CD-Besprechung: Jonas Kaufmann hat keine Otello-Stimme

Giuseppe Verdi: Otello, Jonas Kaufmann, Federica Lombardi, Carlos Álvarez, Antonio Pappano  CD-Besprechung

CD-Besprechung: Giuseppe Verdi, Otello

Orchestra dellacademia Nazionale di Santa Cecilia
Dirigent: Antonio Pappano

Otello: Jonas Kaufmann
Desdemona: Federica Lombardi
Jago: Carlos Álvarez

von Yehya Alazem

Im Juni 2020 erscheint die neue Aufnahme von Giuseppe Verdis Otello bei Sony, wegen der Corono-Pandemie zwei Monate später als geplant. Die Titelrolle singt der „Startenor“ Jonas Kaufmann, die Desdemona wird von Federica Lombardi und der Jago von Carlos Álvarez gesungen. Am Pult steht Antonio Pappano und dirigiert sein Orchestra dellacademia Nazionale di Santa Cecilia.

Jonas Kaufmann wurde im letzten Jahrzehnt als der Tenor seiner Generation angesehen, vielleicht auch als der größte Opernstar überhaupt von heute. Wenig Sänger können hochpreisige Opern- und Konzertkarten so schnell wie Jonas Kaufmann verkaufen, obwohl er in letzter Zeit mehr oder weniger eine jährliche Stimmkrise durchmachte und deswegen eine Reihe von Engagements abgesagen musste. Komischerweise wurde diese CD zwischen dem 24. Juni und 6. Juli 2019 aufgenommen; also gleich nach seiner Tosca-Absage in Paris und genau vor seinen abgesagten Vorstellungen von Otello und Die Meistersinger von Nürnberg während der Münchner Opernfestspiele im Juli.

Seine Aufnahmen bei Sony sind nicht ganz so erfolgreich gewesen; sowohl „Dolce Vita“ als auch „Wien“ waren zwei Katastrophen, und es ist erstaunlich wie er und Sony die beiden Alben herausgegeben haben. Nun gab es die Hoffnung auf etwas Gutes.

Bis jetzt hat Kaufmann den Otello in zwei verschiedenen Produktionen gesungen: Sein Rollendebüt in London unter Antonio Pappano 2017 und 2018 unter Kirill Petrenko in München. Ich habe ihn in beiden Produktionen live erlebt, und meine Eindrücke waren etwas gemischt, aber die Schlussfolgerung war dieselbe: Kaufmann hat keine Otello-Stimme.

In dieser Aufnahme versucht Jonas Kaufmann den musikalischen Intentionen sehr genau zu folgen, seine stimmlichen Grenzen werden aber sehr deutlich. Durchgehend fehlt es seiner Stimme an der Kraft und der Freiheit, die diese Rolle fordert. Das merkt man nicht zuletzt in den Ausbrüchen im oberen Register, wo die Stimme immer wieder an der Grenze zur vokalen Havarie ist. Grundsätzlich gibt es auch keine dramatische Phrase in der Mittellage, die Kaufmann ohne vollste Anstrengung schafft.

Die vokalen Mängel prägen auch die Rolleninterpretation. Ein Otello muss sowohl stark als auch leise singen können, aber im Fall Kaufmann ist das Zweite viel zu übertrieben. Ständig singt er zahm und an einigen Stellen unmotiviert lyrisch. Dadurch schafft er ein allzu romantisiertes Bild des Titelhelden. Besonders bemerkenswert und zweifelhaft wird das in der Schlussszene, in der man sich fragt, warum er seine Ehefrau tötet, wenn es vorher keine Spur der Eifersucht gab.

Wie Verdi selbst es in einem Brief vom 21. Januar 1886 an seinen Librettisten Arrigo Boito ausdrückte, ist Jago derjenige, der alles bewegt und das Drama ”inszeniert”, während Otello emotional reagiert und handelt. Somit soll Jago die psychologische Oberhand Otello gegenüber haben. Das sollte jedoch nicht dazu führen, dass Otello ihm dramatisch unterliegt, wie es durch Kaufmanns Mangel an vokaler Kraft und Autorität passiert.

Otello ist ein „Mohr“, er ist nicht wie alle anderen, und genau dieses Minderwertigkeitsgefühl, ein Schwarzer unter Weißen zu sein, macht ihn so verletzbar und empfänglich für das, was Jago in seinen Kopf pflanzt. Diese Differenzierung ist Kaufmann gar nicht gelungen – statt der Degradierung des venezianischen Mohrs vom Kriegshelden zum Nichts stellt er einen gebrochenen Europäer dar. Die Rolle des Otello fordert viel mehr Temperament und Vitalität als das, was Kaufmann bietet.

