Klein beleuchtet kurz 80: Tschaikowskis „Pique Dame“ in Hannover mit Helen Donath gerät zum Ereignis

Klein beleuchtet kurz 80: Tschaikowskis „Pique Dame“ in Hannover  Staatsoper Hannover, 21. Oktober 2026

Helen Donath als Gräfin in Pique Dame; Foto Patrik Klein

Ein Abend von atemberaubender musikalischer Intensität – und eine Gräfin, die unter die Haut geht

Staatsoper Hannover, 21. Oktober 2026

Tschaikowski „Pique Dame“,

Inszenierung: Roland Schwab
Bühne: Piero Vinciguerra
Kostüme: Gabriele Rupprecht
Licht: Andreas Schmidt

Chor: Lorenzo Da Rio
Musikalische Leitung: Tobias Wögerer

Chor der Staatsoper Hannover, Kinderchor der Staatsoper Hannover, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

von Patrik Klein

Mit Tschaikowskis „Pique Dame“ hat die Staatsoper Hannover die neue Spielzeit mit einem Werk eröffnet, in dem sich gesellschaftliches Strebertum, zwanghafte Leidenschaft und menschliche Abgründe auf eindrückliche Weise verbanden.

Die Regie Roland Schwabs richtete einen konsequenten Fokus auf Hermanns Abstieg, seinen eigentlich unbedingten Aufstiegswillen und seine daraus folgende immer stärker zunehmende Selbstzerstörung.

Die ins Unendliche führende Treppe wurde zum Bild einer Gesellschaft, deren Glanz und Versprechen für Hermann unerreichbar blieben. Diese Sichtweise geriet schlüssig und unterstützte die dramatische Entwicklung, ohne dass die Regie gegenüber der Musik in den Vordergrund treten musste.

Die Aufführung überzeugte ferner vor allem durch ihre musikalische Qualität und das hohe Niveau der sängerischen Leistungen. Im Zentrum des Interesses stand dabei Helen Donath, die als Gräfin einen besonderen Akzent setzte.

Helen Donath: Bühnenpräsenz und darstellerische Autorität, wie man sie nur selten erleben kann.

Die Besetzung der Gräfin mit Helen Donath erwies sich als ein wirkungsvoller Glücksgriff. Die weltbekannte amerikanische Sängerin, die über Jahrzehnte hinweg die Opernbühnen dieser Welt geprägt hatte, verlieh der geheimnisvollen Figur eine Intensität, die weit über die bloße Darstellung einer alten, gesellschaftlich privilegierten Dame hinausging. Sie war zugleich Erscheinung aus einer vergangenen Epoche und eine Frau, deren Lebensgeschichte von der Gegenwart eingeholt wurde.

Helen Donath in Pique Dame; Foto Bettina Stöß

Gerade in dieser Rolle zeigte sich, wie entscheidend die Verbindung von darstellerischem Können und musikalischer Erfahrung für die Oper ist. Ihre Wirkung entstand aus dem Nimbus einer Figur, die etwas Unheimliches umgab und deren bloße Anwesenheit die Abläufe beeinflusste. Helen Donath gab ihr jene menschliche Dimension, die den dramatischen Kern der Oper schärfer hervortreten ließ.  Hinter der Geschichte von den drei Karten stand ein Leben, das unwiderruflich der Vergangenheit angehörte und dessen Geheimnis für Hermann zur verhängnisvollen Obsession wurde. Damit wurde sie nicht nur zur dramaturgischen Schlüsselfigur, sondern auch zum emotionalen Mittelpunkt der unheimlichen Atmosphäre des Werkes.

Ein in allen Belangen überzeugendes Ensemble, das Tschaikowskis dramatische Spannung trug.

Der spanische Tenor Xavier Moreno gestaltete Hermann, jenen von seinem gesellschaftlichen Aufstiegswillen und seiner Spielobsession getriebenen Außenseiter, der zunehmend die Kontrolle über sich selbst verlor mit großem Engagement und hoher Ausdruckskraft. Er erschien nicht von Beginn an als Wahnsinniger, sondern erst die allmähliche Veränderung seiner Wahrnehmung machte seinen Absturz glaubwürdig. Man erkannte in ihm den sehnsüchtig Liebenden, den obsessiven Spieler und den psychisch zerbrechenden Menschen. In seinem Gesang glänzte der dramatische Tenor durch den Kontrast zwischen kontrollierter, fast zarter Innigkeit und eruptiver mitreißender Kraft.

