Aufwühlend und bewegend statt einschläfernd: Bachs Goldberg-Variationen, mitreißend getanzt

Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia, Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 18. August 2019

Foto © Axel Nickolaus
Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia
Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 18. August 2019

Andersson Dance
Scottish Ensemble

Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia
Bachs Meisterwerk in Bewegung, arrangiert von Dmitry Sitkovetski

von Guido Marquardt

Einer gängigen Anekdote zufolge sollten die Goldberg-Variationen dem kränkelnden Grafen Keyserlingk mit „sanftem und munterem Charakter“ durch schlaflose Nächte helfen. Die Munterkeit ist auf jeden Fall geblieben, wenn man sich anschaut, was Andersson Dance und das Scottish Ensemble in einer bemerkenswerten Kooperation daraus gemacht haben. 70 Minuten lang hat das begeisterte Publikum Gelegenheit, eine Unzahl an Bewegungs- und Inszenierungsideen zu den 30 Variationen auf der Bühne zu bestaunen, untrennbar verwoben mit der federleicht dargebrachten Musik. Ein Triumph der ganzheitlichen Kunst, ein Fest für Augen und Ohren, Herz, Hirn und Bauch.

2015 kam das Resultat dieser Kooperation zum ersten Mal auf die Bühne. Die Projektcompagnie aus Schweden, von ihrem Namensgeber Örjan Andersson gegründet, traf auf das führende Streichorchester Großbritanniens aus Glasgow. Eine große gegenseitige Offenheit und Neugier sind nötig, wenn ein solches Projekt gelingen soll, mit dem sich das Ziel verband, das Publikum Bachs Werk nicht zu hören, sondern auch sehen zu lassen.

Alle machen sich locker

© Axel Nickolaus

Eine erstaunliche Grundentspanntheit liegt über dem ganzen Abend im Kieler Schloss, dass dank eines geschickten Beleuchtungs- und Bühnenbildkonzepts sogar seine Kongresssaal-Atmosphäre verliert. Fröhliche Aufgeschlossenheit im Publikum – da lassen sich das fünfköpfige Tanz- und das elfköpfige Streichensemble nicht lange bitten und machen sich ebenfalls gleich mal locker. Schon in der ersten Variation (Aria und Aria da Capo fehlen) mischen sich Tänzer und Musiker, entlädt sich die Musik in Bewegungen, die sehr natürlich und geradezu organisch aus der Musik entstanden wirken.

Dass hier womöglich gar nicht immer der freie Wille illustriert wird, sondern beinahe so etwas wie eine Zwangsläufigkeit, zeigt etwa die fünfte Variation, zu der zwei Mitglieder des Tanzensembles wie ein elektrisches Puppentheater von den Instrumenten geführt werden. Kein Wunder, dass E. T. A. Hoffmann auch von den Goldberg-Variationen fasziniert war.

Unglaubliche Ideenvielfalt

© Axel Nickolaus

Konnte man zunächst noch beobachten, dass die Tänzerinnen und Tänzer jeweils persönliche Bezüge zu einzelnen Instrumenten zu etablieren scheinen, lösen sich diese Bezüge immer wieder auf und machen Platz für eine unglaubliche Vielfalt an choreographischen Ideen. Olivia Ancona etwa, die auch als Lehrerin für die Bewegungssprache Gaga aktiv ist, fällt immer wieder mit sehr kleinräumigen, geradezu eckig wirkenden Bewegungen auf. Andere Muster, gerade im größeren Ensemble, fallen dagegen weich und fließend aus.

Humoristische Anspielungen auf das Thema Schlaf dürfen natürlich auch nicht fehlen, so fällt etwa Paul Pui Wo Lee mehrmals mit Aplomb in einen Stapel Kissen, scheinbar vom Sekundenschlaf übermannt. Javier Perez gibt eher den sich ganz Offenbarenden, Expressiven – konsequent, dass ihm auch die einzige Nacktszene des Abends gehört.

© Axel Nickolaus

Sehr gelungen sind auch die Szenen mit dem kompletten Tanzensemble. Manchmal werden Dialoge, Zärtlichkeiten oder Streitigkeiten inszeniert. Aber auch eine Art Passionsszene erleben wir, wenn zu der zehnten Variation die Tänzerinnen und Tänzer wechselweise von der Gruppe getragen werden, als seien sie der Leichnam Jesu.