Wenn man Kaufmanns Leistung historisch betrachtet, kommt man nur noch deutlicher zu der Einsicht, dass er in Bezug auf die alten Gesangsmeister gar nichts zu bieten hat. Mir fehlt die Leidenschaft von Mario del Monaco, die Gefühlstiefe von Jon Vickers, die Brutalität von Ramón Vinay, die Wärme von Carlo Cossutta und die Natürlichkeit von Plácido Domingo.

Die anderen Sänger der Hauptrollen dieser Aufnahme sind zwar stimmlich viel überzeugender als Kaufmann, aber ohne eine besonders interessante Interpretation. Federica Lombardi bestätigt nur den Mythos, dass Desdemona ein naives Opfer sei, und Carlos Álvarez wäre ein viel besserer Jago, wenn er eine größere dämonische Kraft hätte.

Das einzige, was in dieser Aufnahme überzeugend ist, ist das Orchesterspiel unter der Leitung von Antonio Pappano. Dramatik, Schwärze und Glut: Das ist echter Verdi. Wenn ich diese Aufnahme in der Zukunft wieder höre, wäre es nur für diese Interpretation der Orchesterpartitur.

Yehya Alazem, 30. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sony 19439707932 [2 CD]

Sommereggers Klassikwelt 22: Verachtet mir die „Mohren“ nicht! Sony zeigt den Weltstar Jonas Kaufmann mit nachgedunkeltem Teint auf einer CD klassik-begeistert.de

12 Gedanken zu „Giuseppe Verdi: Otello, Jonas Kaufmann, Federica Lombardi, Carlos Álvarez, Antonio Pappano
CD-Besprechung“

  1. Wenn Sie Kaufmann nicht mögen, tun Sie sich seine Sachen bitte einfach nicht an.
    Sie verbreiten Unwissen und Falschmeldungen, die Ihre Kompetenz stark in Zweifel zieht.

    Waltraud Riegler

    1. Werte Frau Riegler,

      hören Sie einfach – nur – mal zu, wenn Herr Kaufmann singt –
      quält er sich oder quält er sich nicht?

      Singt er frei und von Herzen?

      Herzlich,

      Andreas Schmidt

  2. Ein Otello muss sowohl stark als auch leise singen können, lese ich da oben.

    Dieser Satz dürfte in einer Besprechung über Gesang nicht vorkommen. Wäre doch eher „forte“ und „piano“?

    Waltraud Riegler, die auch in anderen Foren zänkisch wie die Frau des Sokrates wütet, ist nicht ernst zu nehmen.

    Fred Keller

  3. Aber die CD-Besprechung von Herrn Yehya Alazem ja wohl auch nicht, Herr Keller. Das ist keine objektive Kritik, sondern ein persönlicher Rachefeldzug gegen Herrn Kaufmann, warum auch immer. Oder sollten hier die zu erwartenden Verkaufszahlen von Sony noch vor der Veröffentlichung eingedämmt werden? Wie schön, dass Yehya Alazem die anderen Protagonisten wenigstens in einem Nebensatz erwähnt und der geniale Sir Tony (Pappano) am Ende nicht allzu schlecht wegkommt. Glücklicherweise gibt es ja auch schon weitere (internationale) Besprechungen zu dieser CD, so dass man sich nicht nur von der hier vorliegenden „beeinflussen“ lassen muss! Ab Mitte Juni darf sich jeder Interessierte selbst ein Bild machen!
    Angelika Evers

    1. @ Angelika Evers:
      Jetzt habe ich aber herzlich gelacht, da schreiben Sie von der CD und empfehlen, sich dann „ein Bild davon machen“! Die neue Technik?
      Mit dem Dirigenten Pappano sind Sie wohl sehr bekannt, lese Tony.

      Apropos, empfehle einmal nach Yehya Alazem zu googeln, sehr gute und interessante Referenzen. Gilt auch für die Posterin unter mir, so im Fan Club Ton.

      Fred Keller

  4. Was hat der „Schreiberling“ da gehört…..ganz sicher nicht
    die neue CD Otello die er da niedergemacht 🙄
    Unglaublich was für ein falscher Kommentar,wenn er JK nicht mag, das ist eine Sache…aber einen so unqualifizierten Mist zu schreiben, entbehrt jeder Grundlage…..

