Marie Jacquot und ihr neues Orchester legen es auf einen Vergleich zur Weltspitze an

WDR Sinfonieorchester, Marie Jacquot, Dirigentin, Iveta Apkalana, Orgel  Kölner Philharmonie, 16. & 17. Oktober 2026

Marie  Jacquot © Werner Kmetitsch

Kölner Philharmonie, 16. & 17. Oktober 2026

WDR Sinfonieorchester
Marie Jacquot, Dirigentin

Antoine Tamestit, Viola
Iveta Apkalna, Orgel

Richard Wagner – Ouvertüre zur Oper „Tannhäuser“, Dresdner Fassung (1845)

Thierry Escaich – „La nuit des chants” (“Die Nacht der Gesänge“) – Konzert für Viola und Orchester (2018)

Camille Saint-Saëns – Sinfonie Nr. 3 C-Moll op. 78 „Orgelsinfonie“ (1886)

von Daniel Janz

Tut sich das WDR Sinfonieorchester wirklich einen Gefallen damit, mit Abstand von wenigen Wochen dasselbe Werk aufzuführen, das hier erst letzten Monat in Bestform erklang? Im September noch fegte Anna Lapwood wie ein Wirbelwind über Orgel und Bühne und schlug dabei enorme Wellen. Die Entscheidung, in Konkurrenz mit ihr zu treten, erscheint extrem gewagt, wenn man bedenkt, dass das Vergleichsniveau auf höchster Ebene liegt. Wie also wird das in Köln ansässige Orchester bei dieser Aufgabe – der „Orgelsinfonie“ – abschneiden? Und muss sich das Gürzenich-Orchester, das dasselbe Werk auch noch einmal im Juni 2027 aufführen wird, bereits Sorgen machen?

Moderne Spätromantik trifft auf spätromantische Moderne

Zu Beginn steht mit Richard Wagners Tannhäuser-Ouvertüre ein unangefochtener Klassiker auf dem Programm. Und das WDR Sinfonieorchester gibt sich keine Blöße. Das tragende Eingangsmotiv in Hörnern, Fagotten und Klarinetten verspricht Großes. Der farbenreiche Kontrast zum Mittelteil gelingt Marie Jacquot (36) ebenfalls ausgezeichnet.

Tänzerisch bewegt flirren die Streicher zum warmen Hornklang empor. Ihre Fülle ist brillant und auch das Holz spielt überragend dazu. Die Wiederkehr des Hauptmotivs wird dann zur Kür für Posaunen und Trompeten. Zwar bemängelt ein Sitznachbar des Rezensenten, die Aufführung sei episodisch gewesen und hätte das Schaffen eines großen Bogens vermissen lassen. Doch Rezensent und Publikum empfinden anders, wie tosender Applaus und einige Bravo-Rufe zeigen.

WDR Sinfonieorchester © WDR/Klüsserath

Auf den seinerzeit hochmodernen Wagner folgt ein Stück der Moderne. Thierry Escaichs „La nuit des chants“ („Die Nacht der Gesänge“) stellt laut Programmheft ein Reinigungsritual dar, in dem die Viola als „Zeremonienmeisterin der Gesänge“ den Weg zur „Vollendung der Schönheit“ gestaltet. Dabei durchschreitet sie mehrere Episoden, wie den „Pfad der Gesänge“, trifft auf die „Armee der Geister“, vollführt einen Kriegsgesang, beschwört „Sandbilder“ und durchschreitet von den Göttern geleitet einen See aus Tränen, bis sie als „Wirbelsturm auf den Bergen“ „die Felsen tönen“ lässt und dem Menschen „den Atem der Morgendämmerung“ bringt.

Dieses hochkomplexe Programm erschließt sich allerdings nicht ohne Weiteres durch die Musik selbst. Dafür fehlt ihr das motivisch Leitende, was auch Wagners Musik bestimmt. Hätte sie nur ein wiedererkennbares Hauptmotiv, sie wäre so viel ergreifender. Aber wie viele andere Werke der Moderne ist auch dieses Stück nicht durch einfache Zugänglichkeit geprägt. Freunde von melodischer Struktur, lyrischer Transparenz und Eingängigkeit dürfte diese Art Musik wohl verschrecken.

Marie Jacquot © Werner Kmetitsch

Trotzdem bleiben eine Dramaturgie und harmonische Entwicklung erkennbar. Das Stück beginnt sogar recht tonal, bis sich frei atonale Töne abrupt in den faszinierend nebulösen Klangchor der Streicher mischen. Schnell tritt die Solo-Viola als scharfer Kontrast auf. Der französische Bratschist Antoine Tamestit (47), dem dieses Werk auch gewidmet ist, tritt besonders durch seine technische Raffinesse in Erscheinung. Was er aus seinem Instrument streicht, gleicht einer Höchstleistung. Ständig kämpft er sich durch komplexe Passagen, wirft einen Doppel- oder Dreifachgriff nach dem anderen gegen das Orchester und besteht tonangebend selbst in diffizilsten Figuren.

