© Alpine Baek
Die Pianistin Hai-Kyung Suh gehört zu den gefeierten Künstlern der letzten Jahrzehnte. Als eine der ersten koreanischen Musikerinnen, die in Europa und den USA reüssierten, errang sie Spitzenpreise beim Busoni-Wettbewerb und beim ARD-Musikwettbewerb, spielte zahlreiche Aufnahmen für die Deutsche Grammophon und Decca ein und kehrte nach einer Krebserkrankung, die ihr Leben und ihre Laufbahn beinahe beendet hätte, auf die großen Bühnen wie den Barbican Center, den Seoul Arts Center, der Berliner Philharmonie und der Carnegie Hall, wo sie im Oktober dieses Jahres ein von Publikum und Presse umjubeltes Solorezital spielte, zurück.
Im zweiten Teil unseres Interviews spricht sie über ihr neustes Konzertprogramm, Martha Argerich und ihre Pläne für die nächste Zeit ihrer bereits fünfzigjährigen Karriere.
Johannes Karl Fischer im Interview mit Hai-Kyung Suh, Teil II
klassik-begeistert: Frau Suh, Sie haben vor zwei Wochen in der Carnegie Hall ein Programm mit Brahms, Liszt und einer Uraufführung von Jeajoon Ryu gespielt. Was hat Sie zu diesem Programm inspiriert?
Hai-Kyung Suh: Naja, genau gesagt habe ich mit einer wunderschönen Melodie aus „Orfeo ed Euridice“ [Anm.: von Christian Willibald Gluck, in einer Bearbeitung von Giovanni Sgambatti] begonnen.
Es geht in diesem Programm um die Liebe. Die Melodie, wo Orfeo Euridice aus der Unterwelt rettet, beleuchtet von einem Hauch warmen, orangenen Lichts, das die perfekte Stimmung schafft, um Orfeo hautnah nachzuempfinden. Das ist Liebe!
Und die beiden Brahms-Rhapsodien [Anm.: Op. 79] hat Johannes Brahms geschrieben, als er sich gerade verliebt hatte [Anm.: in Elisabeth von Herzogenberg], die beiden anderen Klavierstücke [Anm.: Op. 118] Clara Schumann gewidmet, in die er mehrere Jahrzehnte unglücklich verliebt war.
Den Valse per Pianoforte hat Jeajoon Ryu mir gewidmet, er ist einer der bedeutendsten Komponisten Koreas. Als Künstlerin sehe ich es als meine Aufgabe, auch neue Werke in Auftrag zu geben, genauso wie Tschaikowski und seine Mäzenin Nadeschda von Meck. Der Valse selbst ist ein Thema mit Variationen, musikalisch eine sehr passionierte Entwicklung. Als Zugabe habe ich dann den dritten Liebestraum von Franz Liszt gespielt. Ich liebe das romantische Repertoire, auch mit ihrer extremen Virtuosität. Das haben schon die Kritiker in den deutschen Zeitungen gemerkt, als ich mit 20 am Anfang meiner Karriere stand.
klassik-begeistert: Was kommt als nächstes, haben Sie noch weitere Uraufführungen geplant?
Hai-Kyung Suh: Als nächstes werde ich wieder mehr russisches Repertoire spielen. Prokofjew, Mussorgski, Rachmaninoff, damit fühle ich mich sehr wohl. Ich habe ja als erste Frau überhaupt sämtliche Rachmaninoff-Klavierkonzerte einschließlich der Paganini-Rhapsodie eingespielt. Das ist schon sehr frustrierend, weil wahnsinnig schwer, aber auch sehr belohnend, schmerzhaft und wahnsinnig schön zugleich.
klassik-begeistert: Die Rhapsodie über ein Thema von Paganini haben Sie schon damals beim Busoni-Wettbewerb gespielt. Fühlt sich dieses Stück fünfzig Jahre später anders an?

Hai-Kyung Suh: Klar! Damals war es einfach so gottverdammt schwer. Ich konnte einfach nicht aufhören zu üben, bis zum allerletzten Moment, damit es dann beim Wettbewerb richtig klang. Heute leide ich unter dieser Belastung nicht mehr so sehr, ich haben mehr Raum, um dem ganzen Werk meinen künstlerischen Geschmack hinzuzufügen. Ein bisschen wie diese köstliche Sauce bei französischem Essen. Endlich. Nach 46 Jahren mit diesem Werk.
klassik-begeistert: Apropos lange Karrieren, ich habe vor kurzem Martha Argerich gehört, sie ist schon über 80 Jahre …
Hai-Kyung Suh: 85 Jahre.
klassik-begeistert: … und nicht wirkt, als würde sie daran denken, aufzuhören. Zubin Mehta hat gesagt, es gehört einfach zum Beruf des Künstlers (bzw. in seinem Fall des Dirigenten), sich auch im Alter nicht zurückzuziehen. Planen Sie auch eine ähnliche Laufbahn?
Hai-Kyung Suh: Absolut! Physikalisch und technisch bin ich fit wie nie, und ich habe ja auch die notwendige musikalische Lebenserfahrung. Ich mache so lang weiter, wie ich noch lebe und wie meine Gesundheit es mir erlaubt. Meiner Kinder sind jetzt ja auch schon beide erwachsen [lacht].
klassik-begeistert: Was möchten Sie in Ihrer zukünftigen Karriere mit Ihrer Musik erreichen, was ist Ihnen da am wichtigsten?
Hai-Kyung Suh: Ich will die Menschen mit meiner Musik berühren, dass sie ihre Sorgen und Probleme, die sie sonst so im Leben haben, einfach komplett vergessen. Und dann die Musik einfach genießen, sich berührt und geliebt fühlen. Wenn ich das schaffe, wäre das für mich eine große Ehre.
klassik-begeistert: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Klassik?
Hai-Kyung Suh: Dass vor allem jüngere Menschen sich in den Bann des menschlichen und musikalischen Ausdrucks ziehen lassen, sich wieder mehr für Klassik interessieren und sich von dieser Musik berührt fühlen. Und außerdem, dass mehr Konzerte in kleineren Sälen gespielt werden, damit gerade jüngere Leute mehr Gelegenheiten haben, in Kontakt mit dieser Musik zu kommen.
klassik-begeistert: Sehr geehrte Frau Suh, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für unser Gespräch genommen haben und weiterhin viel Erfolg.
Johannes Karl Fischer, 22. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Interview: Artem Yasynskyy, Pianist, Teil I klassik-begeistert.de, 22. Juni 2026
Interview: Artem Yasynskyy, Pianist, Teil II klassik-begeistert.de, 23. Juni 2026
Martha Argerich Festival Hamburg Laeiszhalle Hamburg, 21. Juni 2026
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