Bach: Historisch wertvoll und in die Moderne überführt – Eindrücke vom diesjährigen SHMF

Bachdenkmal am Bachhaus Eisenach – Foto: pixabay
Schleswig-Holstein Musik Festival 2019

von Guido Marquardt

Bekannte Namen, Rising Stars, Geheimtipps: So vielfältig wie die vertretenen Musikerinnen und Musiker war auch die Art und Weise, mit der sich die einzelnen Konzertabende dem diesjährigen retrospektiven Komponistenschwerpunkt näherten. Bach mit Solo-Instrumenten, in kammermusikalischer Besetzung, mit Percussion oder getanzt: eine reichhaltige Auswahl. Da sollte eigentlich für jeden was dabei gewesen sein. Für mich allemal – ein kleine Bilanz zum Ende des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2019.

Es spricht hoffentlich nicht gegen den Rezensenten, auf jeden Fall aber für die Breite eines Festivals, wenn der Verfasser sich auch nach immerhin neun Konzertbesuchen in der zu Ende gehenden Spielzeit nur bedingt in der Lage sieht, eine Bilanz des SHMF 2019 zu ziehen. Notwendigerweise ist das lückenhaft, es fehlen schon mal Eröffnungs- und Schlusskonzert sowie leider auch sämtliche Konzerte der diesjährigen Porträtkünstlerin Janine Jansen. Der Versuch eines persönlichen Resümees mag dennoch statthaft sein. „Schleswig-Holstein Musik Festival 2019“ weiterlesen

Alles im Fluss: Hilary Hahn und die Bremer Kammerphilharmonie überzeugen in Lübeck mit höchster Musikalität und beseelter Energie auf ganzer Linie

Foto © Michael Patrick O’Leary
Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 23. August 2019

Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Hilary Hahn, Violine

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Omer Meir Wellber
, Dirigent

Johann Sebastian Bach / Maximilian Otto:
„Contrapunctus I“, Orchestrierung des Contrapunctus I aus „Die Kunst der Fuge“, BWW 1080

Johann Sebastian Bach:
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo Nr. 2 E-Dur BWW 1042

Johann Sebastian Bach / Aziza Sadikova:
„Mirroring Contrapunctus for orchestra“, Orchestrierung des Contrapunctus XII aus „Die Kunst der Fuge“, BWV 1080

Johann Sebastian Bach:
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo Nr. 1 a-Moll BWV 1041

Franz Schubert:
Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200

von Guido Marquardt

 Vergessen wir einfach mal die ganzen Wunderkind-Klischees, das auch 20 Jahre später anhaltende Erstaunen darüber, ausgerechnet mit Bachs Violin-Sonaten und -Partiten zu debütieren und zu reüssieren, überhaupt den ganzen „Weltstar“-Überbau, der um Hilary Hahn herum errichtet wurde, seit sie die internationale Bühne im Sturm enterte. Was bleibt, während man Hahns Auftritt beim SHMF folgt, ist die schlichte Feststellung, dass hier eine Violinistin, eine Musikerin zu erleben ist, deren Präsenz, Souveränität und technische Brillanz nur noch von ihrer immensen Musikalität übertroffen wird. So fließend, so fein und zugleich so direkt und präzise, niemals romantisch – das ist Bachsche Violinmusik in Perfektion. „Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 23. August 2019 Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)“ weiterlesen

Feuerwerk der Emotionen - „tragischer“ Abschluss des Schleswig-Holstein Festival-Orchester-Sommers

Foto © Axel Nickolaus
Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6 a-Moll “Tragische”, Schleswig-Holstein Musik Festival, Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal, 20. August 2019

Schleswig-Holstein Festival Orchestra
Christoph Eschenbach, Principal Conductor

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6 a-Moll “Tragische”
Allegro energico, ma non troppo. Heftig, aber markig
Scherzo. Wuchtig – (Trio.) Altväterisch. Grazioso
Andante moderato
Finale. Allegro moderato – Allegro energico

von Elzbieta Rydz

Das letzte Konzert des Schleswig-Holstein Festival Orchesters im Sommer 2019 findet in der Elbphilharmonie statt. 120 Musiker, bis 26 Jahre alt aus 28 Ländern, bilden für einen kurzen Zeitraum von zwei Monaten einen Klangkörper, eine Einheit. Diese Besetzung ist auch unbedingt erforderlich, um  die 1904 fertiggestellte und 1906 in Essen uraufgeführte 6. Symphonie a-moll, das Meisterstück des Abends und des Festivalorchestersommers, die „Tragische“ von Gustav Mahler zu interpretieren.

