Die Schrammelmusik lässt in die Wiener Seele blicken

Die Caféhausschrammeln  Weingut Hengl-Haselbrunner, 1190 Wien, 14. Oktober 2026

Theresa Aigner © Andreas Ströbl

Musikstadt Wien – das bedeutet natürlich Staatsoper, Musikverein, Konzerthaus und Theater an der Wien. Aber die echte Wiener Volksmusik hört man nicht in den großen Sälen, sondern in Heurigenlokalen, auf Weingütern oder in den Buschenschänken (in Deutschland sind das die „Straußwirtschaften“). Will man nicht in einer der Touristenfallen mit Reisebussen und zum Klischee verkommener Schunkelfolklore landen, dann sucht man am besten eines der Traditionslokale in Stammersdorf, Strebersdorf, Nußdorf oder Ottakring auf. Oder man geht zum Weingut Hengl-Haselbrunner nach Döbling, wo am 14. Oktober 2026 die „Caféhausschrammeln“ ein mitreißendes Programm zum Besten gaben.

Iglaseegasse 10, 1190 Wien, 14. Oktober 2026

„Das größte Glück“ – Konzert im Weingut Hengl-Haselbrunner

Die Caféhausschrammeln:

Theresa Aranya Aigner, Geige
Julia Kainz, Geige
Tommy Hojsa, Akkordeon und Gesang
Rudi Koschelu, Kontragitarre und Gesang

von Dr. Andreas Ströbl

Nein, „Schrammeln“ ist kein Verb

Tatsächlich ist die Schrammelmusik nach den Wiener Musikern und Komponisten Johann und Josef Schrammel benannt. Die Brüder gründeten 1878 mit dem Gitarristen Anton Strohmayer ein Ensemble, zu dem sich 1884 noch der Klarinettist Georg Dänzer gesellte. Das „Specialitäten Quartett Gebrüder Schrammel“ spielte zuerst in den Heurigenlokalen und Gaststätten, bald aber auch in den adligen und großbürgerlichen Wiener Salons auf. Typische Wiener Lieder, Märsche und Tänze, darunter oft Walzer fanden bei allen Schichten der Bevölkerung ebenso Anklang, wie bei den Komponisten Johann Strauß, Johannes Brahms oder Arnold Schönberg.

Über 200 Lieder und andere Musikstücke stammen aus der Feder der Schrammel-Brüder, die vor allem instrumental arbeiteten; die Texte haben meist andere gedichtet. Charakteristisch ist eine Melange aus schwungvoll-fröhlichen Aspekten und wehmütig-melancholischen Tönen. Wer jetzt an Gustav Mahler denkt, liegt völlig richtig, denn der hat ja auch diese unverfälschte Volksmusik in seine Symphonien einfließen lassen; vor allem in den oft ironisch gebrochenen Ländlern bricht sich ein scheinbar naiver Volkston Bahn, der rasch in die typisch Mahler’sche Abgründigkeit wechselt. Aber auch Johann Strauß’ „Fledermaus“ und Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ sind in Gänze nur vor dem Hintergrund des Wienerliedes zu verstehen.

Übrigens liegt im Döblinger Bezirksteil Grinzing ebenjener Friedhof, auf dem neben zahlreichen anderen Wiener Prominenten auch Gustav Mahler begraben ist. Tod und Wiener Lebenslust sind einander sinnfällig hier ganz nah, denn typisch für dieses Genre ist das zuweilen makabre, meist aber humorvoll-melancholische, sehr spezielle Verhältnis der Wiener zu Sterben und Tod – „a schöne Leich“ in Klängen.

