Wagners "Ring" in New York: Tosende Begeisterung für Christine Goerke, Andreas Schager und Philippe Jordan

Foto © David Jerusalem, Andreas Schager

The Metropolitan Opera, New York, 2. und 4. Mai 2019
Richard Wagner: DER RING DES NIBELUNGEN –
SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG

Wiederaufnahme und Neueinstudierung von Robert Lepages Inszenierung


Die Welt ist untergegangen, samt den Göttern, und alle sind zufrieden. Foto (c) Huber: Nach viel zu schnell vergangenen 5,5 Stunden um 11:30 pm EDT = 05:30 MESZ Götterdämmerungs-Schlussapplaus in der Met, v. l. die Rheintöchter Woodbury/Hankey/Mumford, Owens, Schager, Jordan, Goerke, Nikitin, Haller

von Petra und Helmut Huber (www.onlinemerker.com)

Die Bühnenmaschine von Carl Fillion (Projektionen Boris Firquet, Licht Etienne Boucher) dominiert das Geschehen auch an den beiden letzten Hauptabenden der Tetralogie. Was diese 24 dicht an dicht aufgefädelten flachen Dreieckskörper mit ihrer lautlosen Verstellbarkeit kollektiv, aufgefächert oder „chaotisch“ aufführen, was sie für Illusionen vermitteln können, ist schon atemberaubend. Die vier Projektoren (und ein paar Zusatzgeräte), die exakt silhouettendeckend diese verstellbare Projektions- und Spielflächen begleiten, in allen Positionen ohne „Kontamination“ des Bühnenhintergrundes, liefern nach eher statischen, wenn auch detailreichen Bildern von dicht an dicht stehenden Baumstämmen in der Walküre nun auch vielfältig bunt bewegte – Herbstwald mit fallenden Blättern, aber auch radierungsartig dargestelltes, sich windendes Gewürm und natürlich auch einen eindrucksvoll feurig-abweisenden Brünnhildenfelsen. Und ein Bach bei Mimes Werkstatt sowie ausfließendes Drachenblut läßt sich so auch, mit tropfenden Details, darstellen.

Immer wieder fächert sich das System auch auf, um die Illusion einer hügeligen Landschaft, eines gewaltigen Vogels oder eines Gebirges zu erzeugen, oder Spiel auf mehreren Ebenen zu gestatten. Äußerst anspruchsvoll für Darstellerinnen und Darsteller, noch dazu, wo die Maschineneinstellungen in Proberäumen nur unvollkommen nachgebildet werden können. Positiver Nebeneffekt dieser besonders aufwendigen Vorbereitung einer Wiederaufnahme ist, daß das Regiebuch von 2012 wirklich bis ins Detail durch- sowie bedarfsweise auch umgearbeitet wurde und die Interaktionen der Handelnden dadurch wohl ähnlich komplex und szenisch überzeugend wie in der Premierenserie ausfallen.

Am letzten Abend wird die Maschine mehr flächig eingesetzt, die smarten Projektionen spielen die Hauptrolle – wenn die Halle der Gibichungen holzvertäfelt und parallel gemasert ist, ist an den paar schräg angeschnittenen Elementen das Hirnholz zu erkennen; und der Gebirgsbach, in dem die warnenden Rheintöchter verschwunden sind, färbt sich rot vom Blut Siegfrieds, als sich Gunther die Hände wäscht. Als Brünnhildes Feuer niederbrennt, wird dahinter das einstürzende Wallhall sichtbar.

Jedenfalls am Gesamtkonzept für uns besonders faszinierend die Kombination von high-tech Bühne Gestaltung und konservativen Kostümdesign, bei dem wohl auch einige Elemente aus Fantasy-Welten eingeflossen sind, macht immer wieder geradezu sprechende Bilder. Diese transportieren die Geschichte perfekt und bieten immer wieder Anregung zum Mitdenken und zum Ausloten psychologischer und philosophischer Hintergründe.

Gerhard Siegel ist ein Power-Mime, dessen Verschlagenheit und mitunter Larmoyanz dadurch umso unguter wirkt. Nährvater und definitiv unangenehmer Gegner für Siegfried. Andreas Schager läßt sich durch dieses kraftvolle Gegenüber fast (anders als Stephen Gould voriges Jahr in Dresden) ein bißchen zu viel herausfordern und streift dadurch beim Schmieden von Nothung seine freilich extrem weit gestreckte stimmliche Grenze; ab dem zweiten Akt legt er aber eine atemberaubend perfekte Leistung hin und schwingt sich in der Schlußszene mit Brünnhilde noch einmal zu genau kontrolliertem, aber trotzdem durchschlagenden und befreit jubelndem Fortissimo auf. Ebenso vielschichtig abgestuft und jetzt immer definitiv perfekt dosiert seine Leistung am Schlussabend, wo er in der Todesszene auch sein vorzüglich angesetztes und trotz der geringen Lautstärke tragfähiges Piano einsetzen kann. Sein durchaus expressives Spiel hätte Otto Schenk mit dem Hinweis „mano“ vielleicht dann und wann etwas gedämpft.