    Edith Hofmann

  5. Das Ärgerliche an dieser sogenannten Kritik ist, dass sie sich an einem jahrzehntealten Otello-Bild (das zu hinterfragen wäre und das die Inflexibilität mancher Opernfans verrät) orientiert, statt sich auf eine neue Interpretation einzulassen, garniert mit Kaufmann-Bashing, weil‘s dazu gehört.
    1. Die Bemerkung über „eine jährliche Stimmkrise“ ist tratschjournalistisches Stochern im Nebel und hat in einer seriösen Kritik nichts verloren.
    2. Wieso waren DV und WIEN „nicht ganz so erfolgreich“ und „Katastrophen“? Meint Vf. damit, dass ihm ital. Schlager und Wienerlieder nicht gefallen? O.k., persönlicher Geschmack, hat aber nichts mit Erfolg zu tun. Mangelnden Verkaufserfolg kann er nicht meinen. Und bei den Kritiken waren, wie immer bei solch populären Sachen, die Puristen unter den Klassikfans pikiert (ging auch Wunderlich mit seinen Wienerliedern so; und ich kenne keinen Operntenor, der nicht diese ital. Lieder gesungen hätte, aber meist mit riesiger Opernstimme und wenig Charme). Was mit „erstaunlich wie er … herausgegeben haben“ gemeint ist, verstehe ich nicht. Ist die Art und Weise der Herausgabe gemeint (Werbung, Aufmachung etc.) oder wieso die Alben herausgegeben worden sind? (ganz einfach: weil K. diese Musik liebt).
    3. Zu Otello: „keine Otello-Stimme“ ist kein Argument , da bloß ein subjektiver Geschmackseindruck, der nicht belegbar ist. Übrigens wurde auch Domingo vorgehalten, dass Atlantov mit seinem hellen, metallischen Heldentenor die bessere Otello-Stimme habe.
    Wenn Vf. die musikalischen Intentionen, denen K. genau zu folgen versucht, anspricht, kann er aber nicht die Partitur meinen, sondern tenorale Tradition seit Jahrzehnten. Das Dauerforte von MDM und Nachfolgern hat Verdi nie so komponiert (ein Blick in die Noten und die Briefe kann heilsam sein!), die angeblich übertriebenen Piano-Stellen stehen genau so in der Partitur. K. war und ist einer der ganz wenigen Sänger, die genau den Willen das Komponisten umsetzen und dazu auch in die Handschriften schauen, weil sich gar manche Schlamperei in die gedruckte Überlieferung eingeschlichen hat.
    Ebenso ist es mit der Rolleninterpretation. „Wie Verdi selbst … Autorität passiert.“ Widerspruch innerhalb von 3 Sätzen! Hängt mit der Klischee-Vorstellung eines brüllenden, Augen rollenden und über die Bühne tobenden Wilden zusammen, die weder mit Shakespeare, dem Libretto oder der Komposition zusammenstimmt. Freiheit, Kraft, Autorität, Temperament und Vitalität werden hier K. abgesprochen, sind aber eben auch nicht jene Eigenschaften, die eine Otello-Figur psychologisch stimmig ins Stück fügen. Hätte er diese Eigenschaften, würde er Jago schon nach den ersten albernen Andeutungen als anmaßend zum Teufel schicken. O. ist ein siegreicher Feldherr und damit hat sich‘s. Mit Autorität tritt er nur im 1.Akt auf, aber schon beim 2. Auftritt ist seine Wendung an „onesto Jago“ nicht wirklich souverän. Und die Liebesbeteuerung „ E tu m’amavi per le mie sventure ed io t’amavo per la tua pietà.“ klingt nicht nach der sichersten Basis und passt auch nicht zu obengenannten Eigenschaften. In der Figur steckt schon von Anfang an die Schwäche, und das ist nicht primär die Hautfarbe. „Forse perchè gl’inganni d’arguto amor non tendo, forse perchè discendo nella valle degli anni, forse perchè ho sul viso quest’atro tenebror.“ Sein ganzes Prestige hängt für ihn an dieser Frau. Verzweiflung, Unsicherheit, Wut, Minderwertigkeit, also alle Emotionen unterdrückt er mit zusammengebissenen Zähnen, bis er explodiert. Das erfordert eine differenzierte psychologische Gestaltung (auch stimmlich!), so wie ich sie schon viele Male auf der Theaterbühne gesehen habe. Kein Schauspieler würde einen Otello auf die Bühne stellen wie ihn offensichtlich viele Opernfans als richtig erwarten oder hinnehmen! Die berühmte Fallhöhe, die gerne zitiert wird, hat hier gar nichts verloren. Die gehört in die antike Tragödie, wo der Mensch im Spannungsfeld von Transzendenz und irdischem Schicksal steht, und nicht zu der differenzierten psychologischen Menschengestaltung eines Shakespeare, die Verdi so faszinierte. Ganz abgesehen davon, dass sich die Gestaltungsästhetik im Laufe von Jahrzehnten so wie unsere Welt und damit auch das Publikum ändert. Dass Jahrzehnte lang Opernsänger (bes. Tenöre) sich herzlich wenig um Noten und Libretto kümmerten und manche Rollen als Vehikel der Selbstdarstellung benützten, kann doch nicht heute noch als Standard der Darstellung genommen werden. Manchmal würde vom geschätzten Besucher schon ein genauer Blick ins Libretto reichen, wenn man schon nicht imstande ist, eine Partitur zu lesen.
    Zu den angeblichen gravierenden Mängeln der Stimme möchte ich noch nichts sagen; in den bisher erschienen Kritiken (renommierter und verlässlicher Leute) war davon nichts zu lesen.

