Warum wir uns mehr Zeit zum Verweilen in der Natur nehmen sollten

Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, Dirigent  Kölner Philharmonie, 23. November 2025

Jakub Hrůša © Dieter Nagl

Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker erteilen in Köln eine Lehrstunde dafür, warum wir uns mehr Zeit zum Verweilen in der Natur nehmen sollten.

Bamberger Symphoniker
Jakub Hrůša, Dirigent

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 – Pastoral-Sinfonie oder Erinnerung an das Landleben. Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei

Richard Strauss – Eine Alpensinfonie op. 64 TrV 233 – Tondichtung für großes Orchester

Kölner Philharmonie, 23. November 2025

von Daniel Janz

Eine Enttäuschung (Nomen) ist laut Duden eine Nichterfüllung von Hoffnungen oder Erwartungen, die jemanden unzufrieden stimmt. Erwartungen an eine Aufführung entstehen dabei stets im Abgleich mit dem eigenen Wissen, mit früheren Erlebnissen und auch mit dem Ruf der Interpreten. Spricht es also für das grundsätzlich hohe Niveau eines Orchesters und Dirigenten oder aber für vorneweg zu hohe Erwartungen, dass sich der Rezensent von der heutigen Aufführung enttäuscht zeigt, obwohl das Publikum sie am Ende mit Stehenden Ovationen feiert?
Im Vorfeld weckte es jedenfalls große Erwartungen, als der Besuch der Bamberger Symphoniker unter ihrem tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša (44) bekannt wurde. Besonders Hrůša ist hier seit Jahren ein häufig und gerngesehener Gast, unter dem man auch regelmäßig Sternstunden erlebt, selbst wenn ihn mal die Orgel im Stich lässt. Heute aber ist alles parat – der Stromausfall vor ein paar Wochen ist vergessen, das neue (immer noch beliebig wirkende) Branding der Philharmonie versucht man zähneknirschend zu ignorieren und an der verhunzten neuen Homepage gibt es tatsächlich erste Verbesserungsansätze. Was soll also schiefgehen, wenn man mit Beethoven und R. Strauss auch noch zwei absolute Kompositionsmeister aufgreift?

Beethovens Pastorale ist heute mehr Malerei als Empfindung

In Beethovens sechster Sinfonie starten die Künstler jedenfalls mit viel Elan und Fokus auf die Streicher. Hrůša dirigiert dieses Werk energetisch durch; zunächst führt er uns musikalisch auf die Felder, lässt uns dann am vor sich hinplätschernden Bach ausruhen und einer Bauernhochzeit beiwohnen, bevor ein Gewitter die Musik aufscheucht, auf das ein abschließender Lobgesang für das Überleben folgt.

In dieser Aufführung kann man sich die Szenen gut vorstellen. Gerade auch der Klang der Streicher füllt hier die einzelnen Sätze. Einzelne Soli brechen schön aus dem Streicherteppich hervor, gerade Oboe und Hörner sind hier sehr präsent. Klangschwach beginnen stattdessen die Flöten, erst im Verlauf der Sinfonie steigern diese sich allmählich. Das ist ein Wermutstropfen, aber zunächst noch keine Enttäuschung. Auch das etwas zu zahme Gewitter ist schnell entschuldigt, als der abschließende Lobgesang erklingt. Das Interesse weckt diese Aufführung schon.

An einigen Stellen hätte etwas mehr Gemach das Szenische dieser Musik allerdings besser in Ergriffenheit übersetzt. Im ersten Satz und auch in der Szene am Bach drängt Hrůša für den Geschmack des Rezensenten doch zu hastig voran. Dem Fluss der Musik tut das zwar keinen Abklang, aber die Empfindsamkeit bleibt dadurch ein Stück weit zurück. Dadurch fehlen einige der frischen Akzente, die aus dieser guten Pastoralen eine ergreifende geformt hätten. Beethovens Sechste kann jedenfalls mehr.

