Publikum begeistert: "Carmen" im Opernloft in Hamburg

Carmen, nach Georges Bizet,  Opernloft Hamburg

Foto: (c) Inken Rahardt
„Euer blödes Internet ist doch nicht das wahre Leben“

Ernst Deutsch Theater Hamburg, 31. Mai 2018
Carmen, nach Georges Bizet
Inken Rahardt, Regie
Claudia Weinhart, Ausstattung
Makiko Eguchi, Musikalische Leitung
Markus Bruker, Kammermusikalische Einrichtung
Susann Oberacker, Dramaturgie/Text
Soomi Hong, Carmen
Aline Lettow, Michaela
Richard Neugebauer, José
Stepan Karelin, Escamillo

Ensemble:
Tanja Bolduan, Nadine König, Celina Kröll, Timm Moritz Marquardt, Francesco Sannicandro, Apollonia Schmidt, Alessandro Schulze, Maria C. Vangelista

von Sebastian Koik

Das Opernloft bringt eine gekürzte, ganz neue Version von Georges Bizets Carmen auf die Bühne des Ernst Deutsch Theaters Hamburg. Die Intention des Opernlofts ist es, Menschen neu für die Oper zu begeistern und Operngeschichten in die Gegenwart zu holen. Jede Produktion wird auf die klassische Spielfilmlänge von 90 Minuten gekürzt.

Das klingt erst mal spannend und gut. Der Altersschnitt am Premierenabend ist jung und dürfte etwa dem der Elbphilharmonie entsprechen: Sehr, sehr viel jünger als in der Staatsoper Hamburg und anderen traditionellen Opernhäusern der Republik! Und diese Carmen-Version, die an einer US-amerikanischen High School der Gegenwart spielt, kommt beim Publikum bestens an.

Opernloft ist ein schöner Name, doch dass hier neues Publikum an die „Große“ Oper herangezogen wird, kann nicht wirklich behauptet werden. Das hier ist Musiktheater, doch es ist etwas gänzlich anderes, wenn statt eines großen Orchesters mit seinem immensen Überwältigungspotential nur drei Instrumentalisten spielen: ein Klavier, eine Geige und eine Klarinette oder ein Saxofon.

Diese Carmen-Version hat den jungen Referendar José und zwölf handyverrückte High School-Schüler, angeführt vom Alpha-Mädchen Carmen, als Rollenpersonal. Carmen ist ein Internet-Sternchen und macht ihren Wert von ihren virtuellen Followern und „Likes“ abhängig. Bizets Stierkämpfer Escamillo wird zum Football-Quarterback, Zigeunerinnen zu Cheerleadern. Das Dauerschießen und Verschicken von Selfies der Schülerschar führt zu viel Amüsement bei der Mehrheit des Publikums. Andere dagegen können sich genervt fühlen, genau das so exzessiv im Theater auf der Bühne nachgespielt zu sehen, was sie ohnehin ständig im öffentlichen Raum beobachten müssen. Zuviel Realität kann künstlerisch schädlich sein!

José ist der einzige, der mit diesem Selfie-Internetwelt-Wahn nichts anfangen kann. „Euer blödes Internet ist doch nicht das wahre Leben“, sagt er. Und: „Ein echter Freund ist besser als 1000 Follower.“ Das sehen die Anderen allerdings ganz anders.

Aber nicht nur deshalb wirkt die Liebesbeziehung zwischen José und Carmen auf der Bühne unglaubwürdig, man nimmt sie ihnen nicht ab. Große Liebeswirren, Liebesbetrug und Enttäuschung gibt es in dieser Carmen-Version auch. Am Ende wird Carmen von José mit ihrem Selfie-Stick erstochen. Und so, wie sie sich den Abend über verhalten hat, hat man eigentlich keinen Funken Mitleid mit ihr.

Sängerisches Highlight der Vorstellung ist Aline Lettow als Michaela. Sie singt alles stark und makellos. Richard Neugebauer singt seinen José ebenfalls schön und souverän. Soomi Hong als Carmen ist an diesem Abend allerdings musikalisch eine Enttäuschung. In einigen hohen Spitzen singt sie schön, doch ansonsten präsentiert sie viele Fehltöne und klingt meist recht dünn. Auch Stepan Karelin als Escamillo vermag an diesem Abend nicht mit seiner Stimme zu überzeugen, singt ebenfalls dünn und trifft viele Töne nicht.

Sebastian Koik, 1. Juni 2018,
für klassik-begeistert.de

3 Gedanken zu „Carmen, nach Georges Bizet,
Opernloft Hamburg“

  1. […] Aber nicht nur deshalb wirkt die Liebesbeziehung zwischen José und Carmen auf der Bühne unglaubwürdig, man nimmt sie ihnen nicht ab. […]

    Sie wirkt nicht nur unglaubwürdig – sie ist es. Und zwar mit voller Absicht und gewollt. Carmen hatte lediglich die Absicht „likes“ dafür zu bekommen und hat nie was Ernstes von José gewollt. Das sollte auf den Zuschauer auch genau so wirken. Nur so nebenbei.
    Nächstes Mal bitte weniger Notizen darüber machen, wer wann angeblich seine Töne nicht getroffen haben soll und mehr auf die gezeigte Handlung achten, dann ist das mit dem Verstehen auch leichter.
    Simon D.

    1. Der unglaubwürdige Teil der Beziehung ist, dass der feine José sich so wahnsinnig und kompromisslos in dieses sich mies verhaltende und extrem oberflächliche Mädchen verliebt.

      Sebastian Koik

    2. Es ist schon wichtig, ob die Töne richtig getroffen werden, also bitte eher mehr davon. Die Handlung kommt erst danach, es ist ja ein Musik- und kein Theaterstück. Ob jemand jemanden liebt, ergibt sich außerdem aus der Musik, selbst wenn die Handlung dagegen inszeniert wird.

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