Martin Stadtfeld: „Meer müsste er heißen“

Martin Stadtfeld Klavier Bachs Goldberg-Variationen  Sendesaal Bremen, 12. September 2026

Fotos: (c) 2022 Martin Stadtfeld

Sendesaal Bremen +++ Eröffnung Konzertsaison +++ 12. September 2026

Der  Pianist Martin Stadtfeld präsentiert Bachs Goldberg-Variationen als imponierend opulentes Gesamtkunstwerk

Zur Eröffnung der Konzertsaison im Bremer Sendesaal, der mit seiner außergewöhnlich guten Akustik das optimal passende Ambiente bietet, hat Pianist Martin Stadtfeld, ein in jeder Hinsicht kompetenter Interpret der Goldberg-Variationen, seinen Platz am großen Flügel eingenommen. Bereits als 22-Jähriger hat er anno 2003 dieses lange Zeit als mehr oder weniger unspielbar gehaltene Werk eingespielt. Und man spürt vom ersten Ton an, dass er längst jede einzelne Note, jede Nuance verinnerlicht hat.

Johann Sebastian Bach  Clavier Übung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit zwei Manualen („Goldberg-Variationen“) BWV 988

Martin Stadtfeld  Klavier

von Dr. Gerd Klingeberg

Wenn man der Geschichte des ersten Bach-Biografen Forkel Glauben schenkt, dann waren es die Schlafprobleme eines gewissen Grafen Keyserling, die Bach 1741 zu seiner wohl bedeutendsten Klavierkomposition angeregt haben dürften: den Goldberg-Variationen, benannt nach dem Bach-Schüler und Keyserlings Hauspianisten Johann Gottlieb Goldberg, der das Werk wohl auch als Erster spielte.

Zur Eröffnung der Konzertsaison im Bremer Sendesaal, der mit seiner außergewöhnlich guten Akustik das optimal passende Ambiente bietet, hat Pianist Martin Stadtfeld, ein in jeder Hinsicht kompetenter Interpret der Goldberg-Variationen, seinen Platz am großen Flügel eingenommen. Bereits als 22-Jähriger hat er anno 2003 dieses lange Zeit als mehr oder weniger unspielbar gehaltene Werk eingespielt. Und man spürt vom ersten Ton an, dass er längst jede einzelne Note, jede Nuance verinnerlicht hat.

Virtuos dargebotene „Gemüths-Ergetzung“

Die Aria, Grundlage der 30 Variationen, geht er sehr ruhig, mit klarem Anschlag an; man könnte zunächst fast meinen, hier solle der keyserlingsche Schlaf gefördert werden. Doch schon die Wiederholung des ersten Teils der Aria lässt aufhorchen: Stadtfeld oktaviert einzelne Phrasen und hebt sie damit überraschend hervor. Die von Keyserling erwünschte „gemüths-ergetzende“ Erheiterung bringt Stadtfeld gleich darauf in Variation 1 markant zum Ausdruck. Nichts da mit genüsslicher Ruhe; der Pianist geht in die Vollen, spielt kraftvoll, fast schon aggressiv, straff pulsierend, jedoch mit durchweg äußerst pointiertem Anschlag, der niemals durch Pedaleinsatz entschärft wird, wobei der Akzent auf Betonung  der bestimmenden Basslinie gesetzt ist. Das gilt auch für die weiteren, zumeist attacca aneinandergereihten Variationen. Darunter auch Nr. 5, von Stadtfeld als veritables Presto präsentiert, das wie ein Naturereignis, wie ein wütender Tornado vorbeirauscht. Ein ausgeprägtes Maß an Transparenz bleibt dennoch stets erhalten.