Gustav Mahlers Grab © Andreas Ströbl

Junge Frische und ein erfahrenes Packl

„Die Caféhausschrammeln“ setzen sich aus zwei jungen Damen und zwei erfahrenen Herren zusammen. Die Violinistin Theresa Aranya Aigner ist Substitutin im Bühnenorchester der Wiener Staatsoper und Mitbegründerin des Kammerorchesters KLANGKOLLEKTIV Wien. Sie ist zudem Gründerin und Initiatorin des Frauen-Ensembles „Divinerinnen“, das nächstes Jahr auch in Norddeutschland auftreten wird; in welchem Rahmen, darf noch nicht verraten werden. Die zweite Violine spielt Julia Kainz, international tätige und vielseitige Musikerin sowie Mitglied mehrerer Orchester, wie z.B. dem Gustav Mahler Jugendorchester und verschiedener Kammermusikformationen sowie Dozentin.

Caféhausschrammeln © Andreas Ströbl

Tommy Hojsa, Sohn der „Wienerliedlegende“ Walter Hojsa, ist Schriftsteller und Komponist. Er spielt Klavier, Keyboard und Akkordeon; vor allem versteht er sich als Pfleger des Wienerlieds und Erneuerer dieser lieben Tradition. An diesem Abend singt er und spielt klassisches Akkordeon. Rudi Koschelu ist ein echtes Urgestein des traditionellen Wienerliedes. Er ist einer der letzten „Natursänger“, singt also ohne klassische Gesangsausbildung mit echtem Wiener Timbre. Koschelu ist einer der letzten Dudler Wiens, der mit den großen Legenden, wie u.a. Kurt Girk und Trude Mally gesungen hat (das Dudeln ist eine eigenständige Wiener Art des Jodelns). Zudem spielt er bei diesem Konzert die Schrammel-typische Kontragitarre.

So entsteht der charakteristische, warme Klang eines Schrammelquartetts mit viel Humor und ebensoviel Tiefsinn. Leider wissen das einige Besucher in der Wirtshausstube nicht zu würdigen, denn die angetrunkene Abordnung eines Damen-Kegelclubs und einige Touristen aus Fernost nehmen die Darbietung eher als Hintergrundgeräusch denn als echtes Kulturgut wahr. Nach einigen Ermahnungen aus dem Publikum steigt die Konzentration, und die Musik kann ihre unverfälschte Atmosphäre entfalten.

Caféhausschrammeln © Andreas Ströbl

„Für mich ist die Musik der direkteste Weg zur Seele des Menschen“

Tatsächlich einzigartig ist, dass Gesang/Dudeln und Schrammelquartett gemeinsam zu hören sind, was es auch sonst in Wien nirgends gibt. Erfrischend ist auch, dass dieses Quartett einen Gegenpol zur heutigen Vermarktungskultur darstellt. Die Vier haben keine Homepage oder einen Agenten; die Spieltermine erfährt man entweder persönlich, durch Mundpropaganda oder in einschlägigen Szene-Zeitungen. Der Name „Caféhausschrammeln“ rührt übrigens daher, dass die Musiker im kleinen Caféhaus „Laleh & Aschaa’s Musik Café“ mehr oder weniger zufällig aufeinandergetroffen sind und zusammengespielt haben.

Die Eigenkompositionen von Tommy Hojsa und Rudi Koschelu sind als Ergänzung, aber nicht als die Hauptsäule des musikalischen Wirkens dieses Quartetts zu verstehen. Im Zentrum steht das überlieferte Musiziergut, wobei die Texte aufmerksam reflektiert werden. Früher als lustig empfundene, aber klar frauenfeindliche Aussagen werden nicht gesungen. Wichtig ist in jedem Falle, dass die Musiker eben auch musikschaffend tätig sind.

„Für mich ist die Musik der direkteste Weg zur Seele des Menschen“, sagt Theresa Aigner; und in der Tat – wenn man sich diesem so eigenen Ausdruck der Wiener Seele hingibt, verfliegt jegliche klischeehafte Vorstellung von Heimatfilm-Rührseligkeit oder Hans Moser-Schmäh. All die oft humorvollen, dann raunzenden, also weinend-melancholischen, bald plötzlich schwungvoll-mitreißenden Lieder, Tänze oder Märsche entführen die Zuhörer in eine seelenhafte Originalität, stets aber mit liebenswerter Selbstironie und Augenzwinkern. Echte Wiener unter den Gästen kennen viele der Texte und singen sie angerührt leise mit.

