Artem Yasynskyy © Anita Wąsik
Artem Yasynskyy gehört zu den begeisterndsten Pianisten seiner Generation, insbesondere durch seine Fusion seiner gefeierten Interpretationen klassischer Werke mit Improvisationen. Er ist Preisträger zahlreicher internationaler Wettbewerbe und widmet sich neben dem Solorepertoire auch intensiv der Kammermusik. Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir über improvisierte Kadenzen, Partiturlesen und natürlich die Zukunft der klassischen Musik.
Johannes Karl Fischer im Gespräch mit Artem Yasynskyy
klassik-begeistert: Herr Yasynskyy, wir sprachen eben über Improvisation. In Wien ist das auch eine Jahrhunderte alte Tradition – Beethoven oder Mozart haben zum Beispiel Kadenzen fast nur improvisiert. Sollte man das wiederbeleben?
Artem Yasynskyy: Unbedingt! Es ist ohnehin sehr schwer eine Kadenz zum Beispiel im Stil Mozarts zu schreiben. Egal, wie gut man die schreibt, irgendwie merkt man immer, dass diese Noten nicht von Mozart kommen. Deswegen frage ich mich, ob man sowas nicht auf ganz eigene Weise schreiben oder spielen kann. Diese Tradition ging verloren, als man in der Klassik sämtliche Änderungen der Musik verboten hat. Es musste dann alles genau so ablaufen, wie die Komponisten es geschrieben hatten. Das hat nicht nur Nachteile, sonst würden wir viele Werk wahrscheinlich nicht mehr so hören, wie wir das heute können. Aber andererseits ist es schade, dass die Improvisation komplett verloren gegangen ist. Aber sie wird ja zum Glück wiederbelebt …
klassik-begeistert: Wenn Sie heute eine Kadenz zu einem Mozart-Konzert schreiben, klingt die dann jedes Mal gleich? Wie gehen Sie da vor?
Artem Yasynskyy: Ich habe mal eine Kadenz für ein Mozart-Konzert geschrieben, die war zuerst improvisiert, aber dann habe ich sie irgendwann aufgeschrieben. Wenn man das alles aufschreibt, ist es natürlich schwer, vom Notentext wegzugehen, da bleiben zumindest ein paar Muster. Als klassische Musiker sind wir dazu trainiert, maximal texttreu zu spielen, alle Noten, alle Striche, wirklich das, was der Komponist wollte. Man muss dann überlegen, wo improvisiert man und wo geht man zurück zu dem, was geschrieben wurde? Das ist bei modernen Stücken manchmal ähnlich.
klassik-begeistert: Bei modernen Stücken merkt man das als Zuhörer manchmal auch nur schwer, wenn die Musik vom Notentext abweicht, ist das dann auch so intendiert?
Artem Yasynskyy: Ich habe auch schon öfters Musik gespielt, die nur in Zeitangaben – also Sekunden – notiert ist. Manchmal hat man auch Werke, da muss man am besten die ganze Partitur auswendig lernen, wenn man das spielen will. Das ist natürlich auch sehr viel Arbeit. Aber bei Kammermusik funktioniert es auch nicht, wenn man nur die eigene Stimme und nicht die ganze Partitur kennt. Man muss das Werk eigentlich so gut kennen wie ein Solostück. Und zwar nicht nur die eigene Stimme, sondern auch die anderen. Zum Beispiel wenn ich Trio spiele, muss ich wissen, was im Cello passiert …
klassik-begeistert: Beim Klavier stehen ja meistens alle Stimmen in Kammermusiknoten, bei der Geige eher nicht …
Artem Yasynskyy: Doch, manchmal bei moderner Musik, damit man die Einsätze sieht …
klassik-begeistert: Praktisch gesehen müsste man auch sehr viel blättern …
Artem Yasynskyy: Deswegen muss man seine Stimme auch auswendig können. Auch, wenn man im Orchester spielt, man hört nicht unbedingt das, was man erwartet, wenn man nur seine eigene Stimme kennt. Man muss das Stück eigentlich genau so gut wie der Dirigent kennen.
klassik-begeistert: Aber sitzen Orchestermusiker dann auch mit Partitur in der Probe?
Artem Yasynskyy: Eigentlich nicht, das wäre ein Supertalent. Ich habe sehr viele Freunde, die in Orchestern spielen. Ich weiß nicht, wie sie das machen. Eigentlich muss man die Partitur kennen, wenn man wirklich verstehen will, was man spielt. Aber das ist einfach sehr schwere Arbeit, ich finde es trotzdem wichtig.
klassik-begeistert: Sollte man dann als Solist überhaupt noch mit Noten spielen?
Artem Yasynskyy: Das ist schwer zu sagen. Es gibt Leute, denen ist es sehr wichtig, mit dem Notentext verbunden zu sein. Ein guter Freund von mir, er schreibt jede Dynamik, jeden Strich, Intonation, Idee in seine Noten rein. Für mich hingegen ist es sehr wichtig, dass ich am Anfang schaue, was in den Noten steht und danach die Noten entferne. Wenn ich immer nur mit diesem Blatt Papier zusammenhänge, finde ich es sehr schwer, eigene musikalische Ideen zu realisieren und mich in den Raum der Musik hineinzufühlen.
klassik-begeistert: Wir sind jetzt gerade in Wien, aber Sie spielen ja auch sehr viele Konzert an abgelegenen Orten, zum Beispiel letztes Jahr in einer Kirche in Ostfriesland. Was motiviert Sie, Musik an diese Orte zu bringen?
Artem Yasynskyy: Das Konzert in Ostfriesland war für mich ein ganz besonderes Ereignis mit einem ganz tollen Konzept. Ich bin da auch ein bisschen mit dem Publikum in Kontakt gekommen und das fand ich einfach unglaublich. Wenn ich in einem großen Saal mit 2.000 Zuschauern spiele, natürlich fühle ich die Energie und manchmal ist es sogar einfacher zu spielen, wenn ich auf der Bühne einfach viel Platz habe und etwas weiter weg vom Publikum bin. An kleineren Orten erlebt man aber ganz direkt, wie das Publikum reagiert. Viele Leute haben mir schon gesagt, sie erleben in einem kleinen Kammerkonzert viel mehr als in einem großen Saal. Dieser Kontakt zwischen Künstlern und Publikum ist mit das Wichtigste an der Musik.
klassik-begeistert: Große Konzertsäle gibt es in der Musikgeschichte ja noch nicht so lange, früher war das alles ganz anders und da gab es auch ganz andere Instrumente. Haben Sie schon mal auf einem historischen Instrument gespielt?

Artem Yasynskyy: Ja, ich spiele eigentlich auch sehr gerne auf alten Instrumenten. Viele Stücke von Chopin oder Debussy spielen sich auf alten Instrumenten auch viel einfacher, das ist wirklich erstaunlich. Bei modernen Instrumenten müssen wir so viel arbeiten, so viel überlegen, wie man eine Note gestaltet, dass man die richtige Balance hat und wie man mit der Akustik arbeitet. Bei alten Instrumenten muss man das viel weniger. Natürlich muss man sich an die alten Instrumente erstmal gewöhnen, darauf kann man nicht so spielen wie auf modernen Instrumenten. Man muss auf alten Instrumenten auch nicht so viel überlegen, was das Instrumente einem sagt, weil es macht einfach mit und das klingt oft tatsächlich besser. Ohnehin spielen wir ja auch ganz andere Instrumente als die, auf denen Mozart oder Chopin gespielt hat. Auch, wenn es ein Fortepiano war, das ist nochmal ganz anders als ein moderner Flügel.
klassik-begeistert: Sie kommen aus der Ukraine. Wie blicken Sie auf die aktuellen Ereignisse, was macht das mit der Kunst?
Artem Yasynskyy: Im Moment ist es natürlich sehr schwierig. Viele ukrainische Künstler sind leider ohne Heizung, ohne Strom, es ist ein Wunder, wie man so überhaupt überleben kann. Und trotzdem, wahnsinnig viele junge Künstler in der Ukraine üben weiterhin mit viel Fleiß, Liebe und Leidenschaft. Musik hat in der Ukraine eine lange Tradition und es ist erstaunlich, dass sogar in dieser Zeit weiterhin Konzerte aufgeführt werden.
In Kiew gibt es zum Beispiel jetzt eine Möglichkeit, Konzerte unterirdisch zu spielen, damit man nicht bei Bombenalarm das Konzert unterbrechen muss. Es gibt auch Orte, wo Musiker üben oder sich einfach ausruhen können.
Ich finde es absolut erstaunlich, wie man auch in dieser schwierigen Situation während des Krieges trotzdem Musik macht. Für viele ist einfach nicht klar, wie sie überhaupt weiterleben können. Und trotzdem, gerade viele junge Menschen geben ihr Bestes um weiterzukommen und diese faszinierende Musik weiterzumachen. Das bewundere ich sehr und davor habe ich großen Respekt.
klassik-begeistert: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der klassischen Musik?
Artem Yasynskyy: Ich wünsche mir, dass vor allem junge Menschen Interesse an der klassischen Musik finden und sie lieben und hören! Und ich finde es auch wichtig, dass klassischen Musik nicht nur in einer elitären Blase existiert, dass sie zugänglicher wird. Ich meine nicht nur die Ticketpreise, sondern auch die Art, wie diese Musik präsentiert wird. Zum Beispiel, dass man klassische Musik auch an kleinere Orte bringt. Weil die Zuhörer dort werden dann bestimmt auch mal zu einem anderen, vielleicht größeren Konzert gehen.
klassik-begeistert: Waren beim Philharmonikerball auch junge Gäste?
Artem Yasynskyy: Ja, viele, aber es waren auch ältere da, es war sehr gemischt. Es war sehr interessant, auch dieses Format, wo alle involviert waren. Und überhaupt in Wien, wenn ich diese alten Gebäude sehe, ich fühle mich wie zu Hause, ich finde das alles sehr inspirierend!
klassik-begeistert: Herr Yasynskyy, Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die interessanten Einblicke in die Musikwelt.