Die weniger scharf, teils legato angegangenen Variation 6 und 7 sorgen kurzzeitig für  Beruhigung; nach der mit geradezu lehrbuchmäßiger Akkuratesse vorgetragenen Fugetta (Var. 10) hält Stadtfeld erstmalig für einen kurzen Moment inne. Doch dies scheint lediglich dazu zu dienen, neue Energien freizusetzen für die nächste Attacke mit den Variationen 11 und 12. Faszinierend bei diesem atemberaubenden, forsch drängenden Angehen ist das gleichermaßen lockere wie souveräne Wechselspiel der Hände, die immer wieder übereinander greifen, so als sei es nichts anderes als eine pianistische Selbstverständlichkeit.

c) 2022 Martin Stadtfeld

Dabei geht es Stadtfeld offensichtlich nicht darum, den auf viel  Spektakel bedachten Tastentiger herauszukehren; dergleichen hat er angesichts seiner stupenden Spieltechnik und seiner wohldurchdachten Interpretation auch gar nicht nötig. Und so lässt er kontrastierend ruhige Passagen einfließen, setzt auf deutliche dynamische Änderungen, bringt mit schwungvoll arpeggierten Läufen eine fast schon saloneske Note ins Spiel (Var. 16).

Oder lässt gar einen gemütvollen Hauch Walzerseligkeit anklingen (Var. 19) und sorgt für jazzigen Drive und heiteren Schwung (Var. 23, 24). Ungemein stimmungsvoll bis melancholisch geht es zu beim Adagio (Var. 25); Stadtfeld nimmt hier nahezu jeglichen Druck aus seinem Spiel, akzentuiert dabei kunstvoll die teils kühnen chromatischen Harmonien. Und gerade in solchen Abschnitten lässt sich erahnen, welche kompositorische Genialität, welche Vielfalt an Ideen in diesem grandiosen Bach-Opus zu entdecken sind.

Groß angelegte Dramaturgie

Zu keinem Zeitpunkt wird der Eindruck erweckt, hier handle es sich um eine bloße Abfolge von dreißig zwar raffiniert komponierten Variationen eines letztlich aber doch nur immer gleichen Themas, bei denen noch dazu jeder Teil wiederholt wird. Stadtfelds ausgeklügeltes, klangfarbenreiches Spiel lässt mittels groß angelegter Dramaturgie vielmehr ein grandioses Gesamtkunstwerk erstehen. Nach dem besinnlichen Adagio erfährt somit alles, was zuvor schon an hochgradig mitreißenden Variationen zu erleben war, noch einmal eine gewaltige Steigerung. Das Geflecht zahlloser Figurationen im 18/16tel Takt (Var. 26) gestaltet Stadtfeld in etüdenhafter Präzision, die zahllosen 32stel-Motive bei Variation 28 erinnern an das Bild eines tosenden Wasserfalls.

Und wenn man meint, mehr ginge nicht, beweist Stadtfeld das Gegenteil: Mit einem gigantischen, scharf konturierten Fortissimo bei Variation 30 holt er alles an Klangopulenz heraus, was der große Steinway-Flügel zu bieten hat.

(c) 2022 Martin Stadtfeld

Dann, nach kaum mehr als einer wie im Rausch vergangenen Stunde, ist Zeit zum Durchatmen. Die jetzt wieder beinahe schon kontemplativ sanften Harmonien der Aria muten an wie ein berührender  Abschiedsgruß. Für eine ungewöhnlich lange Zeit herrscht absolute Stille im Saal, so als müsse man  erst einmal rekapitulieren, an welch faszinierendem Erlebnis man just teilhaben durfte. Doch dann bricht begeisterter Beifall los.

Und Stadtfeld lässt sich nicht allzu lange bitten, legt mit der Toccata op.11 von Sergej Prokowjew eine brutal hart tackernde Zugabe nach, einen Rausschmeißer par excellence, ähnlich packend dargeboten wie die Goldberg-Variationen. Den endgültigen, so gänzlich anderen Schlusspunkt setzt der frenetisch bejubelte Pianist indes mit den schlichten, atmosphärisch gemütvollen Harmonien des bekannten Liedes „Der Mond ist aufgegangen“.

Das Zitat: Der Titel spielt auf eine berühmte Aussage Ludwig van Beethovens über Johann Sebastian Bach an: „Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen“ – wegen seines unendlichen Reichtums an Klängen. 

Dr. Gerd Klingeberg, 13. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Boreas-Quartett Bremen, „Il Flauto Magico“ Sendesaal Bremen, 16. Mai 2026

Raphaela Gromes & Julian Riem “Fortissima” Sendesaal Bremen, 15. März 2026

Dresdner Festspielorchester, Martin Stadtfeld, Jan Vogler, Ivor Bolton, Elbphilharmonie

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