Musikalische Virtuosität wird mit grausamem Tod bestraft

„Apollo & Marsyas“, Ensemble Marsyas Baroque  Sendesaal Bremen, 22. Oktober 2026

© Sophi Hegewald Marsyas Barock

Glücklicherweise nur Mythos …

Konzert-Performance „Apollo & Marsyas“

Es ist das Ende einer wahrhaft faszinierenden Performance aus stimmig ausgewählten, virtuos präsentierten Barockmusiken und gelungenen Live-Zeichnungen, ein gewiss ungewohnter, aber reizvoller Augen- und Ohrenschmaus ganz besonderer Art, der vom Publikum mit begeistertem Beifall bedacht wird.

Programm:

Werke (und Ausschnitte) von P. Locatelli, G.P. Telemann, Antonio Vivaldi, J.S. Bach, M. Blavet, A. Bellino u. weiteren

Ensemble Marsyas Baroque: Paula Pinn (Blockflöten und Barockfagott), María Carrasco Gil (Barockvioline), Konstanze Waidosch (Barockcello), Sara Johnson Huidobro (Cembalo)

Anke Bär  Illustration und Livezeichnung

Sendesaal Bremen, 22. Oktober 2026

Von Dr. Gerd Klingeberg

Im breit gefächerten Konzertangebot des Bremer Sendesaals finden sich immer wieder auch kleinere Klassikprogramme der ganz besonderen Art – so auch die Konzert-Performance „Apollo & Marsyas“ des 2019 gegründeten, für seine innovativen Konzertkonzepte bereits mehrfach preisgekrönten spanisch-deutschen Ensembles Marsyas Baroque.

Es ist eine widersprüchliche, eine tragische und gleichwohl faszinierende Gestalt der griechischen Mythologie: der Satyr Marsyas, ein höchst talentierter Aulos-Spieler, der Apollo, den Gott der Künste, zu einem musikalischen Wettstreit herausfordert. Allerdings mit fatalen Konsequenzen. Marsyas Baroque hat der inspirierenden Figur seines Namensgebers eine eigene Konzert-Performance gewidmet, die im Rahmen eines CD-Release-Konzerts im Sendesaal Bremen zu erleben war in Form einer quasi musikalischen Erzählung, eines kenntnisreich zusammengestellten, stark affektbetonten Soundtracks aus jeweils passenden Charakterstücken diverser Barockkomponisten.

Nicht nur, dass dabei zum besseren Verständnis der gemeinhin nur wenig bekannte Mythos abschnittsweise zu hören ist; die gar grausige Geschichte wird durch die Livezeichnungen, die von der Bremer Künstlerin Anke Bär mit gekonntem Pinselstrich erstellt werden, noch wesentlich intensiver erfahrbar.

Packender musikalischer Wettstreit mit brutalem Ausgang

Das stets optimal ausgewogene, transparente Zusammenspiel des Musikerinnenquartetts wird gleich zu Beginn in einer eindrucksvoll differenziert dargebotenen Sonate von Dario Castello deutlich. Die Vorstellung der beiden Protagonisten des Mythos folgt im Prolog: Blockflötistin Paula Pinn demonstriert Marsyas’ Kunstfertigkeit auf dem Aulos mittels einer solistischen Vivace alla Francese (Johann Joachim Quantz); María Carrasco Gil hält in der Rolle des Lyra spielenden Apoll mit einem etüdenhaft diffizilen, ebenso lockerhändig wie exzellent gestrichenen Capriccio (Nr.1 von Pietro Locatelli) soloviolinistisch dagegen.
Marsyas’ selbstbewusster Einzug in die Arena kommt bei einer heiteren, agil vorgetragenen Chaconne comique (Georg Philipp Telemann) bestens zum Ausdruck, während Apollos Einstimmung deutlich würdevoller, getragener ausfällt, nämlich in Form einer Toccata Urania (J.C.F. Fischer), die Cembalistin Sara Johnson Huidobro mit brillantem Anschlag präsentiert.

Die auf ausgeprägte Rasanz setzende, äußerst lebhafte Darbietung von Antonio Vivaldis Concerto D-Dur RV 92 liefert die packende Atmosphäre eines überwältigenden musikalischen Konkurrenzkampfes; im steten Hin und Her scheint es dabei lange Zeit unentschieden zu sein, wem letztendlich der Sieg zugesprochen werden kann. Zuständig sind dafür die Musen, deren Beratschlagung im gewichtigen, feierlich eingefärbten „L’Entretien des Muses“ (Michel Blavet) nachgezeichnet wird. Apollos letztes Aufbegehren spiegelt Cellistin Konstanze Waidosch nachdrücklich wider mit der energisch gestrichenen Solo-Toccata X  von F.P. Supriani. Die Rache folgt unmittelbar, aggressiv und mitreißend, so wie es Telemann als „Die Glut des Zorns, das Feuer der Rache“ TWV 1:338a in Töne gesetzt hat.

© Sophi Hegewald Marsyas Barock

Die Auftragskomposition „Marsýas“ der eigens zum Konzert aus Italien angereisten Alessandra Bellino befeuert die ohnehin schon angeheizte Stimmung durch die tonbildhaft umgesetzte brutale Häutung des Satyrs als schmerzhaft scharfe, schrille Dissonanzen, grob angerissene Klangfetzen und Seufzer-Flageoletts, begleitet von schreienden Flötentönen und visuell unterlegt von einem abstrakten, großformatigen tief schwarz-roten Farb-Tohuwabohu von Anke Bär.

Klage und Wehmut des Verlierers

Der Saal ist jetzt stärker abgedunkelt; Paula Pinn hat von der Blockflöte zum warmtönigen Barockfagott gewechselt. Die Klage des Satyrs und seine nicht enden wollende Tränenflut bekundet sich in melancholisch klangvollen, vom Ensemble sehr feinsinnig ausgeführten Harmonien (M. Marais: Suite g-Moll; E.J. de la Guerre: Prélude g-Moll; A. Reichenauer: Quartett g-Moll). Für „Marsyas’ Echo“ – das passende musikalische Pendant dazu bildet Johann Sebastian Bachs „Schmücke dich, o liebe Seele“ BWV 654 – hat sich die Flötistin in den hinteren Saalbereich begeben. Die subtil erstellten, zutiefst berührenden und von gefühlvoller Wehmut durchdrungenen Harmonien dieses letzten Werkes verhallen schließlich in sanftem Raumklang.

Dr. Gerd Klingeberg, 23. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Martin Stadtfeld Klavier, Bachs Goldberg-Variationen Sendesaal Bremen, 12. September 2026

Boreas-Quartett Bremen, „Il Flauto Magico“ Sendesaal Bremen, 16. Mai 2026

Raphaela Gromes & Julian Riem “Fortissima” Sendesaal Bremen, 15. März 2026

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