 73
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Konzerthaus Wien, 17. Oktober 2026
Wolfgang Amadeus Mozart: Symphonie C-Dur KV 338
Bernd Richard Deutsch: Intensity
Richard Strauss: Sinfonia Domestica in F-Dur op. 53 für großes Orchester
The Cleveland Orchestra
Franz Welser-Möst, Dirigent
von Herbert Hiess
Anlässlich des Abschiedes von Maestro Welser-Möst vom Orchester gab es eine „Abschiedstour“ mit drei Konzerten in Wien. Zwei davon im Musikverein und eines im Konzerthaus. Natürlich war man gespannt, wie der oberösterreichische Dirigent sich mit den Amerikanern in Österreich macht. Das Ergebnis war leider eher dürftig, wenn man vom ersten Konzert ausgeht.
Es begann mit Franz Liszts Tondichtung „Orpheus“; einem sehr ruhigen und interessanten Stück, wo Liszt von Glucks „Orfeo et Euridice“ inspiriert wurde. Ein so interessantes wie selten gespieltes Werk. Und gleich zu Beginn war man hocherfreut über die großartigen Harfenklänge (die sollten die barocke Lyra darstellen). Vor allem die Streicher und eben die Harfen ließen da Einiges erwarten.
Das ist leider nicht eingetreten; schon bei Martinůs zweiter Symphonie war man schon durch den lauen Einheitsklang recht frustriert. Das Orchester hat eine phantastische Streichersektion – aber leider nur mittelmäßige Holz- und vor allem Blechbläser. Die Pauke war überhaupt ein eigenes Kapitel. Gefühlt kam sie über ein Mezzoforte hinaus.
Schade, diese zweite Symphonie des tschechischen Komponisten hat einiges zu bieten; als musikalischer Nachfahre von Antonín Dvořák vertonte er hier hochinteressant viele böhmisch/tschechische Melodien und Tänze – Lebensfreude pur.

Leider ließen uns Welser-Möst und das Orchester nicht an dieser Lebensfreude teilhaben. Diese Symphonie wurde schon mit dem Cleveland Orchestra unter Erich Leinsdorf uraufgeführt. Schon allein deswegen hätte man sich mehr erwarten können.
Es gab einen Film namens „Lieben Sie Brahms?“ mit einer Hollywood Starbesetzung wie Ingrid Bergmann und Anthony Perkins. Auf diese Frage müsste man antworten: „Ja, natürlich … aber keinesfalls so!“
Bei der zweiten Symphonie liegt ja bekanntermaßen in Wien die Latte sehr hoch. Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Carlos Kleiber und andere – sie alle zeigten den Hörern, was für ein Reichtum in dieser Symphonie steckt. Vor knapp einer Woche gab es sogar ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern unter Riccardo Muti mit diesem Werk.
In diesem Konzert war gar nichts davon zu merken; es war eigentlich nur lau. Da gab es keine lyrischen Höhepunkte; insgesamt klang es vom Dirigenten und Orchester her einfach nur kraftlos. Gerade vom letzten Satz („Allegro con Spirito“), der vor Lebensfreue nur so strotzt, war man kaum berührt. Eine Art Höhepunkt war das Trio des dritten Satzes (Presto ma non assai), wo die Streicher regelrecht brillierten.
Wie ausgewechselt die beiden Abende im Wiener Konzerthaus.
Da begann das Programm mit der „kleinen“ C-Dur Symphonie von Mozart; mit einer ungewohnt großen Orchesterbesetzung (neun Kontrabässe!!).
Vor dem Konzert sprach der Dirigent zum Publikum – humorvoll erzählte er von einem Brief von Mozart an seinen Vater Leopold, dass er gerade von einer Orchesterprobe dieser Symphonie kam – mit einem Orchester in einer riesigen Orchesterbesetzung.

Nun, in diesem Konzert war sie eben nicht so groß. Entgegen aller fast skeptischen Erwartungen ließ das dieses Mal brillante Orchester sehr transparente Klänge hören. Es war eine Freude, diese dreisätzige Symphonie so hören zu können.
Nach dem Konzert und vor der Pause erklang das 2022 mit dem Cleveland Orchestra uraufgeführte Stück „Intensity“ des österreichischen Komponisten Bernd Richard Deutsch, der dieses Werk sogar Franz Welser-Möst gewidmet hat.
Das 18-minütige Werk, dessen drei Hauptthemen sich zu einer inneren und äußeren Intensität entwickeln sollten. Irgendwie kam dieser Gedanke beim Zuhören nicht an; es wirkte dann eher an eine formlose Erzählung, die aber mehr als genial instrumentiert ist.
Welser-Möst als Dirigent der Uraufführung war dafür aber der richtige Mann am richtigen Ort. Er und das brillante Orchester machten da zumindest ein akustisches Fest.

Nach der Pause erklang Richard Strauss geniale Erzählung einer Familiengeschichte, nämlich der „Sinfonia Domestica“. Instrumentiert für ein riesiges Orchester höre man zu Beginn die Themen Vater (Holzbläser und Celli), seiner Frau Pauline und des Buben – es beschreibt nichts anderes als die Familie Strauss selbst; seine Frau Pauline soll überaus zänkisch gewesen sein, was nicht nur einmal zu hören war.
Spitzenmäßig das Orchester und die einzelnen Solisten; vor allem der Solocellist war schon den Besuch des Konzertes wert.
Franz Welser-Möst ist ein brillanter Interpret dieses genialen Werkes; einmalig wie Strauss die Themen ineinander verwob. Gemeinsam mit dem dieses Mal hervorragenden Orchesters gelang eine denkwürdige Aufführung.
Als Zugabe gab es die „Mondscheinmusik“ vom Konversationsstückes „Capriccio“. Das gelang ebenfalls auf eine sehr ergreifende Weise;
grandios der Solohornist.
Letzten Endes hörte man zwei Konzerte, die nicht unterschiedlicher hätten sein können.
Das Konzert im Konzerthaus war ein würdiger Abschluss dieser Wiener Abschiedstour.
Herbert Hiess, 18. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst Dirigent Musikverein Wien, 18. Dezember 2025
Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst Dirigent Wolkenturm/Grafenegg, 3. September 2025