Langes Klassikwelt 11: Brasilianische Schrammeln

Langes Klassikwelt 11: Brasilianische Schrammeln

„Volksmusik“ wurde mir gründlich verleidet. Ich sage nur: Blauer Bock, Musikantenstadl, die Hellwigs … Wenn Florian Silbereisen mit festgetackertem Grinsen schmalzig-klebrigsüßes Geschmachte und stumpfes Gestampfe präsentiert, kichere ich fassungslos – und schalte rasch weg. Nach und nach allerdings entdecke ich immer mehr echte Volksmusik. Die kann richtig glücklich machen. Ohne Gefahr für Blutzuckerspiegel und Hirnzellen. Sogar jetzt.

von Gabriele Lange

Ich ließe Kirschen für dich wachsen ohne Kern

Weinerlich und weinselig – das war mein erster Eindruck vom Wienerlied. Denn ARD, ZDF, Drittes Programm und ORF zeigten in den Sechzigern und Siebzigern jede Menge Filme aus den Vierzigern und Fünfzigern. Auf dem Schwarzweiß-Fernseher meiner Eltern jammerte dann etwa Hans Moser, er säße ganz verlassen in der Kellergassn und hätte sein Geld versoffen. Oder er nuschelte Vivi Bach an: „Wenn der Herrgott ned wü, nutzt des gar nix!“ Mit demselben Lied belehrte auch Paul Hörbiger eine junge Maid – und legte auf die Lethargiker-Hymne noch einen ordentlichen Extra-Schlag Kitsch drauf.

Sobald ich eine Chance hatte, TV- und Musikprogramm selbst zu bestimmen, war Schluss mit dem Schmalz. Nicht aber mit dem morbiden Wien. Nun sang bei mir Ludwig Hirsch vom „großen schwarzen Vogel“ (aktuell nur absolut stabilen Gemütern empfohlen), Wolfgang Ambros vom Zentralfriedhof, Georg Kreisler ging Tauben vergiften im Park – und beim ersten Besuch in Wien 1980 hatte ich das Glück, Helmut Qualtinger noch live zu sehen. Mit dem traditionellen Wienerlied hatte ich nicht viel am Hut.

„Es wird ein Wein sein …“

27 Jahre später kommen wir von einem Ballett in der Volksoper und suchen in der Nähe unseres Quartiers in Mariahilf nach einem Lokal, in dem wir ein Glas Wein bekommen. „Gschamster Diener“ hat einen lustigen Namen und noch auf. Drinnen eine Gruppe Wiener*innen sichtlich fortgeschrittenen Alters. Alle bester Laune. Offensichtlich ein privates Fest – aber man lässt uns in der Ecke Platz nehmen. Eine bläulich getönte Dame steht auf. Und singt. Daraus wird ein Duett mit einem wohlbeleibten Herrn mit Hosenträgern. Die beiden werden abgelöst vom nächsten Paar … Es werden dann noch einige Achterl, denn das passt einfach. Die Menschen, die Musikalität, die erstaunlich guten Stimmen, die Freude an den Erinnerungen. „Es wird ein Wein sein und wir wern nimmer sein…“. Ein paar Lieder kennen wir, andere sind uns neu. Es ist gefühlvoll, aber nicht kitschig. Sondern einfach echt.

Feuriger Geburtstag

Kurz vor der Abreise kehren wir abends noch in einem Stadtheurigen ein. Wieder eine fröhliche Gang von sorgfältig zurechtgemachten mindestens 80-jährigen Damen. Wieder wird gesungen. Und getrunken. Und gesungen. Richtig gut. Um Mitternacht wird eine Torte herbeigetragen. Eine der Damen bemüht sich, die vielen Kerzen drauf auszupusten. Mit erstaunlich viel Power. Die Papierdeko fängt Feuer. Zwei Polizisten in Uniform, die an einem Stehtisch gerade ein spätes Glaserl trinken, schnappen sich geistesgegenwärtig Wasserkrüge und verhindern Schlimmeres. Großes Hallo, der Kuchen ist hin, es wird noch eine Runde bestellt, der Wirt prüft vorsichtig den Tisch auf Brandflecken – noch ein Lied! Schließlich große Verabschiedungsrunde, die Party verteilt sich schwer angeschickert auf bestellte Taxis. Und wir haben neue Vorbilder: Genau so sollte man alt werden …

Die Liebe zum Wienerlied

Jedes Mal, wenn wir einen Wien-Besuch planen, steht nun vorher eine Suche im Falter an und im Terminkalender auf www.daswienerlied.at. Denn wenn man die richtige Runde findet, dann erlebt man „Volksmusik“ im besten Sinn. Nicht den süßlichen Mist, der einem in TV-Schunkelrunden unter dieser Rubrik angedreht wird. So langsam verstehen wir: Wienerlied – das ist der Rembetiko, der Blues der alten Wiener. Jeder Abend ist was Besonderes. Wir landen in eingespielten Gemeinschaften mit viel Liebe zur Musik, die Spaß daran haben, dass wir Münchner hereinschneien und genießen.

Um Ostern 2017 schließlich haben wir einen Tisch im Herrgott aus Sta. In dem Heurigen in Ottakring soll es regelmäßig sehr gute Konzerte geben. Ohne es zu ahnen, sind wir bei einem Gedächtniskonzert zu Gast. Die Menschen haben sich versammelt, um eines Musikers zu gedenken, der dort regelmäßig aufgetreten ist – und der 1971 ein Lied mit dem Titel „Herrgott aus Sta“ komponiert hat. Karl Hodina ist vor kurzem gestorben. Über ihn weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Doch der Abend ist beeindruckend. Virtuos, viel Gefühl, kein Kitsch. Mal höre ich jazzigen, ja bluesigen Groove, mal klingt’s nach Chanson, dann irgendwie brasilianisch – aber immer nach Wien. Der Kontragitarrist und Sänger Rudi Koschelu, den wir besonders bewundern, ist regelmäßig mit Karl Hodina im „Herrgott“ aufgetreten. Wir sind nicht das letzte Mal in diesem Lokal – denn die Konzerte gehen weiter. (Eigentlich hätten wir in diesen Tagen wieder hinfahren wollen…)

Nach dem Konzert im „Herrgott“ versuche ich mehr über Hodina herauszufinden. Das Multitalent war auch ein hoch talentierter Lithograf und Maler, hatte aber schon 1957 das Vienna Modern Jazzquartett mitgegründet. Wie Arik Brauer malte er erfolgreich im Stil des Phantastischen Realismus, legte aber nach einer Augenerkrankung seinen Schwerpunkt auf die Musik. Sein erstes Wienerlied ist ein vertonter Text von H.C. Artmann. Und so unkonventionell ging es weiter: Seine Wienerlieder sind mehr rebellisch als larmoyant – aber oft von großer Zärtlichkeit.

„I liassert Kirschn für di wachsn“

„I liassert Kirschen für di wachsen ohne Kern,
wann mir der Himmel g’hörat, griagast alle Stern,
wann I die Sunn‘ derglenga tät, i möcht sie hoin
und wann’s für di is, hätt‘ i scho‘ des Frühjahr g’stoin.“

Bei diesem Video werden Hodina und Koschelu aus nächster Nähe von den beiden Blondinen Dagmar Koller und Hansi Hinterseer unter vollem Einsatz erstklassiger Zahnarztarbeit angeschwärmt. Doch die Anwesenheit des Ex-Skirennläufers, der aus seiner Fähigkeit, Noten ungefähr zu treffen und dabei schwiegersohntauglich auszusehen, eine ganze Karriere gezimmert hat, sollte nicht täuschen: Hodina gehörte zu denen, die das Wienerlied in die Moderne geholt haben. Ein ORF-Kurzporträt von 1972 zeigt ihn vor seinem begeisterten jungen Publikum im Herrgott aus Sta. Er erforschte die Tradition dieser Musik und veröffentlichte eine Sammlung mit Liedern aus drei Jahrhunderten. Leider sind nur einige wenige Live-Videos zu finden (hier groovt er in den Siebzigern bei der behäbigen ORF-Institution Heinz Conrads). Ein paar CDs gibt es noch zu kaufen. In Spotify finden sich nur die „Brasilianischen Schrammeln“.

Die allerdings sind etwas ganz Besonderes. (Alle Lieder ohne Video auch auf Youtube). 2002 experimentierte Hodina zusammen mit dem brasilianischen Jazzgitarristen, Percussionisten und Sänger Alegre Correa. Herausgekommen ist wienerische Weltmusik. Sommerlich leicht, zugleich entspannt und tief melancholisch. Sie hüllt ein wie eine weiche Decke. Als ich wegen eines schweren Allergieanfalls zwei Wochen allein in eine pollenfreie Region abhauen musste, hat mich diese Musik an einsamen Abenden begleitet. Und ich glaube, sie kann auch ein guter Tröster sein für die Tage, die wir zurzeit unfreiwillig ohne unsere Lieben verbringen müssen.

„Renn‘ nur nicht gleich verzweifelt und kopflos herum…“

Übrigens hat auch Karl Hodina das Lied vom Herrgott, der nicht will, gesungen. Leise, altersweise, sehr, sehr ruhig. Er lächelte dabei.

„Das Leben hat mir eine Lehre geschenkt,
es kommt immer anders, als man es sich denkt.“

Gabriele Lange, 13. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Langes Klassikwelt 10: The Sound of Silence

Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie (hoffentlich bald wieder) etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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Beitragsbild: Wolfgang H. Wögerer / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

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