    Eva Arts

  6. Ich kann sehr wohl nachvollziehen, was mit „keine Otello-Stimme“ gemeint ist und trotzdem ist mir Ihre Kritik zum Teil negativ aufgefallen. Dies hat weniger mit Ihren Äußerungen bezüglich der stimmlichen Qualitäten und der Interpretation des Herrn Kaufmann zu tun, sondern mit Ihren Formulierungen in der Einleitung.
    Die Absagen des Herrn Kaufmann werden weltweit durch die Presse gejagt und sind auch mir bekannt, aber die Aussage, dass er „eine jährliche Stimmkrise durchmachte“ wird von Ihnen hier ohne jede Basis und Begründung als Behauptung eingestellt. Genauso fehlinterpretieren Sie nach meiner Meinung den Zeitpunkt. Diese CD wurde nicht „gleich nach seiner Tosca-Absage in Paris“ aufgenommen. Die Absage für Paris erfolgte am 10. Mai mit einer Begründung, die eine kleinere Pause rechtfertigte. Die nächsten offiziellen Termine ab ca. 21. Juni (also 6 Wochen später) nahm der Tenor wahr. Auch fand die CD-Aufnahme ab dem 25. Juni nicht „genau vor seinen abgesagten Vorstellungen von Otello und Die Meistersinger von Nürnberg während der Münchner Opernfestspiele im Juli“ statt, sondern Herr Kaufmann nahm auch nach der CD-Aufnahme noch Termine wahr. Allerdings stimme ich Ihnen zu, dass die Absagen im Sommer 2019 für jeden Kartenbesitzer ein Ärgernis darstellten.
    Weiter sind mir Ihre Äußerung zu den bisherigen CD-Aufnahmen bei Sony als seltsam aufgefallen. „Seine Aufnahmen bei Sony sind nicht ganz so erfolgreich gewesen; sowohl „Dolce Vita“ als auch „Wien“ waren zwei Katastrophen, …“ Beziehen Sie sich hier auf den Verkaufserfolg (nicht erfolgreich) oder auf den Inhalt? Aus dem Textzusammenhang schließe ich, dass Ihnen beide CDs nicht zugesagt haben. An dieser Stelle finde ich solche nicht von Argumenten unterfütterten Andeutungen unpassend, ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Sie mühsam Argumente zusammengesucht haben, um die Leser von Ihrer negativen CD-Kritik zu überzeugen.
    Was aber gar nicht erforderlich ist, denn Ihre Meinung zu der Otello CD selber haben sie argumentativ ausreichend unterfüttert. Stimmlich nehmen Sie Kaufmann als unfrei und an der Grenze zur Havarie wahr, interpretatorisch fehlt Ihnen Leidenschaft, Gefühlstiefe, Brutalität, Wärme und Natürlichkeit.
    Für die anderen Sänger der CD finden Sie nicht viele Worte, stellen lediglich fest, dass sie „stimmlich viel überzeugender als Kaufmann, aber ohne eine besonders interessante Interpretation“ sind.
    Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten, aber genau dies ist eine Erklärung, warum es so viele Menschen gibt, die bezüglich Kaufmanns Otello eine eher positive Meinung haben. Kaufmann bietet nämlich genau das: etwas Neues, Modernes, Ungewöhnliches, eine „interessante Interpretation“.