Die australische Sopranistin Kiandra Howarth stand als Lisa für die menschliche Seite dieser Tragödie. Ihre Figur geriet zwischen Liebe, familiärer und gesellschaftlicher Bindung und Hermanns zerstörerischer Leidenschaft in einen Konflikt, der den privaten Preis seines Besessenheitsdramas sichtbar machte. Mit ihrem leuchtenden, warmen Sopran gestaltete sie mit kultivierten Legatolinien und einer sicheren, freien Höhe die differenzierte Dynamik ihrer Rolle.

Der in Dessau geborene Bariton Philipp Jekal ergänzte als Graf Tomski das überragende Ensemble, das größtenteils aus hauseigenen Mitgliedern bestand. Er erzählte die Geschichte nicht wie ein ernstes Schauerdrama, sondern zunächst als eine Erzählung aus dem gesellschaftlichen Leben. Gerade diese beiläufige Haltung machte sie für Hermann so gefährlich.  Was Tomski als Anekdote präsentierte, wurde für Hermann zur Obsession. Er führt in die Welt des Petersburger Offiziersmilieus ein und erzählte jene unheimliche Geschichte von der Gräfin und den drei Karten, die den weiteren Verlauf der Oper entscheidend prägten. In seiner überaus glaubhaften Darstellung verband er vokale Eleganz mit erzählerischer Präsenz.

Tschaikowskis Oper lebte nicht allein von ihren großen Soloszenen, sondern ebenso von den gesellschaftlichen Konstellationen, Chorszenen und wechselnden Stimmungen, die HermannsBesessenheit umgaben.

Ensemble der Staatsoper Hannover beim Schlussapplaus; Foto Patrik Klein

Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover und der Chor der Staatsoper unter der Leitung vom ersten Kapellmeister Tobias Wögerer bzw. Lorenzo Da Rio bildeten dabei das musikalische Fundament des Abends. Tschaikowskis Partitur wurde sowohl mit klanglicher Opulenz als auch mit psychologischer Präzision präsentiert. Hinter der mitreißenden orchestralen Oberfläche blieben die inneren Spannungen, die jähen Stimmungswechsel und die zunehmend bedrohliche Atmosphäre jederzeit hörbar.

Die Hannoveraner „Pique Dame“ gewann ihre Stärke aus dem Zusammenwirken von Tschaikowskis leidenschaftlicher Musik, einem engagierten Ensemble und einer Inszenierung, die den psychologischen Absturz des Protagonisten nachvollziehbar machte. Besonders Helen Donath verlieh dem Abend ein ganz besonderes Gewicht. Ihre Gräfin erinnerte daran, dass große Opernkunst nicht allein an vokaler Kraft oder äußerem Effekt zu messen ist. Entscheidend sind die Persönlichkeit, die Präsenz und die Fähigkeit, einer Figur eine unverwechselbare menschliche Dimension zu geben.

Das mit 1200 Besuchern restlos ausverkaufte Haus feierte frenetisch alle Beteiligten und stand rhythmisch applaudierend vor einer der großen noch lebenden Operndiven und lag ihr schließlich zu Füßen. Unglaublich!

Patrik Klein, 22. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Hermann: Xavier Moreno
Graf Tomski / Zlatogor: Philipp Jekal
Fürst Jelezki: Matteo Guerzè
Tschekalinski: Dan Karlström
Surin: Daniel Eggert
Tschaplizki: Mark Serdiuk
Narumow: Serhii Moskalchuk
Der Festordner: Constantin Bauer
Die Gräfin: Helen Donath
Lisa: Kiandra Howarth
Polina / Milowzor: Anthea Barać
Mascha / Prilepa: Yejin Kim

(c) Patrik Klein

klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg erlebt hat, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!

 Piotr Iljitsch Tschaikowski, Pique Dame, Inszenierung Marie Lambert-Le Bihan Opéra Royal de Wallonie, Lüttich, 27. Februar 2026

Peter Ilyich Tchaikovsky, Pique Dame Garsington Opera, 6. Juni 2025

Pjotr I. Tschaikowski, Pique Dame (Pikowaja Dama), Lise Davidsen Bayerische Staatsoper (Nationaltheater), 12. Juli 2024

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