In der Alpensinfonie rennt man heute anstatt zu schwelgen

Die Hast steigert Hrůša nach der Pause leider ins Unschöne. Die Alpensinfonie von Richard Strauss lädt eigentlich zum Schwelgen ein; der hier vertonte Bergaufstieg bietet so enorm viele ergreifende Stellen und Farben, dass man aus dem Vollen schöpfen könnte: Ein majestätischer Sonnenaufgang, der unheimlich düstere Wald mit Quellbach inklusive einer Vision, eine Blumenwiese voller bunter Farben – ja, hieraus könnte man einen ganzen Schwall musikalischer Naturwunder zaubern.

Jakub Hrusa (c) Marian Lenhard

Leider gelingt das diesem Orchester unter Jakub Hrůša heute aber nur in Ansätzen. Schon der Einstieg gerät etwas laut und überhastet. Spätestens beim Sonnenaufgang beschleicht den Rezensenten dann der Eindruck, dass hier das Schwelgen in epischer Klanggewalt nicht praktiziert werden soll. Tatsächlich prescht Hrůša stattdessen sehr schnell durch die Szenen des Aufstiegs. Es fehlt das sensible Moment.

Der Wald hat dadurch leider nichts Unheimliches, sondern wirkt eher wie eine Episode, die es einfach nur hinter sich zu bringen gilt. Viele Details bleiben dem Rezensenten hier auf der Strecke … die diversen Vogelrufmotive, einige der eigentlich traumhaft schönen Episoden vom Heckelphon, die Celesta in der Quelle und viele der brillierenden Holzbläsersoli kommen zwar, können aber nicht glänzen. Und über die Wiese wird fast gehetzt, statt zu schlendern. Das nimmt der Musik leider so viel Schönes. Lieber Herr Hrůša – Warum sprinten Sie hier so durch? Zum Genießen solcher Naturwunder muss man sich doch für jeden Moment die nötige Zeit nehmen!

Schwierig wird es, als dann auf dem Gletscher zu dem unerwartet hastigen Tempo auch noch Schwächen im Orchester hinzutreten. Schmerzhaft hörbar wackeln hier plötzlich die Bläser in der Höhe und versinnbildlichen das Ausrutschen auf dem Eis etwas zu eindrücklich. Erst weit nachdem der Gipfel erreicht ist und man durch einige der schönsten Höhepunkte eher durchgeschlittert ist, entschleunigen die Künstler endlich die Musik. Wie schon bei Beethoven überzeugen Hörner und Oboe dabei am meisten. Ab diesem Moment folgt man auch wieder mit Gefühl. Gerade noch rechtzeitig, um immerhin in einem zweiten Gewitter inklusive mächtiger Orgel richtig loszutosen und beim anschließenden Abstieg in die Nacht zurückzuführen.

Am Ende können Orchester und Dirigent das Publikum mit dieser Leistung so sehr beeindrucken, dass es sie mit umjubelten Applaus und Stehenden Ovationen feiert. Der Rezensent aber zeigt sich von dieser Aufführung enttäuscht. Unklar bleibt ihm, ob er einfach den Vergleich bei diesen beiden Werken zu gut kennt und dadurch zu sehr hinter das Spektakel schaut, das diese Musik zweifelsfrei immer ist? Oder ob die Aufführung vielleicht doch gut war, aber zu hohe Erwartungen sie im Voraus getrübt haben? Oder ob heute ein Dirigent und Orchester, die für gewöhnlich mehr ergreifen, einfach einen schlechten Tag hatten? Die Spurensuche dürfte spannend werden, denn so viel ist sicher: in Köln werden diese Gäste auch in Zukunft immer gerne gesehen sein. Selbst, wenn eine Aufführung einmal anders läuft, als erwartet.

Daniel Janz, 24. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD-Rezension, Vladimir Jurowski, Richard Strauss, Eine Alpensinfonie klassik-begeistert.de

Meine Lieblingsmusik (61): Richard Strauss‘ „Eine Alpensinfonie“ (1915)

Bamberger Symphoniker, Jan Lisiecki, Jakub Hrůša Kurhaus Wiesbaden, 11. Juli 2025

Ein Gedanke zu „Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, Dirigent
Kölner Philharmonie, 23. November 2025“

  1. Erstaunlich, wie man im selben Konzert sitzen kann und das völlig unterschiedlich wahrnimmt. Für mich war das gestrige Konzert eine Sternstunde! Weder bei Beethoven noch bei Richard Strauss wüsste ich etwas zu bemäkeln.

    Friedhelm Benz

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