    Ich muss sicher nicht betonen, dass ich eher zu den Kaufmann-Begeisterten gehöre, auch ich habe seine Otello Darbietungen in London und München live gehört. Ich habe wahrgenommen, dass er sich die Rolle in London zunächst konditionsmäßig noch ein wenig zurechtlegen musste. Aber bereits hier habe ich ein lebendiges und sehr überzeugendes Rollenportrait von außergewöhnlicher Tiefe erlebt. Beim Otello in München wurde ihm seitens der Regie ein direkt von Anfang an „gebrochener Europäer“ ohne Fallhöhe vorgegeben, für viele bewundernswert, wie bedingungslos und glaubwürdig er sich unter dieses Konzept gestellt hat. Bei den Wiederaufnahmen konnte ich erleben, wie er sich in Abwesenheit der Regisseurin davon wieder etwas befreien durfte und seine eigene Interpretation dieser Rolle immer weiter vertiefte. [… und nein, Kaufmann ist nicht der einzige Otello-Darsteller, den ich live erlebt habe].
    Da ich kein professioneller Kritiker bin, muss ich bis zum Erscheinen der CD noch ein wenig warten und kann deshalb keine endgültige Aussage über deren Inhalt machen.
    Aber bezüglich Ihrer Überschrift „keine Otello-Stimme“ erlauben Sie, dass ich indirekt Jonas Kaufmann persönlich zitiere.
    Financial Times, Richard Fairman 01. June 2020
    https://www.ft.com/content/419bad3c-a0f2-11ea-b65d-489c67b0d85d#comments-anchor
    >> Both in London and Munich, there was one criticism of Kaufmann’s Otello that stuck. This was that his voice was not big enough — a criticism that he half acknowledges by citing the arguments against, especially that singers in the composer’s day had less hefty voices. “When Verdi wrote Otello, there was nothing comparable to this. Over time, different types of voices have [come forward] and unfortunately we have got rid of a lot of beauty. The same thing has happened in the German repertoire, including Wagner, where early tenors were anything but heroic.”
    He describes his own voice succinctly — “I have a German passport and an Italian sound” — and this touches on an interesting issue. Although there have been German singers who tackled Otello in the past, they generally sang it in German translation and only in Germany. Now, Kaufmann is the number one choice, not just at home, but internationally. <<

    Ich würde den letzten Satz allerdings ändern, Kaufmann ist international die erste Wahl, allerdings nicht in seinem Heimatland, hier gibt es oft negative Kritiken.
    Schade, wie ich persönlich finde.

