Ambroise Thomas‘ "Mignon" in München: Als Ganzes wenig wirkungsvoll, und doch: ich kann genießen

Ambroise Thomas, „Mignon“,   Cuvilliés-Theater, München, Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, 3. September 2020

Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, Cuvilliés-Theater, München, Premiere am 3. September 2020

Musikalische Leitung Pierre Dumoussaud
Inszenierung Christiane Lutz
Bühne Christian Andre Tabakoff

Mignon Sarah Gilford
Wilhelm Meister Caspar Singh
Philine Juliana Zara
Lothario Oğulcan Yilmaz
Frédéric Daria Proszek
Jarno Antonio Christian Valle
Laërte George Vîrban

Bayerisches Staatsorchester
Extra-Chor der Bayerischen Staatsoper

von Frank Heublein

Ich fange früh in der Vorführung an, die Aufführung zu analysieren. Das ist schlecht! Es bedeutet, ich bin emotional nicht eingefangen. Warum? Die Sängerinnen und Sänger sind sehr gut, das Orchester hat einen kraftvollen Klang trotz der verhältnismäßig kleinen Besetzung. Warum komme ich nicht in einen emotionalen Flow in meinem ersten Operngang nach etwa sechs Monaten? Ist die übergroße Vorfreude schuld? Nein.

Die Erkenntnis trifft mich mit Fallen des Vorhangs zum Ende des ersten Akts: das Libretto ist Stückwerk. Nach der Vorlage Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre frei entwickelt, klingt die Handlung nicht so schlecht – wie sie sich mir darstellt.

Mignon, ein junges Mädchen, die ihre Herkunft nicht kennt, wird misshandelt, von Wilhelm Meister gerettet, emotional von ihm aber im Stich gelassen. In ihrer Verzweiflung wünscht sie allen und insbesondere ihrer Konkurrentin Philine um die Aufmerksamkeit Wilhelm Meisters den Untergang an den Hals. Der Fluch wendet sich gegen sie selbst und erneut rettet sie Wilhelm Meister. Verliebt sich gar in sie. Ihre Erinnerung kehrt – durch den lange nicht als solchen erkannten Vater – wieder. Doch sie trifft der Schlag durch dieses große Glück im Verbund mit der Erkenntnis der Erinnerung.

Klingt dramatisch! Erspüre ich aber nicht so! Das Libretto der reduzierten Fassung von Paul Leonard Schäffer ist eine Aneinanderreihung von Gesangsnummern. Weder Musik noch Handlung nimmt mich mit in einen größeren musikalischen Zusammenhang. Die Inszenierung bringt mich nicht näher ans Geschehen heran.

In mir will kein Flow entstehen. Die im musikalischen Zeitalter der Romantik entstandene Komposition von 1866 von Ambroise Thomas vermag in mir keine anhaltende Intensität, keine emotionale Dichte zu verbreiten. Die einzelnen Handlungsaktionen verbinden sich in mir nicht zu einem Ganzen.

Ich mag Entdeckungen, gerade die Auswahl eher unbekannter Stücke finde ich bei den Münchner Opernstudio Produktionen wunderbar. Konkret dieses Stück jedoch muss ich mir so schnell nicht wieder ansehen.

  1. Akt, Vorhang. Erkenntnis da und auch Betrübnis. Was tun? Es folgen noch zwei Akte, da genieße ich doch, was ich genießen kann!

Ich genieße: die wunderbaren Musiker und Solisten. Dirigent Pierre Dumoussaud hat ein insbesondere Streichertechnisch kleines zugleich sehr konzentriertes und alertes Orchester vor sich. Allzu viele Musiker passen gar nicht rein in den verhältnismäßig kleinen Orchestergraben des Cuvilliés-Theaters. Der Klang ist – keinesfalls nur trotzdem – voll, die Streichereinlagen klingen entsprechend der Besetzung zuweilen fast solistisch. Ungewohnt und gerade deshalb interessant. Die Instrumentalisten des bayerischen Staatsorchesters sind bestens disponiert und holen aus der Musik heraus was geht. Sie bieten damit beste Unterstützung für die Akteure auf der Bühne.

Gelungen sind die Choreinlagen, die in diesem Fall auch von den Solisten mitgetragen werden, denn auch oben auf der Bühne ist es ebenso eng, kein Platz für einen großen Chor. Genau das mag ich an den Opernstudioproduktionen: kreative Lösungen, die beeindrucken, egal wie klein der Raum, wie verhältnismäßig schmal die produktionstechnischen Möglichkeiten.

Den Laërte, die für Bariton „ausgeschriebene“ Rolle, den Schaupielerkollegen der zweiten weiblichen Hauptpartie Philine singt und spielt Tenor George Vîrban. Das hellere Timbre bekommt der Figur sehr gut. Die reduzierte Fassung lässt seine musikalische wie schauspielerische Bühnenpräsenz nur im ersten Akt erstrahlen.

Lothario, ebenfalls als Bariton Rolle vorgegeben, wird von Bass Oğulcan Yilmaz interpretiert. Er singt den vor Trauer in verzweifeltes Vergessen abgedrifteten Vater Mignons konzentriert, darf rollengemäß emotional nur im dritten Akt in die Vollen singen, wenn er in einer Rückblende den Unfalltod der Gattin bodenlos bestürzt betrauert.

Tenor Caspar Singh singt den Wilhelm Meister. Zu Unrecht fürchte ich anfangs, seine Stimme setzt sich nicht gegen das Orchester durch. Seine Stimme mag nicht die durchdringendste sein, fest ist sie allerdings und hervorragend akzentuiert in allen seinen Arien und Duetten. Am besten gefällt er mir im dritten Akt, in dem er die bewusstlose Mignon vergöttert in seiner Arie „Elle ne croyait pas, dans sa candeur naïve“ (Wie ihre Unschuld auch sich das Gefühl verhehlte).

Beide weiblichen Hauptrollen sind im Sopran gesetzt, die Ausgestaltung der Rollen jedoch sehr unterschiedlich.

Titelrolle Mignon ist eine zerbrechliche suchende Stimme. Mignon wird von Sopranistin Sarah Gilford interpretiert. Im ersten Akt brilliert sie mit klarem, festem warmem Sopran im durch Goethe bekannten „Connais-tu le pays“ (Kennst Du das Land) und entfaltet dabei eine Sehnsucht, die sich in diesen Momenten auf mich überträgt. Im zweiten Akt entdeckt sie Philines „Schauspieler-Zauber-Wunder-Welt“ und probiert Schminke und Kleider und singt sich selbst dabei mit „II était un pauvre enfant“ (Kam ein armes Kind von fern) Mut an.

Dagegen Philine eine femme fatale, die ihre Wirkung auf Männer sehr gut kennt und diese voll ausnützt. Das halsbrecherische waghalsige kommt am besten in der im höchsten Maße mit Kolloraturen ausgestatteten Arie „Je suis Titania“ (Titania ist herabgestiegen) im zweiten Akt zum Ausdruck. Sopranistin Juliana Zara verleiht der Aufführung im eher kurzen Moment dieser Arie das lodernde Feuer, das ich mir dauerhaft von der ganzen Aufführung erhofft hätte, nur: diese Wirkung verfehlt das Stück in mir.

Frank Heublein, 5. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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