Unverhofftes Weber-Glück im Theater an der Wien

Carl Maria von Weber, Der Freischütz,  Theater an der Wien, 22. März 2019

Foto: Laurence Equilbey at La Seine Musicale, Paris
© Julien Benhamou
Theater an der Wien, 
22. März 2019
Carl Maria von Weber, Der Freischütz

Halbszenische Einrichtung: Olivier Fredj
ACCENTUS (Chor)/ INSULA ORCHESTRA – Laurence Equilbey
Besetzung: Tuomas Katajala, Johanni van Oostrum, Vladimir Baykov, Chiara Skerath, Christian Immler,Thorsten Grümbel, Samuel Hasselhorn, Anas Séguin, Clément Dazin

von Herbert Hiess

Eigentlich erwartet man sich bei einer Aufführung von Webers romantischer deutscher Oper meistens eine Enttäuschung. Entweder wird sie musikalisch bestenfalls passabel gebracht und/oder zerstört eine schwachsinnige Regie (wie aktuell in der Wiener Staatsoper) die sowieso schon niedergeschraubten Erwartungen.

Das Theater an der Wien setzt in der Saison 2018/2019 einen Weber-Schwerpunkt, und da darf halt dann die von Waldromantik durchtränkte Oper nicht fehlen. Also besuchte man quasi der „Ordnung halber“ diese Aufführung mit Erwartungen gegen Null.

Umso frappanter war die Wirkung dieser halbszenischen Produktion, großartig eingerichtet von Herrn Fredj. Samiel wurde interessant von Clément Dazin pantomimisch dargestellt und man begnügte sich mit kostümierten Choristen und Solisten und Lichteffekten. Besser hätte man das gar nicht umsetzen können; da sollten die Herrschaften von der nahegelegenen Staatsoper mal einen Blick ins Theater an der Wien werfen (und vielleicht diese aktuelle unsägliche Produktion einstampfen).

Doch nicht nur (halb-)szenisch war es ein großer Wurf; auch Chor und Orchester unter Maestra Equilbey konnten restlos überzeugen. Der Chor war exzellent – vielleicht in Zukunft auch ohne ungeplanter solistischer Einlagen der zweiten Bässe – und das historisch informiert spielende Orchester konnte von Anfang an überzeugen. War der Einsatz der Ouvertüre noch etwas wackelig; spätestens bei dem herrlichen Hornquartett (Naturhörner!!) war der romantische Frieden wieder hergestellt.

Die meisten der Solisten waren relativ „unbekannt“; dafür aber umso besser. Egal, ob Tuomas Katajala als dramatischer Max (mit starkem Akzent), die ganz grandiose Südafrikanerin Johanni van Oostrum (die öfters an die junge Gundula Janowitz erinnerte), der durchschlagskräftige Bassbariton Valdimir Baykov als Kaspar – auch die Sängerrige war eine mehr als positive Überraschung.

Es ist ein kluger Griff der Intendanz des Hauses, Frau Equilbey bei ihren Tourneen einzuladen. Da werden immer interessante Produktionen geboten; der verunglückte „Egmont“ vor ein paar Jahren fällt halt unter Restrisiko. Auf jeden Fall sollten die Maestra und ihr Ensemble sozusagen einen Fixplatz in den zukünftigen Saisonprogrammen bekommen.

Herbert Hiess, 23. März 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Carl Maria von Weber, Der Freischütz,
Theater an der Wien, 22. März 2019“

  1. «Das Theater an der Wien setzt in der Saison 2018/2019 einen Weber-Schwerpunkt, und da darf halt dann die von Waldromantik durchtränkte Oper nicht fehlen. (…)
    War der Einsatz der Ouvertüre noch etwas wackelig; spätestens bei dem herrlichen Hornquartett (Naturhörner!!) war der romantische Frieden wieder hergestellt.»
    ______

    Gerade im Hinblick auf die lt. Rezension verwendeten Naturhörner wundert mich die Einschätzung, der „Freischütz“ sei eine „von Waldromantik durchtränkte Oper“ bzw. präsentiere in seinem Hornquartett „romantischen Frieden“ ein wenig.

    Was die Hörner betrifft, so fällt bereits im Hornquartett der Ouvertüre (ab T. 10) auf, dass die scheinbare Romantik getrübt ist.
    Weber verwendet hier zwei Hörner in F sowie zwei Hörner in C. Im besagtem T. 10 lässt er das Horn in C eine Melodie intonieren, die in T. 18 auf gleicher Tonhöhe wiederholt wird – diesmal jedoch vom F-Horn.
    Das Besondere daran: während das C-Horn diese Töne offen intonieren kann, muss das Horn in F ein paar dieser Töne gestopft spielen, da sie nicht in dessen Naturtonleiter liegen. Der Komponist präsentiert eine schöne romantische Melodie, trübt diese jedoch in ihrer Wiederholung durch gestopfte Töne ein.
    Auch in den nachfolgenden Takten greift Weber immer häufiger auf diese dumpfer klingenden Töne zurück.
    An dieser Stelle möchte ich aus dem Kapitel über Hörner in Hector Berlioz´ 1844 veröffentlichter „Instrumentationslehre“ zitieren:

    «Die gestopften Töne zeigen nicht nur gegenüber den offenen Tönen, sondern auch unter sich bemerkenswerte Verschiedenheiten an Charakter und Stärke des Klanges. Diese Unterschiede ergeben sich aus der mehr oder weniger großen Öffnung, welche die Hand des Bläsers in dem Schalltrichter übrig läßt. Für gewisse Töne muß der Schalltrichter um ein Viertel, Drittel, die Hälfte, für andere fast gänzlich geschlossen werden. Je mehr man den Schalltrichter schließt, desto dumpfer wird der Ton, desto rauher und schwieriger für sichere und reine Angabe.»

    Diese und andere Finessen werden natürlich nur hörbar, wenn die von Weber geforderten Naturhörner verwendet werden; Ventilhörner intonieren das gesamte Hornquartett und auch alle sonstigen Passagen offen, wodurch die oben beschriebene Eintrübung der Waldromantik verloren und die Aussage der Musik verfälscht wird.
    Auch hierzu sei noch einmal Berlioz zitiert, der ebenfalls auf diese Problematik eingeht:

    «Mehrere Komponisten haben gegen diese neuen Instrumente eine gewisse Abneigung, weil dieselben seit ihrer Einführung ins Orchester von manchen Hornisten auch dann gebraucht werden, wenn das gewöhnliche [Natur]Horn vorgeschrieben ist, da die Bläser es bequemer finden, durch diesen Mechanismus die gestopften Töne als offene vorzutragen, während der Komponist gerade die besondere Wirkung der gestopften Töne haben wollte.»

    Das Besondere am „Freischütz“ war u. a. auch, dass der Komponist gezielt „unschöne“ Klänge erzeugte, indem er Instrumente in ungewohnten Registern oder bestimmte Töne spielen ließ, die andere Komponisten eher mieden.
    Dumpfe, ungleichmäßige, oder auch aggressiv-rasselnde Klänge, die durch den gezielten häufigen Einsatz von Gabelgriffen bei den Holzbläsern oder den oben erwähnten gestopften Tönen bei den Hörnern entstehen, sorgen dafür, dass der Zuhörer merkt: in diesem Wald ist etwas nicht in Ordnung.
    Die Kavatine der Agathe („Und ob die Wolke sie verhülle“) beginnt mit einem Synkopenrhythmus, der es dem Hörer schwer macht, ein Gefühl für den Takt zu entwickeln – die Dinge sind nach der Wolfschluchtszene aus dem Gleichgewicht geraten.

    NN

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