Gustav Mahler hat in diesem Werk einen vielfältigen Reichtum an inneren thematischen Beziehungen und die emotional tiefschürfende Logik des musikalischen Denkens abgebildet. „Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6 a-Moll, Schleswig-Holstein Musik Festival, Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal, 20. August 2019“ weiterlesen

Aufwühlend und bewegend statt einschläfernd: Bachs Goldberg-Variationen, mitreißend getanzt

Foto © Axel Nickolaus
Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia
Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 18. August 2019

Andersson Dance
Scottish Ensemble

Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia
Bachs Meisterwerk in Bewegung, arrangiert von Dmitry Sitkovetski

von Guido Marquardt

Einer gängigen Anekdote zufolge sollten die Goldberg-Variationen dem kränkelnden Grafen Keyserlingk mit „sanftem und munterem Charakter“ durch schlaflose Nächte helfen. Die Munterkeit ist auf jeden Fall geblieben, wenn man sich anschaut, was Andersson Dance und das Scottish Ensemble in einer bemerkenswerten Kooperation daraus gemacht haben. 70 Minuten lang hat das begeisterte Publikum Gelegenheit, eine Unzahl an Bewegungs- und Inszenierungsideen zu den 30 Variationen auf der Bühne zu bestaunen, untrennbar verwoben mit der federleicht dargebrachten Musik. Ein Triumph der ganzheitlichen Kunst, ein Fest für Augen und Ohren, Herz, Hirn und Bauch. „Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia, Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 18. August 2019“ weiterlesen

Wie die Mona Lisa unter Milchglas: "Il Giardino Armonico" ist im Hamburger "Michel“ völlig falsch aufgehoben

Foto: © Lukasz Rajchert

Hamburg, St. Michaelis, 9. August 2019
Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Giovanni Antonini, Blockflöte und Leitung
Il Giardino Armonico

Georg Philipp Telemann:
Suite (Ouvertüre) für Blockflöte, Streicher und Basso continuo a-Moll TWV 55:a2

Johann Sebastian Bach:
Brandenburgisches Konzert Nr. 4 G-Dur BWV 1049
Brandenburgisches Konzert Nr. 6 B-Dur BWV 1051
Brandenburgisches Konzert Nr. 2 F-Dur BWV 1047

von Guido Marquardt

Die Trompete im letzten Abschnitt deutet an, was möglich gewesen wäre – denn sie ist laut genug, um das riesige Kirchenschiff zu füllen. Leisere Instrumente und subtilere Passagen hingegen dringen leider überhaupt nicht durch. So verpufft die mutmaßlich hervorragende Leistung eines Weltklasse-Ensembles weitgehend. „Giovanni Antonini, Il Giardino Armonico
St. Michaelis Hamburg, Schleswig-Holstein Musik Festival, 9. August 2019“
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Edita Gruberová in Kiel: Die Zuneigung des Publikums flutet eine respektable Abschiedsgala

Foto: © Lukas Beck

Kiel, Schloss, 23. Juli 2019
Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Farewell-Gala

Edita Gruberová, Sopran
Peter Valentovič, Klavier

Richard Strauss:
Die Georgine (op. 10 Nr. 4)
Efeu (op. 22 Nr. 3)
Mohnblumen (op. 22 Nr. 2)
Waldseligkeit (op. 49, No. 1)
Allerseelen (op. 10, No. 8)
Ständchen (op. 17, No. 2)
In goldener Fülle (op. 49, No. 2)
Zueignung (op. 10, No. 1)

Johann Strauss (Sohn): Frühlingsstimmen (op. 410)

Gioachino Rossini: Arie der Rosina „Una voce poco fa“ aus „Il barbiere di Siviglia“

Vincenzo Bellini: Arie der Beatrice „Ah, se un’urna ė a me concessa“ aus „Beatrice di Tenda“

Sergei Rachmaninoff: Improvisationen über Themen aus dem Klavierkonzert Nr. 2 (op. 18) und der Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43, bearbeitet von Peter Valentovič für Klavier

Ambroise Thomas: Wahnsinnsarie der Ophélie „À vos jeux, mes amis …Pâle et blonde dort sous l’eau profonde la Willis“ aus „Hamlet“