    Klara Ziehm

  7. Anmerkungen zu Otello, zum Otello in München der Amelie Niermeyer, zu Kaufmann…
    Man bewahre uns vor weiteren Inszenierungen der Frau Niermeyer. In Verdis Otello ist keine Note zu viel, keine zu wenig komponiert. Das fantastische Libretto von Boito nach Shakespeare, (der u. a. schon bei Holinshed fündig wurde), jede Regieanweisung, einfach alles sitzt an der richtigen Stelle und bestimmt, was zu geschehen hat. Niemand braucht die Überlegungen von Frau Niermeyer, die als Regisseurin dieser kompositorischen Großtat wie Otello völlig versagt hat. Esultate im Schlafzimmer, mon dieu, Desdemona apathisch hingelagert, Otello, ein Handlungsreisender ohne Erfolg …
    Natürlich, wollte man die Oper den stimmlichen Möglichkeiten eines Herrn Kaufmann anpassen, so hätte das Ganze noch eine Erklärung, aber keine Legitimation. Kaufmann fehlt alles zum Otello, squillo, attaca, piani auf brustgestützter lyrischer Linie, vehemente Ausbrüche, silbrige Höhen wie im Liebesduett. Stattdessen alles Mau, alles Unvermögen, eingedunkelte, viril aufgespritze Töne, gutturales Singen, Atemlosigkeit, manirierte, falsche Piani, unkorrekte Intonationen … Atmen an völlig falschen Stellen … Dass Frau Harteros, die ich schätze, die jedoch inzwischen leichte Schärfen zeigt, diesen Schmarrn mitmachte, begreife ich nicht.
    Ich lobe mir einen Regisseur wie Giancarlo DelMonaco, der, obwohl er sich stets am Gewollten orientiert, immer neu wirkt und nie den Komponisten verrät. Ich erinnere mich an zwei seiner Otello-Inszenierungen, zwei Chéniers, zwei Toscas, Fanciulla etc. DelMonaco kann natürlich Partituren lesen und beherrscht 120 Partien in Ton und Text, die er ansingen kann. Jeder x-beliebigen Gilda kann er genau zeigen, was musikalisch gewollt ist. Und er kann mit der Masse Mensch umgehen, (Chor), sodass dort jeder als geführt erscheint. Eine Seltenheit.
    Kommt jemand auf die Idee den Zauberberg umzuschreiben und in einer Pizzeria in Klosters stattfinden zulassen, mit Diabetes II-Patienten statt Lungenkranken? Würde Oskar in der Blechtrommel zwei Meter groß sein und im Allgäu Geige spielen? Bei Frau Niermeyer hielte ich das alles für möglich.
    Die Diskussion über den braunen Otello ist auch überflüssig. Schon bei Holinshed ist es der Moro, das maghrebinische Gesicht, ja warum denn nicht, es ist die Grundlage des Außenseitertums, des ganzen Dramas. Die Heirat mit einer venezianischen Adeligen, ja warum denn nicht, ist doch völlig out in jenen Zeiten. Da spielt Otello, da hat ihn Shakespeare hingestellt. Nichts rechtfertigt Frau Niermeyes Unvermögen.
    Übrigens: Die Zweitbesetzung in London, Gregory Kunde, war bei weitem die viel bessere Besetzung. Ich habe beide gehört – Kunde, zu der Zeit 63, sang Kaufmann in jeder Hinsicht an die Wand.
    Robert Forst

    1. Die Inszenierung von Frau Niermeyer hat mir persönlich ebenfalls nicht zugesagt.
      Und natürlich habe ich in London den wirklich phantastischen Gregory Kunde in der Zweitbesetzung ebenfalls gehört. Auch ich vergleiche Sänger und habe meine Favoriten, allerdings gehört „an die Wand singen“ niemals zu einem von mir bevorzugten Kriterium und glücklicherweise hat Kunde das auch nicht getan.
      Dass ich Ihrer Schilderung von Kaufmanns „Unvermögen“ in keinem Punkt – bis auf die fehlenden silbrigen Höhen – zustimme, muss ich nicht betonen, und ich wäre an einem konkreten Beispiel interessiert, an welchen falschen Stellen er atmet.

      Klara Ziehm

  8. Caro Andreas Schmidt,
    ich bin fast völlig d’accord mit Herrn Alazem, Otello betreffend. Ich gehe sogar soweit zu sagen: diese Aufnahme hätte niemand gebraucht. Kaufmann war nie ein Otello und wird es nie werden. Es genügt nicht, etwas unbedingt zu wollen, man muss es auch können bzw, die Stimme muss dafür geeignet sein. Sein früher Mozart war ausgezeichnet. Den hat er sträflich in der Folge vernachlässigt. Einzig mit Werther erreichte er noch einmal Aussergewöhnliches. Statt nun längere Zeit beim Französischen Fach zu bleiben ( er hat eine natürliche, wenn auch oft baritonal vergewaltigte voix mixte) hat er exzessiv den Verismo bedient. Rollen wie Chénier, Manrico, Alvaro etc. haben ihm nur geschadet, und jahrelang die Menge der Auftritte, aber Agenturen wie Zemsky-Green üben starken Druck aus, wenn es um das einträgliche virile Fach geht. Tristan ist eine Furzidee und Otello hätte Kaufmann bleiben lassen sollen. Über dern ‚italienischen‘ Lohengrin hinaus sollte er Wagner meiden, Eric, Stolzing, aber mit Einschränkung. Kaufmann hat nichts von dem was Otello ausmacht. Noch immer ist Ramon Vinay das Maß aller Dinge (Aufnahme Toscanini). Er entspricht vollends dem Außenseiter. Schon Verdi wählte Tamagno womit er die Richtung wies. Und die Piani von Kaufmann sind oft falsche piani, gehaucht, kopfig, maniriert. Alte Damen mögen so etwas.
    Frau Lombardi ist keinesfalls erste Klasse.
    Frau Arts könnte auch Pressesprecherin für Sony sein.
    Cordialmente
    Franco Bastiano
    Paris cinquième Arrondissement

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