Daniels Anti-Klassiker 23: Jacques Offenbach – „Cancan“ aus „Orpheus in der Unterwelt“ (1858)

Daniels Anti-Klassiker 23: Jacques Offenbach – „Cancan“ aus „Orpheus in der Unterwelt“ (1858)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung und der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Ah ja, der „Cancan“, dieses Meisterwerk orchestraler Heiterkeit und lustig flockiger Unterhaltung – eines jener Stücke, das aus unserer popkulturellen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken ist. Als Untermalung varietétypischer Frivoltänze, als Klangbrimborium im Zirkus, Untermalung im Cartoon, reißerische Hymne in Werbespots oder Gassenhauer im Fernsehen – so weit das Auge, oder in diesem Fall das Ohr reicht, wird man mit diesem Kleinod der Orchestermusik konfrontiert. Man möchte dieses Stück – ähnlich wie den Einstieg zu Strauss’ „Zarathustra“ – bereits als modernes Meme der Generation Tiktok und Snapchat einordnen. Und doch – dieser vermarktungstechnische Geniestreich hat bereits eine über 150 Jahre alte Geschichte.

Der Beginn dieser Jahrhunderte alten Erfolgsgeschichte liegt im Jahr 1840, in dem sich der Cancan als Tanz in Frankreich etablierte. Damals noch als eine regelrechte Obszönität, ist das Hauptmerkmal dieses Tanzes doch das freimütige Spiel mit einem Damenrock, um die darunter verborgenen Geheimnisse zu offenbaren. Das Beispiel machte schnell Schule; der Tanz breitete sich in – mal gesitteteren, mal freizügigeren – Etablissements aus und ist bis heute Bestandteil des französischen Varietés.

Von den Einen geliebt, von den Anderen gehasst begleitet ihn bis heute ebenfalls eine zweifelhafte Reputation. Wohl auch deshalb kam 1858 der Komponist Jacques Offenbach auf die Idee, diesen Tanz in seine Operette „Orpheus in der Unterwelt“ mitaufzunehmen. Man möge also staunen, dass die weltbekannte Cancan-Musik nicht etwa eine Komposition der modernen Film- und Fernsehlandschaft ist. Offenbachs Komposition gilt bis heute als die bekannteste Cancan-Szene und reicht inzwischen über deren ursprünglichen Kontext weit hinaus. Sei es tanzendes Gemüse, Gewinnspiele bei Fast-Food-Giganten oder sogar Mobilfunktelefone – scheinbar kann alles dazu vermarktet werden:

Als Musik im Sinne freudiger Belustigung und zum Unterstreichen fast schon übertriebener Gelassenheit erscheint Offenbachs Cancan dabei so gut, dass es seit seiner Entstehung bereits mehrere Referenzen dazu gab. Unter anderem lassen sich Frank Sinatra und Shirley MacLaine durch das Musical „Can-Can“ aus dem Jahr 1960 damit in Verbindung setzen. Lesende dieser Serie werden sich womöglich auch noch an den Beitrag zum Karneval der Tiere erinnern, in dem Saint-Saëns zur Verkörperung der Schildkröten ebenfalls den Cancan zitierte – allerdings in Zeitlupe, um dem trägen Charakter dieser Tiere gerecht zu werden.

Dabei erfüllt die ursprünglich hochenergetische Tanzmusik in Offenbachs Operette eigentlich eine regelrecht morbide Funktion. Wie ihr Titel bereits sagt, handelt sie von der antiken Tragödie um Orpheus und Eurydike. Orpheus – vom Höllengott Pluto um seine Frau Eurydike beraubt – steigt in die Unterwelt herab, um sie zu befreien. Dort angekommen fordert er vor versammelter Schar der Götter seine Frau zurück – in dieser Szene ist der Cancan, ursprünglich als „Galop infernale“ (zu Deutsch „Höllen-Galopp“) anzusiedeln. Selbstredend, dass das Ganze auch kein glückliches Ende für Orpheus und Eurydike nimmt.

Fraglich ist aber, ob man in diesem Fall von einem tragischen Ende sprechen muss. Offenbachs Orpheus ist zu Lebzeiten seiner Frau schon lange untreu, sodass sie sich selbst ebenfalls einen Geliebten hält, der sich erst hinterher als Pluto herausstellt. Nachdem Pluto sie dann in die Unterwelt entführt hat, ist Orpheus zunächst heilfroh, sie endlich los zu sein. Erst die Öffentliche Meinung, die hier als eine Art Moralapostel auftritt, kann ihn dazu bewegen, den Abstieg in die Unterwelt zu wagen. Und als die Befreiung seiner Ehefrau durch Eingreifen Jupiters misslingt, weint er dem auch keine Träne nach.

Man muss also ernsthaft fragen, ob die beiden mit dieser durch „Deus-ex-machina“ bestimmten Trennung nicht besser dran sind. Man könnte auch argumentieren, dass dieser ganze Kampf um Eurydike zum Erhalt der formellen Ehe, um der „Öffentlichen Meinung“ entgegen aller Liebe und Vernunft zu genügen, irritierend, teilweise gar lächerlich wirkt. Wenn man bedenkt, dass Offenbach diese Operette als vulgäre Parodie auf Glucks gleichnamige Oper konzipiert hat, mag dieser alberne Charakter wohl auch vollkommen beabsichtigt gewesen sein. So gesehen passt der Cancan als Überspitzung perfekt in diese Operette. Allzu ernst sollte man diese Musik besser nicht nehmen.

So verwundert es nicht, dass der Cancan – ähnlich dem Beispiel von Rossinis Figaro-Arie – reichen Einzug in die moderne Film- und Serienlandschaft gefunden hat. Und wie auch schon bei Rossini sind es die üblichen Verdächtigen: Disneys „Eine kleine Meerjungfrau“, die Looney Tunes, „Pinky and the Brain“, Simpsons, Futurama… aber auch Produktionen außerhalb der USA, wie der Anime Fairy Tail oder die Animationsserie zu Mr. Bean. Auch ein Computerspiel wie Super Mario kann schon mal einem gewöhnungsbedürftigen Techno-Remix zum Opfer fallen.

Man kann dem Cancan also seinen bis heute erhaltenen Einfluss nicht absprechen. Das dürfte mit Sicherheit auch Grund dafür sein, weshalb sich dieses Werk nicht nur im Orchesterbetrieb, sondern eben auch unabhängig davon in fast schon inflationärer Weise medial gehalten hat. Das kann man gut oder schlecht finden. Doch eine Sache ist sicher klar – durch ihre Überrepräsentation muss man schon fragen, ob diese Musik noch ihre Wirkung entfaltet. Ich jedenfalls kann mich nicht mehr in diese Operette setzen und Offenbachs Musik noch in ihrem ursprünglichen Kontext nachempfinden, geschweige denn genießen. Es wäre schade, wenn das auch anderen so ginge.

Daniel Janz, 30. Juli 2021, für
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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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