Erratische Requisiten

Ist der erste Teil noch relativ fokussiert und im Setting reduziert, kommen im zweiten Teil zunehmend erratische Requisiten ins Spiel, etwa ein Putzwagen, ein langes Regenrohr oder ein paar Essschalen. Deren Sinn und Zweck erschließt sich nicht unbedingt direkt, aber wenn z. B. das Gebläse nur den Zweck hat, Eve Ganneaus lange braune Haare dekorativ zu verwuscheln, warum nicht?

Luftig-dynamischer Klang

Quelle: scottishensemble.co.uk

Das Scottish Ensemble unter und mit Jonathan Morton bringt die musikalische Seite des Abends mit großer Luftigkeit zum Klingen, präzise und leicht schwebend wirkt das Werk durchgängig überaus heiter. Sehr belebend ist auch die immer wieder andere Sitzordnung der Musikerinnen und Musiker – bzw. immer wieder auch die „Stehordnung“, ganz besonders dynamisch und klanglich überwältigend, wenn das elfköpfige Ensemble in einer Reihe ganz vorn auf der Bühne steht.

Der Clou ist allerdings, dass die Mitglieder des Scottish Ensemble ebenfalls tänzerisch aktiv sind. Und zwar nicht nur in der Gruppe, sondern sogar solistisch. Die unbeschwerte und dennoch ganz und gar ernsthafte Offenheit ist beeindruckend. Die Bratschistin Jane Atkins verdient hier ein besonderes Lob für ihre ebenso reduzierte wie prägnante Köpersprache. In den Bewegungen findet sich immer wieder eine Metaphorik, die das Gegensatzpaar von Boden und Himmel illustriert. Auch die körperliche Selbstvergewisserung ist ein wiederkehrendes Motiv, das Sich-Abklopfen und Umfassen findet sich auch bei den Profi-Tänzern recht häufig.

Wir sehen wahrhaftig, wie das Streichorchester die Musik fühlt. Und wir sehen, wie die Tanzcompagnie die Musik hört.

© Axel Nickolaus

Doch trotz aller überbordenden Ideen und der schieren Unmöglichkeit, das Geschehen auf der Bühne jederzeit zu überblicken, wenn wieder einmal alle 16 Beteiligten aktiv sind, kommt auch die Kontemplation nicht zu kurz. So wird die sechste Variation angekündigt mit „Dazu kann man nicht tanzen“, und wir sehen dann einfach zwei Tänzer, die uns den Rücken zudrehen, sich setzen und dem Ensemble zusehen und –hören. Eine ebenso simple wie verblüffend effektive Spiegelung unserer Zuschauerperspektive.
Totale Reduktion dann am Schluss: Das eigentümliche Quodlibet, Variation 30, wird allein von Diane Clark auf dem Kontrabass gezupft. Und Stille ist’s.

Ganz anders als Neumeier

Großer Jubel und großer Glückwunsch: Ist man ja in Deutschlands Norden durchaus vertraut mit der Kombination aus Bach und Ballett, so ist dies doch etwas gänzlich anderes als John Neumeiers Matthäus-Passion oder Weihnachtsoratorium. Alles wirkt sehr direkt, sehr frei und bei aller choreographischen Genauigkeit auch sehr individuell. Ein überreicher Abend der Inspiration für Intellekt, Gefühl, Seele und Instinkt.

Guido Marquardt, 19.August 2019, für
klassik-begeistert.de

Örjan Andersson, Choreographie
Jonathan Morton, Musikalische Leitung
Sutoda, Bühne und Licht
Bente Rolandsdotter, Kostüme
Sam Salem, Video

Andersson Dance:
Olivia Ancona
Joszef Forro
Eve Ganneau
Paul Pui Wo Lee
Javier Perez

Scottish Ensemble:
Jonathan Morton, Violine I und Leitung
Cheryl Crockett, Violine I
Daniel Pioro, Violine I
Rakhvinder Singh, Violine II
Joanne Green, Violine II
Laura Ghioro, Violine II
Jane Atkins, Viola
Andrew Berridge, Viola
Alison Lawrance, Violoncello
Naomi Pavri, Violoncello
Diane Clark, Kontrabass

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.