Der Schlauberger 68: Das Lager ist leer! Deshalb wünsche ich euch nix

Der Schlauberger 68: Das Lager ist leer! Deshalb wünsche ich euch nix,  klassik-begeistert.de

Tritt den Sprachpanschern ordentlich auf die Füße! Gern auch unordentlich. Der Journalist und Sprachpurist Reinhard Berger wird unsere Kultur nicht retten, aber er hat einen Mordsspaß daran, „Wichtigtuer und Langweiler und Modesklaven vorzuführen“. Seine satirische Kolumne hat er „Der Schlauberger“ genannt.

von Reinhard Berger

Da hammer den Salat. Mein ganzer Vorrat ist schon aufgebraucht. Das Lager ist leer. Obwohl mir noch Silvester bevorsteht. Dabei hatte ich vorsorglich das ganze Jahr über gesammelt und gespart, hatte das Wortmonument „Ich wünsche dir …“ fein säuberlich gespeichert, um es dann mit Macht unters Volk zu streuen.

Unkontrolliert. Das gebe ich zu.

Wissen Sie, der Charme dieser Sprachgirlande hat viele Gesichter: Sie ist kostenlos, leicht zu gebrauchen, CO2-frei und somit umweltfreundlich, beliebig anwendbar und absolut neutral. Also inhaltlich ein gewaltfreier Leerraum.Was mir neuerdings weiterhilft: Die beliebteste Variante dieses gedankenarmen Grußes gibt es in gedruckter Form auf Ansichtskarten, die gern mit Schneeflocken und Weihnachtssymbolen verziert sind. Vorn steht „Ich wünsche dir“, und im Inneren muss ich nur noch meinen Namen eintragen. Das schaffe ich mühelos.

Mal ein Beispiel: Ein guter Kumpel, also eher ein entfernter Bekannter, schickte mir eine Karte mit dieser magenschonenden Leerformel. „Ich wünsche dir frohe Weihnachten“. Dann der Name des Absenders.

Großartig, dachte ich. Da muss ich mich aber sofort bedanken. Und griff in meine Krabbelkiste, in der sich noch mehr solch verbale Hohlräume befinden, schmiert flugs meinen Namen drunter, Briefmarke drauf – und ab dafür.

Ach, was hat er sich gefreut! Wie ein Schneekönig, dem der Schnee fehlt.

Aber, liebe Freunde, es kommt ja noch viel besser. Seit ich entdeckt habe, dass sich Teile meines Ich-wünsche-dir-Vorrates digitalisieren lassen, versende ich fast nur noch WhatsApp-Luftblasen. Wenn ich einen kühnen Tag habe, füge ich gern hinzu: „…und alles Gute. Vor allem Gesundheit! Das ist das Wichtigste!“

Klick, zisch, erledigt (fürs Senden habe ich mir einen Zischlaut auf dem Smartphone eingerichtet).

Und alles umsonst! Noch nicht einmal Gedanken muss ich investieren!

Nun, an sehr guten Tagen füge ich kühn und unerschrocken ein Bild vom Weihnachtsmann hinzu. Das ist sehr originell. Finden auch die paar hundert Empfänger, die sich artig bedanken für diese tollen Wünsche und mir wiederum „alles Gute!“ zurufen.

Dieses Zurufe sammle ich schon mal für das nächste Wünscheabenteuer. Denn bald, ob Sie´s glauben oder nicht, ist ja Ostern. Da muss ich nur „frohe Weihnacht“ durch „frohe Ostern“ ersetzen.

Für den Jahreswechsel, ich wiederhole das noch mal, falls Sie nicht mehr wissen, was ich eingangs geschrieben habe, für den Jahreswechsel ist mein Lager ausgepowert. Da läuft nix mehr. Deshalb müsst ihr auf meine guten Wünsche verzichten. Leider.

Sorry, ich muss jetzt aufhören. Mir wird langsam schlecht.

Reinhard Berger, 26. Dezember 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Zuerst erschienen in: HNA

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Reinhard Berger

Allerleikeiten: Reinhard Berger, geboren 1951 in Kassel, Journalist, Buchautor, Hunde- und Hirnbesitzer.
Vergänglichkeiten: Vor dem Ruhestand leitender Redakteur der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA).
Herzlichkeiten: verheiratet, zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter, drei Enkel, ein Rottweiler.
Anhänglichkeiten: Bach, Beethoven, Bergers Nanne (Ehefrau).
Auffälligkeiten: Vorliebe für Loriot, Nietzsche, Fußball, Steinwayflügel, Harley-Davidson.
Öffentlichkeiten: Schlauberger-Satireshow, Kleinkunstbühne.
Alltäglichkeiten: Lebt auf einem ehemaligen Bauernhof.


www.facebook.com/derschlauberger

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2 Gedanken zu „Der Schlauberger 68: Das Lager ist leer! Deshalb wünsche ich euch nix,
klassik-begeistert.de“

  1. Verstehe den „Ärger“ und die Ironie dahinter. Allerdings beurteile ich die Sache mittlerweile so: Es ist doch schön, wenn jemand an mich denkt. Egal, wie gering sein Zeitaufwand dahinter gewesen ist. Selbst, wenn die Person, die Nachricht nicht nur an mich, sondern an vier weitere Personen gesendet hat – auch egal. Zumindest hat er/sie an mich gedacht. Und fünf Personen, je .gif, Bild oder was auch immer, sind das Maximum, an die man eine WhatsApp-Nachricht als „Massennachricht“ senden kann.

    In diesem Sinne wünsche ich Frohes Fest und Alles Gute 🙂
    Jürgen Pathy

  2. Lieber Herr Pathy, vielen Dank für Ihre Antwort, über die ich mich sehr freue, weil Sie erstens recht und zweitens an mich gedacht haben.
    Wenn ich das Bedürfnis habe, an jemanden zu denken und Kontakt aufzunehmen, brauche ich keinen Kalenderbefehl. Denn abzüglich Weihnachten, Jahreswechsel und Ostern stehen immerhin noch 357 Tage zur Verfügung, im Schaltjahr sogar 358.
    Herzlichst
    Reinhard Berger

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