Orlando Paladino:
Wer sich von Filmchen nicht ablenken lässt, bekommt einen überragenden Haydn präsentiert

Joseph Haydn, Orlando Paladino, Münchner Opernfestspiele 2018, Prinzregententheater, München, 25. Juli 2018

Foto: © Wilfried Hösl
Joseph Haydn, Orlando Paladino, Dramma eroicomico in drei Akten
Münchner Opernfestspiele 2018,
Prinzregententheater, München, 25. Juli 2018

Musikalische Leitung Ivor Bolton
Inszenierung Axel Ranisch

Münchener Kammerorchester
Angelica,  Adela Zaharia
Rodomonte, Edwin Crossley-Mercer
Orlando, Mathias Vidal
Medoro, Dovlet Nurgeldiyev
Licone, Guy de Mey
Eurilla, Elena Sancho Pereg
Pasquale, David Portillo
Alcina, Tara Erraught
Caronte, François Lis
Gabi und Heiko Herz, Heiko Pinkowski, Gabi Herz

von Shari Berner

Die Geschichte dieser selten aufgeführten Oper von Jospeh Haydn ist einer Episode aus Ariosts Orlando furiosos entnommen und kurz gesagt konfus. Drei Männer lieben Angelica, die beiden Ritter Orlando und Rodomonte, die sich deswegen spinnefeind sind, und Medoro, der glückliche Dritte, dem Angelicas Herz gehört. Doch wegen Orlandos rasender Eifersucht müssen die beiden ständig getrennt fliehen. Ihnen kommt die Zauberin Alcina zur Hilfe und auch Rodomonte entscheidet sich dafür, das Paar vor Orlando zu beschützen. Nebenbei verlieben sich dessen Knappe Pasquale und die Schäferstochter Eurilla ineinander.

Verwicklungen über Verwirrungen – und das nicht zu knapp. Das potenziert Axel Ranisch in seiner Inszenierung im Rahmen der Münchner Opernfestspiele.
Zur Ouvertüre stellt ein Film folgende Figuren vor: Das neu hinzugefügte, stumme Ehepaar Heiko und Gabi Herz betreibt ein schlecht laufendes Programmkino, das szenisch dem Neuen Rex in Laim nachempfunden ist. An der Snackbar steht ihre Tochter Alcina, Hausmeister Licone und Raumpflegerin Eurilla gehören zum Personal. Gabi und Licone haben wilden Sex in der Abstellkammer, während Heiko beim Anblick Rodomontes auf Kalenderbildern in Verzückung gerät. Eurilla ist genervt, und Alcina beobachtet alle.

Auf dem Programm steht der kitschige Stummfilm „Medoro und Angelica“, der gerade mal drei Besucher angelockt hat. Und dann wird es kurios. Die Stummfilmfiguren sind plötzlich auf der Bühne und auf der Leinwand zu sehen, singen Arien und bewegen sich in ihren Kostümen unecht in der realen Welt des Kinosaals. Immer wieder werden Filme eingesetzt, während die eigentliche Handlung auf der Bühne stattfindet. Während Angelica ihren geliebten Medoro sucht, wird Rodomonte auf der Leinwand von Heiko entführt und mit Orlando am malerischen Ufer eines Sees zusammengeführt. Die Frage nach dem Wieso wird erstickt, als Rodomonte zärtliche Gefühle für seinen Feind Orlando in sich entdeckt und liebevoll dessen Gesicht berührt. Die Emotionen, die dahinter stehen, lassen keinen Raum für kritisches Hinterfragen.

Adela Zaharia (Angelica) © Wilfried Hösl

So schön die Szene auch ist, lenkt sie leider komplett ab von den wundervoll geschmeidigen Koloraturen Adela Zaharias. Und das ist die Schwäche dieser Inszenierung. Der Film als Medium nimmt der Musik den Platz. Sie wird degradiert zur bloßen Begleitung, dabei sollte sie es sein, die im Mittelpunkt steht. Es passt zu der Szenerie des Kinos, wo Musik eben meist Begleitung ist. Aber es ist bedauerlich für diese selten gespielte Haydn-Oper zur bloßen Filmmusik zu werden.
Trotzdem begeistert diese Inszenierung, auch wenn man nicht schlau aus ihr wird. Anstatt dem Wirrwarr der Gefühle eine Logik einzuhauchen, liegt das Augenmerk auf den situativen Emotionen, die sich rasend schnell ändern. Dieser ständige Umschwung zwischen Komik, Wahnsinn, Schmerz, Freude, Liebe, Sehnsucht, Eifersucht und den tausend Nuancen dazwischen wird vom erstklassigen Ensemble auf der Bühne präzise und glaubwürdig dargestellt. Es ist diese relativ junge Gruppe von Sängern, die den Abend wirklich zu einem Erlebnis machen.

Tara Erraught (Alcina), David Portillo (Pasquale) – © Wilfried Hösl

Besonders heraus stechen allerdings  Tara Erraught als dramatisch-zwinkernde Alcina und David Portillo als echter buffo-Knappe. Adela Zaharis und Dovlet Nurgeldiyev geben ein klassisch hohes Paar, wobei Zaharis ihren Partner gesanglich überflügelt. Ihre reinen Höhen und vollen Mittellagen sind ein purer Hörgenuss. Mathias Vidal überzeugt als ein Ritter von Sinnen mit einer manchmal bis zum würgenden Krächzen übersteigerten Stimme. David Portillo und Elena Sancho Pereg harmonieren fabelhaft als frisch Verliebte, und Edwin Crossley-Mercer zeigt einen hochpräsenten Rodomonte.

Auch Humor kommt nicht zu kurz, der brennende Filmprojektor und die explodierende Popcorn-Maschine sind nur zwei von etlichen witzigen Details. Die Irrungen und Wirrungen der Geschichte, von Heikos und Rodomontes Outing bis hin zu Pasquales mit Pfeilen gespickte Rüstung sind chaotisch inszenierte Bruchstücke, die sich in ein großes Ganzes fügen. Das hinterlässt Verwirrung und Verwunderung, aber auch Begeisterung sowohl bei den Figuren, als auch beim Publikum.
Der Schlussapplaus jedenfalls ist tosend und bei jedem einzelnen Akteur, der sich verbeugt, steigert er sich nochmals. Den lautesten Beifall bekommen zu Recht das Münchner Kammerorchester und Ivor Bolton. Dieser Dirigent hat ein absolutes Gefühl für Tempi, und das Orchester ist an Wirkungskraft nicht zu übertreffen. Wer sich von den vielen Filmchen nicht ablenken lässt, bekommt instrumental einen überragenden Haydn präsentiert.

Shari Berner, 25. Juli 2018,
für Klassik-begeistert.de

 

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