Theresa Aigner und Julia Kainz spielen ihre Violinen passend meist mit einem sanft-singenden Ton, dann wieder jubilieren sie strahlend oder lassen mit gemessenem Flageolett die Töne flirren und tremolieren. Tommy Hojsas Akkordeon schafft gleichermaßen eine volkstonhafte Grundstimmung, dabei mit sehr raschen, virtuosen Läufen. Gesanglich und in sympathisch respektvoller Zurückhaltung begleitet er Rudi Koschelu, der seiner Kontragitarre sehr feine Töne entlockt. Natürlich darf in einigen der Lieder das Wiener Dudeln nicht fehlen; Koschelu geht dabei bis an die kopfstimmlichen Grenzen. Das alles gibt dieser Musik etwas ungemein Authentisches und oft berückend Ernstes, ja auch Trauriges.

Von stillen Vogerln und düsteren Kreuzwegen

Unter sehr vielen anderen Stücken erklingen an diesem Abend das traditionsreiche „Das größte Glück“ von Franz Paul Fiebrich: „Wie schön wär’s, wenn auf da Wöt nur die Liab wohna tät“ – das ist ebenso naiv-aufrichtig wie wahr. „Wo die Vogerln still plauschen“ ist vom selben Komponisten; die Zeile „Des schönste auf da Wöt is nur die herrliche Natur“ beschreibt die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Unverfälschtheit. Aus der Feder von Rudi Koschelu stammt der „Bonsai Walzer“, dann erklingt das berühmte „Ja, wann der Regen lauter Gumpoldskirchner wär“ von Karl Föderl und Karl Pollach (der verbirgt sich hinter dem Pseudonym „Salpeter“). „Der Kreuzweg“, ebenfalls ein traditionelles Wienerlied, ist eigentlich ein Liebeslied, bei dem ein Mann darunter leidet, dass ihn die Frau verlassen hat. In der zweiten Strophe wird metaphorisch „Des Lebm is hoid a Kreuzweg“ das Liebesleid beklagt.

Der Schnofler-Tanz von Johann Mayer erhielt seinen Namen durch das sul ponticello-Spiel mit dem Bogen nahe am Steg, wodurch ein Ton, der an das „Schnofeln“, also das durch die Nase sprechen, erinnert. „Fang ma an!“ ist ein klassischer Marsch von Franz Strnad, der einfach gute Laune verbreitet, ebenso, wie die muntere Scherz-Polka „Im Kaffeehaus“ des Urvaters Johann Schrammel. Auch Rudolf Tichys „Trabersport Marsch“ gehört zu den unproblematischen Stücken, die knappe drei Stunden lang eine wunderbare, charmante Stimmung zaubern.

Wer also demnächst Wien besucht, der sei, um eine Wiener Trambahndurchsage zu zitieren, „dringend ersucht“, Konzerte mit Formationen, wie den „Caféhausschrammeln“ oder „Divinerinnen“ aufzuspüren und einen atmosphärisch dichten Abend zu genießen – authentischer geht’s nicht!

Dr. Andreas Ströbl, 22. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at (Regina gewidmet)

Die „Caféhausschrammeln“ treten jeden 2. Mittwoch im Monat beim Weingut Hengl-Haselbrunner, Iglaseegasse 10, 1190 Wien-Döbling, auf.

Langes Klassikwelt 11: Brasilianische Schrammeln

Günther Groissböck, Neue Wiener Concert Schrammeln klassik-begeistert.de, 6. Mai 2026

Interview: Ksenija Sidorova, lettische Akkordeon-Virtuosin Schleswig-Holstein Musik Festivals 2026

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert