Große Stimmen:
Damrau, Castronovo und Piazzola begeistern in „La Traviata“ bei den Münchner Opernfestspielen

Giuseppe Verdi, La Traviata, Nationaltheater München, 25. Juli 2018

Foto: © Wilfried Hösl
Giuseppe Verdi, La Traviata, Nationaltheater München, 25. Juli 2018

Asher Fisch, Musikalische Leitung
Günter Krämer, Inszenierung
Andreas Reinhardt, Bühne

Carlo Diappi, Kostüme
Wolfgang Göbbel, Licht
Sören Eckhoff, Chor

Diana Damrau, Violetta Valéry
Rachael Wilson, Flora Bervoix
Alyona Abramowa, Annina
Charles Castronovo, Alfredo Germont
Simone Piazzola, Giorgio Germont
Matthew Grills, Gaston
Christian Rieger, Baron Douphol
Andrea Borghini, Marquis d’Obigny
Kristof Klorek, Doktor Grenvil
Long Long, Giuseppe
Boris Prýgl, Ein Diener Floras
Oleg Davydov, Ein Gärtner

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper 

von Sebastian Koik

Damrau, Castronovo, Piazzola: Wunderbare Sänger machen Verdis „La Traviata“ bei den Münchner Opernfestspielen am 25. Juli 2018 im Nationaltheater zu einem musikalischen Feinkostabend.

Charles Castronovo brilliert als Alfredo Germont mit herrlich natürlichem Gesang und vollkommener Souveränität in jedem Moment und in jeder geforderten Tonlage. Castronovo begeistert mit strahlenden und sehr stabilen Höhen. Der US-amerikanische Tenor singt mit warmer und dunkler Stimme und sehr langem Atem. Seine Technik ist bewundernswert, auch bei Ausbrüchen und in schnelleren Passagen hat der in New York geborene Künstler jederzeit vollkommene Kontrolle und Präzision. Besser als Charles Castronovo an diesem Abend kann man diese Partie nicht singen.

Dessen Bühnenvater Giorgio Germont verkörpert wunderbar der Italiener Simone Piazzola. Wie schon Castronovo, so begeistert auch er mit einer großen Stimme. Sein Bariton ist sehr weich, mit sehr klaren Konturen und schönen Tiefen. Der Gesang des Mannes aus Verona ist sehr edel und von natürlicher Autorität. Auch er hat viel Luft und eine starke Gesangstechnik.

Die deutsche Sopranistin Diana Damrau ist eine wunderbare Violetta Valéry. Ihre herrlich schönen und stabilen Höhen sind sehr intensiv und schweben über allem – selbst im Flüstergesang. Ihre Stimme ist leicht, luftig, ätherisch, tänzelnd, spritzig – dabei immer gleichzeitig kraftvoll und dicht. Sie hat auch in längsten Phrasen immer genug Luft und glänzt mit dramatischem und emotionalem Gesang, stellenweise singt sie sehr zart und zerbrechlich. Ihr gewaltiges „Niemals!“ nach der brutalen Trennungs-Aufforderung von Giorgio Germont geht durch Mark und Bein. Es macht Freude ihr zuzuhören, und immer wieder bringt sie das Herz zum Lächeln.

Und Diana Damrau spielt „La Traviata“, „die vom Wege Abgekommene“, großartig! Die Star-Sopranistin fühlt sich auf der Bühne sichtlich wohl und hat spürbar Spaß an Gesang und Spiel. Ihre Bühnenpräsenz ist enorm!

Alle drei Hauptrollen begeistern mit ihrem Spiel und großer Glaubwürdigkeit in ihrer Rollen-Interpretation. Damrau und Castronovo geben auf der Bühne ein wunderbares Liebespaar ab. Es ist eine gute Chemie zwischen den beiden. Simone Piazzola ist ein wunderbar authentischer Vater Giorgio Germont – obwohl er erst 33 Jahre alt ist. Was künstlerische Reife, Souveränität und Autorität angeht, wirkt er wie ein überaus erfahrener alter Hase.

Der Chor der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Sören Eckhoff singt wunderbar! Die starken Sängerinnen und Sänger agieren präzise, kraftvoll und mitreißend. Stellenweise wird der Chor sehr, sehr laut, die hohen Stimmen aus dem Damenchor beeindrucken besonders.

Alle weiteren Gesangs-Solisten gefallen mit guten bis sehr guten sängerischen und darstellerischen Leistungen. Es gibt bei den Sängern nichts zu kritisieren.

Und der Abend könnte noch sehr viel zauberhafter sein!  Leider überzeugt das Dirigat von Asher Fisch nicht wirklich. Das Orchester musiziert unter der Leitung des Israeli aus Jerusalem nicht spritzig und schwungvoll genug und mit suboptimalem Timing. Die Musik reißt nicht wirklich mit und hat zu wenig innere Spannung. Die großartige Verdi-Musik entfaltet sich nicht wirklich unter dem etwas wenig akzentuierten Dirigat. Es fehlen sowohl Feuer und Leidenschaft als auch Präzision. Man wünscht sich mehr Zug, mehr „Drive“, mehr Leben aus dem Orchestergraben. Über weite Strecken agiert das sonst so wunderbare Orchester zu träge, besonders das Becken, das immer wieder etwas zu spät kommt.

Die Inszenierung von Günter Krämer gefällt sehr gut. Das Bühnenbild von Andreas Reinhardt ist schlicht, aber sehr treffend und mit geringen Mitteln sehr stimmungsvoll. Im zweiten Bild sind im Wesentlichen nur eine Schaukel, eine Wippe und ein paar Stühle auf der Bühne – und leuchtendes Herbstlaub auf dem Bühnenboden. Das wirkt anfangs bei der Verliebtheit der beiden sehr luftig, leicht und schön, trägt aber auch schon die Idee der Vergänglichkeit in sich. Im dritten Bild, beim Ball Floras, gibt es eigentlich nur einen gewaltig großen Kronleuchter auf der Bühne und wieder sehr stimmungsvolles Licht von Wolfgang Göbbel. Mehr braucht es nicht um viel Atmosphäre herzustellen. Man vermisst nichts. Im dritten Akt gibt es im Schlafzimmer Violettas nur ein weißes Bett mit zwei Stühlen daneben vor komplett schwarzem Hintergrund auf abgetrennter Vorbühne. Ganz zum Schluss hebt sich der schwarze Vorhang, und der niedergestürzte Riesen-Kronleuchter liegt niedergestürzt auf der Bühne. Sehr minimalistisch, sehr treffend, sehr stark.

Der Applaus für diese gesanglich und inszenatorisch wunderbare Aufführung ist riesig, besonders bei dem starken Hauptdarsteller-Trio Damrau, Castronovo, Piazzola.

Sebastian Koik, 26. Juli 2018,
für klassik-begeistert.de

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