Charlotte Larzelere (Manon Lescaut), Alexandre Riabko (Des Grieux), Michal Bialk (am Flügel), Anna Laudere (Marguerite Gautier), Jakob Feyferlik (Armand Duval), Markus Lehtinen (musikalische Leitung), Futaba Ishizaki (Prudence Duvernoy), Matias Oberlin (Gaston Rieux), Olivia Betteridge (Olympia), Emiliano Torres (Graf N.) (Foto: RW)
Das Neumeier-typische Ballett ist nicht auf tänzerische Akrobatik und auch nicht auf schauspielerische Präsenz ausgelegt, sondern auf das Verwachsen mit der Rolle. Und das, ohne die vorhandenen immensen technischen Schwierigkeiten zu vernachlässigen. Vielmehr sollten diese so verinnerlicht und eingeübt sein, dass sie als Ausdruck der Empfindung und nicht mehr als artistische Leistung erkennbar sind.
Hamburgische Staatsoper, Hamburg Ballett, 21. Oktober 2026
Die Kameliendame, Ballett von John Neumeier
Bühnenbild und Kostüme: Jürgen Rose
Musik: Frédéric Chopin
Musikalische Leitung: Markus Lehtinen
Am Flügel: Michal Bialk, Ondrej Rudčenko
von Dr. Ralf Wegner
Bei dieser Aufführung von Neumeiers genialer Kameliendame war schon auffällig, welchen Verlust wir mit den Kündigungen der Tänzer Alexandr Trusch, Christopher Evans und Alessandro Frola unter der Intendanz von Demis Volpi erlitten. Neben Louis Musin, der den Armand in der Zweitbesetzung tanzen wird, gibt es offenbar aktuell niemanden, der den Part von Armand Duval mit solcher Hingabe und Leidenschaft tanzen kann wie die drei vorgenannten ehemaligen Ersten Solisten. Selbst der neu engagierte Callum Linnane stand offenbar für Armand nicht zur Verfügung, so dass die Direktion Jakob Feyferlik als Gast aus München für zwei Aufführungen einwarb. Feyferlik wurde in Wien ausgebildet, dort 2019 zum Ersten Solisten befördert und tanzt jetzt im dritten Jahr in derselben Position erfolgreich beim Bayerischen Staatsballett, auch den Armand in Neumeiers Kameliendame.
Bei der gestrigen Aufführung von John Neumeiers Ballett Die Kameliendame wurde erneut ersichtlich, was die eigentliche Qualität des Hamburger Balletts und seiner hier ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzer ausmacht: Emotionen in Schritte umzusetzen, so dass der Ausdruck aus dem Tanz kommt. Wenn es so läuft, und es lief so bei den vorgenannten Ersten Hamburger Solisten, überwältigt der Tanz infolge des Hineinschlüpfens in den Tanzcharakter und des Dehnens seiner Haut, bis diese mit der eigenen Persönlichkeit verschmilzt.
In diesem Sinne ist das Neumeier-typische Ballett nicht auf tänzerische Akrobatik und auch nicht auf schauspielerische Präsenz ausgelegt, sondern auf das Verwachsen mit der Rolle. Und das, ohne die auch bei Neumeier vorhandenen immensen technischen Schwierigkeiten zu vernachlässigen. Vielmehr sollten diese so verinnerlicht und eingeübt sein, dass sie als Ausdruck der Empfindung und nicht mehr als artistische Leistung erkennbar sind.
Der mittlerweile 48-jährige Alexandre Riabko zeigte zusammen mit der jungen Ersten Solistin Charlotte Larzelere in ihren Pas de deux als Des Grieux und Manon Lescaut (Neumeier spiegelt in seinem Kameliendame-Ballett das Rokoko-Schicksal der Lebedame Manon Lescaut und ihres Verehrers Des Grieux), was ich damit meine: Unbedingte Hingabe an die Rolle bei gleichzeitiger tanztechnischer Perfektion. Nur ein Beispiel, beim Tod von Manon in der US-amerikanischen Einsamkeit gleitet die zuvor vom Partner in die Höhe gehobene Manon in einer Art Schraubendrehung nach unten auf den Boden. Dazu gehört ein im Partnertanz absolut versierter Tänzer wie Alexandre Riabko und eine ihm bedingungslos vertrauende Tänzerin wie Charlotte Larzelere.