Christine Goerke trifft schon mit ihrem ersten Ton nach dem Erwachen genau den Nerv von Publikum und Werk und spielt mit Siegfried stimmlich wie körperlich einen wahren, immer enger werdenden pas de deux bis zum jubelnden und trotzdem innigen Finale des dritten Abends. Stimmlich wirkt sie dabei gegenüber der „Walküre“ befreit – auch ihre Leistung ist mit „perfekt“ nicht übertrieben zu beschreiben, und das gilt auch für die „Götterdämmerung“, in der sie natürlich noch mehr Emotionen (und Schauspiel) bieten muß und auch scheinbar mühelos zu bieten hat. Fast bekommt ihre Stimme dabei ein bißchen was vom flüssigen Quecksilber einer Birgit Nilsson…!

Tomasz Koniecznys Alberich ist auch im Siegfried ein trotz „schöner“ Stimme dämonisch wirkender Regisseur des Bösen, was er auch am letzten Abend bei Hagen vorzüglich darstellt. Michael Volle verabschiedet sich als Wanderer aus der Geschichte mit von Akt zu Akt resignativerer Darstellung, was er auch fein dosiert mit der Stimme überträgt.

Fafner Dimitry Belosselskiy liegt und besitzt über Lautsprecher mit Halleffekt, nach Schlachtung seines eher entzückenden als furchterregenden Drachen-Ichs kriecht er aus der Neidhöhle und stirbt mit seiner unverfälschten, guten, auch im Verdämmern sicheren Stimme. Karen Cargill als Erda gibt eine zufriedenstellende Darstellung, kommt besser über die Rampe als im „Rheingold“.

Günther wird von Evgeny Nikitin solide gespielt und gesungen – etwas, das in dem riesigen Saal nicht viele so gut hinbekommen! Der Hagen von Eric Owens ist zwar nicht ganz so tief basiert wie die Stimme von Günther Groissböck, aber er überzeugt mit höchst differenziertem Gesang wie Spiel und einer ausgezeichneten Diktion, der besten des Abends.

Bei aller überzeugend dargebotenen Emotion und bisweilen nötiger Lautstärke behält die Stimme von Edith Haller (Gutrune) stets großen Wohlklang. Der glanzvollen Produktion adäquat auch die Nornen (Ronnita Miller, Elizabeth Bishop, Wendy Bryn Harmer), eine verzweifelt und mit wunderbar eindringlicher Stimme warnende Waltraute (Michaela Schuster) und die quicklebendigen Rheintöchter Amanda Woodbury, Samantha Hankey sowie Tamara Mumford, denen auf der schräg gestellten Maschinenwand körperlich einiges abverlangt wird, was sie aber nicht von feinziseliertem und glockenhell-rundem Gesang abhält.

Das Orchester erneut uneinheitlich: einerseits kann ihm Philippe Jordan am Pult alles entlocken, was zu einem tollen Ring nötig ist, auch wunderbare Abstimmung mit den Gesangssolisten, andererseits passieren immer wieder so Sachen wie: die wunderbar gespielte Basstuba kündigt in der Einleitung des „Siegfried“ den Wurm an und wird dann von schlecht gestimmten höherem Blech umspielt… In der „Götterdämmerung“ schließlich kommt es dann doch zum guten Ende, als das Holzbläserensemble im ersten Akt ganz wunderbar tönt, der Solohornist Erik Ralske eine makellose Leistung bietet und schließlich beim würdig dahinziehenden Trauermarsch und dem feurigen Finale ein wahrer Farbenrausch aus dem Graben aufsteigt und den Golden Horseshoe erfüllt.

Tosende Begeisterung des Publikums an beiden Abenden, von der Christine Goerke, Andreas Schager und Philippe Jordan den größten Anteil abbekamen.

 

New York: Anna Netrebko auf der Höhe ihres Ruhmes

Foto: Metropolitan Opera (c)
NEW YORK / WIEN –  Die Met im Kino, 12.Jänner 2019
Francesco Cilea, ADRIANA LECOUVREUER

von Dr. Renate Wagner (onlinemerker.com)

Ja, es war dieselbe Inszenierung, es waren dieselben beiden Hauptdarsteller – und trotzdem konnte man die „Adriana Lecouvreur“, der man ja nur selten begegnet, nach der Erfahrung an der Wiener Staatsoper gerne in der „Met“ wiedersehen. Die Produktion wirkte vielleicht noch dichter, spannender als einst. Oder liegt das einfach an der Kameraführung, die den Künstlern so nahe rückt, wie man sie auf seinem festen Platz im Opernhaus nie erleben kann?

Diese „Adriana“ also ist schönster Verismo, und man lobe gleich Gianandrea Noseda am Pult des New Yorker Orchesters: Der hat (wie bei uns Frederic Chaslin bei „Andrea Chenier“) wirklich differenziert gearbeitet, liebevoll, ließ die Dramatik knallen und die Liebeslyrik schmelzen und hatte noch Sinn für Feinheiten der Partitur, die man immer wieder wahrnahm. „Dienst am Werk“ nannte der Dirigent das im Pausengespräch mit Matthew Polenzani, der übrigens ein sehr steifer, wenig inspirierter Moderator war – die Damen machen das besser… „Francesco Cilea, ADRIANA LECOUVREUER, Anna Netrebko,
Metropolitan Opera New York“
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