Schade nur, dass ihm die Komposition nicht mehr Lyrisch/Emotionales zum Arbeiten gibt. Schönes in dem Sinne findet sich eher im fesselnd differenzierten Orchester, das stets zwischen bedrohlichen Schlagzeugeinsätzen, traumhaft lyrischen Momenten und brillanten Klangfarbeneffekten pendelt. So eine Fülle kann schnell überfordern. Hier aber bleiben die Effekte sparsam genug eingesetzt, dass die Musik die Wirksamkeit behält. Und was Marie Jacquot aus den Musikern holt, beeindruckt! Timing und Nuancierung sitzen perfekt bei jedem noch so subtilen Einsatz.

Marie Jacquot © Werner Kmetitsch

Am Ende ergibt dies ein Werk, das dem Publikum intensiven Applaus abringt, wozu der Komponist selbst auch mehrfach die Bühne betritt. Ja, dies ist Erlebnismusik, die vor allem aus der Abwechslung und der Fleißarbeit eines überragenden Solisten lebt. Sicherlich wird dies nicht jedermanns Geschmack treffen. Aber der Rezensent empfindet dieses Werk als Erlebnis, das es durchaus verdient, gehört zu werden.

Spiel, Satz und Sieg? Auf der Zielgeraden schmilzt der Vorsprung

Anschließend kommt es mit Camille Saint-Saëns Orgelsinfonie zu jenem Werk, mit dem das WDR Sinfonieorchester in den direkten Vergleich zu Anna Lapwood und dem Philharmonia Orchestra tritt. Hier verbinden sich breiter Streicherklang, feine bis mächtige Bläsereinwürfe, ein strahlendes Finale und majestätischer Orgelklang zur überragenden Einheit. Ein phänomenales Werk, zu dem die ebenfalls hochrenommierte Iveta Apkalana (49) als Organistin das Orchester unterstützt – die Lettin ist seit 2017 die Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie.

Iveta Apkalna © Claudia Höhne

Tatsächlich ergreift auch die heutige Aufführung ab dem ersten Ton.
Satz 1 entfaltet sich organisch, fast natürlich und dadurch besser, als beim Philharmonia Orchestra letzten Monat. Der Orchesterklang ist heute einfach runder; es klingt voller. Marie Jacquot beweist auch hier ein Händchen für fantastische Akzente. Sowohl feinfühlige Streichermomente als auch herrliche Holzbläsermotive arbeitet sie wunderbar heraus. Demgegenüber treten die Blechbläser, besonders die Posaunen mit der Tuba, als eherner Kontrast hervor. Und als im zweiten Satz Iveta Apkalana sensibel mit der Orgel einstimmt, ist das Hochgenuss. Besser nuanciert und feinfühliger konturiert kann man das nicht spielen! Mit jedem Ton glaubt man ab hier an eine Bestleistung.

Und doch lassen sich die Beteiligten auf den letzten Metern die Butter vom Brot nehmen. Dem Gürzenich-Orchester Köln, das diese Sinfonie nächstes Jahr ebenfalls aufführen wird, sei hier zu besonderer Aufmerksamkeit geraten. Denn Unterschiede finden sich nicht in groben Fehlern, sondern nur in Nuancen. So ist im dritten Satz das Piano zu wenig präsent, während sich die Piccoloflöte durch die Sinfonie durch zur unangenehmen Übermotivation im letzten Satz steigert. Auch wirkt die generell schnelle Tempowahl im Finale etwas zu hastig, sodass es an Strahlkraft verliert. Dazu kommt Apkalanas Hang, die Orgelmotive abzuhacken anstatt sie weich zu binden. Vieles davon ist Interpretationsfreiheit und tut der Aufführung keinen Abschlag. Aber besteht das auch im Vergleich zu der Jahrhundertperformance vom letzten Monat?

Eigentlich muss das Orchester heute weder diesen Vergleich scheuen, noch sich Vorwürfe gefallen lassen. Lange durfte man sogar an eine noch durchschlagendere Aufführung als bei Anna Lapwood glauben. Für sich betrachtet war das heute ein würdiger, ja, ein herausragender Konzertabend, der das Publikum in Ekstase versetzte. Aber wie auch der Schlussapplaus verdeutlicht: Es gibt einen Unterschied zwischen herausragend und phänomenal, zwischen tosendem Beifall und den nicht enden wollenden, frenetisch stehenden Jubelchören im September. Hat das WDR Sinfonieorchester also diesen Vergleich gewonnen? Ganz knapp – leider nein.

Daniel Janz, 18. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Der Live-Mitschnitt der Aufführung vom 17. Oktober, auf der Antoine Tamestit das Capriccio „Hommage à Paganini“ op. 55 von Henri Vieuxchamps als Zugabe gespielt hat, kann unter folgendem YouTube-Link nachgehört und –gesehen werden:
https://www.youtube.com/live/nAcTgzBb6Gw?si=oUBPUvNB5GimN4lb&t=346

WDR Sinfonieorchester, Marie Jacquot, Dirigentin, Yulianna Avdeeva, Klavier Kölner Philharmonie, 18. September 2026

Portrait: Marie Jacquot, Dirigentin klassik-begeistert.de, 17. März 2026

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Marie Jacquot Dirigentin Bremer Konzerthaus Die Glocke, 14. März 2025

Royal Concertgebouw Orchestra, Peter Eötvös, Iveta Apkalna , Elbphilharmonie Hamburg

Iveta Apkalna, Orgelkonzert, Elbphilharmonie Hamburg

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