Auch der dritte Pas de deux des Liebespaares Armand und Marguerite (Jakob Feyferlik und Anna Laudere) endet mit solch einer Schraube, bei Jakob Feyferlik allerdings mit jeweils kurzer Verzögerung: Von der Höhe auf die Brust, dann zur Körpermitte und schließlich auf den Boden. Laudere und Feyferlik muss man allerdings zu Gute halten, dass sie nicht durch jahrelanges gemeinsames Training solch eine perfekte Schraube zeigen können wie dereinst Alexandre Riabko mit seiner Ehefrau Silvia Azzoni im letzten, dem Schwarzen Pas de deux. Dass es bei den Letztgenannten so leicht aussieht (Beispiel auf YouTube in minder guter Aufnahmequalität abrufbar), ist die besondere tänzerische Kompetenz dieses Paares. Es ist bei ihnen die pure Emotion, die mit diesem Ende des Pas de deux ausgedrückt wird.
Jakob Feyferlik ist mit seiner Größe und seinem jugendlichen Auftreten optisch eine Idealbesetzung für den Armand. Auch beeindruckt er darstellerisch wie sonst nur selten auswärtige Tänzer in dieser Rolle. Was ihm im Vergleich mit den vorgenannten Hamburger Solisten aber fehlt, ist, mittels dynamischer Bewegungsabstufungen innere Spannung zu erzeugen und damit die für die Rolle notwendige Leidenschaft auch tänzerisch und nicht nur darstellerisch auszudrücken.
Ich will ein Beispiel dafür nennen: Ida Stempelmann, aus dem Bundesjugendballett hervorgegangen, 2020/21 in das Ensemble aufgenommen und seit dieser Saison Solistin beim Hamburg Ballett, hatte in der Aufführung diese dynamische Bewegungsspannung, auch wenn es nur die kleine Rolle der Nanina, Marguerites Kammerfrau, betraf. Es ist möglicherweise nur der Bruchteil einer Sekunde, mit der diese Tänzerin schneller geht oder reagiert, als es gewöhnlich der Fall ist. Allein wie sie im dritten Akt aus dem ruhigen in den schnellen Gang wechselt, um die zusammenbrechende Marguerite von hinten aufzufangen, habe ich so ausdruckstark bisher nicht gesehen.
Kann sein, dass es immer so war, nur es fiel mir angesichts der zahlreichen anderen tänzerischen Abläufe bisher nicht besonders auf. Das unterscheidet Neumeiers Ballette auch von jenen anderer Choreographen aus der Nachneumeierära. Es nutzt sich nichts ab, immer wieder lässt sich Altes, bisher nicht Wahrgenommenes als Neues erkennen. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, wie zum Beispiel das kurze, stakkatoartige Trippeln auf der Spitze bei den weiblichen Spaziergängerinnen auf den Champs Élysée als Ausdruck des von Marguerite innerlich Besitz ergreifenden Herzrasens beim plötzlichen Anblick des ihr entgegenkommenden Armand.

Anna Laudere zeigte als Marguerite Gautier noch einmal ihr ganzes tänzerische Können. Jede Körperbewegung, jeder Schritt war Ausdruck ihrer seelischen Stimmung. Wie schön, sie noch einmal in dieser Rolle tanzen gesehen zu haben. In der Zweitbesetzung werden Ida Praetorius und, bereits genannt, Louis Musin als Marguerite und Armand ihr Können unter Beweis stellen.
Freie Plätze waren gestern kaum zu sehen. Das Publikum bejubelte die Tänzerinnen und Tänzer, darunter noch Florian Pohl als Armands Vater Monsieur Duval, Pepijn Gelderman als Marguerite aushaltender Herzog, Futaba Ishizaki als quirlige Prudence Duvernoy, Emiliano Torres als bemitleidenswerter, Marguerite bewundernder, aber nie zum Zuge kommender Graf N., Olivia Betteridge als Olympia und Matias Oberlin als Gaston Rieux.
Dr. Ralf Wegner, 22. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
In dieser Besetzung gibt es Die Kameliendame noch am Samstag, den 24. Oktober, die Zweitbesetzung, eigentlich auch eine Erstbesetzung, wird am 23., 25. und am 28. Oktober auftreten.
Die Saison 2026/27 beim Hamburg Ballett Hamburgische Staatsoper, 5. September 2026