Zugaben:
Antonin Dvořák: Als die alte Mutter sang (op. 55, No. 4)
Carl Millöcker: „Ach, wir armen Primadonnen“, Lied der Harriet aus „Der arme Jonathan“
Johann Strauss (Sohn): „Mein Herr Marquis“, Lied der Adele aus „Die Fledermaus“

von Guido Marquardt

Edita Gruberová überließ an diesem Abend nichts dem Zufall. Verhalten und intim zu Beginn mit den Strauss-Liedern, kam sie mit ihrem Belcanto- und Operetten-Repertoire später richtig in Fahrt. Auch wenn die zauberische Mühelosigkeit früherer Tage an manchen Stellen doch einem Hören mit sozusagen freiem Blick auf die stark geforderte Apparatur gewichen ist: Hier steht immer noch eine Sopranistin auf der Bühne, die zarte Lyrismen und dramatische Höhepunkte transportiert. Das ist aller Ehren wert – und ihre Fans sind ohnehin begeistert. „Edita Gruberová, Peter Valentovič,
Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 23. Juli 2019“
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Der Altmeister im Jungbrunnen: Ton Koopman beeindruckt mit Bach-Kantaten in Lübeck

Ton Koopman Foto:© Hans Morren

Lübeck, Dom, 19. Juli 2019
Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Elisabeth Breuer, Sopran
Maarten Engeltjes, Countertenor
Tilman Lichdi, Tenor
William Knight, Tenor
Klaus Mertens, Bass
Andreas Wolf, Bass

Amsterdam Baroque Orchestra & Choir
Ton Koopman
, Dirigent

Johann Sebastian Bach:
Kantate „Unser Mund sei voll Lachens“ BWV 110
Kantate „Herr Jesu Christ, wahr’ Mensch und Gott“ BWV 127
Kantate „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde“ BWV 201

von Guido Marquardt

Ton Koopman zeigt an diesem Abend im Lübecker Dom, zu welcher großen Reife seine langjährige Beschäftigung mit Bachs Kantaten in der Aufführungspraxis geführt hat. Vor allem aber stellt er unter Beweis, dass Erfahrung und Routine keinesfalls in Langeweile münden müssen. Inspiriert, energetisch und mitreißend agierten Chor, Orchester und Solisten – und ihr Leiter ging mit bestem Beispiel voran. „Ton Koopman, Amsterdam Baroque Orchestra, Elisabeth Breuer, Maarten Engeltjes, Tilman Lichdi, William Knight, Klaus Mertens, Andreas Wolf,
Schleswig-Holstein Musik Festival, 19. Juli 2019“
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Weltliche und geistliche Barockmusik funkelt in außerweltlicher Schönheit – Julia Lezhneva bezaubert im Kieler Schloss

Julia Lezhneva. Foto: © Emil Matveev

Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)
Kiel, Schloss, 16. Juli 2019

Julia Lezhneva: Sopran
Dmitry Sinkovsky: Countertenor, Violine und Leitung
La Voce Strumentale

Johann Sebastian Bach: Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ BWV 54

Bach: „Laudamus te“ aus der Messe h-Moll BWV 232

Bach: Arie „Gott versorget alles Leben“ aus der Kantate „Es wartet alles auf dich“ BWV 187

Antonio Vivaldi: “Laudamus te“ und „Domine Deus“ aus Gloria D-Dur RV 589

Bach: Aria „Vergnügte Ruh´, beliebte Seelenlust“ aus der gleichnamigen Kantate BWV 170

Vivaldi: Motette „In furore iustissimae irae“ RV 626

Vivaldi: Arie der Ippolita „Zeffiretti, che sussurrate“ aus „Ercole sul Termodonte“ RV 749.21 (aus Foà 28)

Georg Friedrich Händel: Arie der Bellezza „Un pensiero nemico di pace“ aus „Il Trionfo el Tempo e del disiganno“ HWV 46a

Vivaldi: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo D-Dur RV 208 „Grosso Mogul“

Händel: Arie der Rossane „Alla sua gabbia d´oro“ und Arie der Rossane „Brilla nell´alma“ aus „Alessandro“ HWV 21

Zugaben:
Carl Heinrich Graun: „Mi paventi il figlio indegno“ aus „Britannicus“ WV B:I:24

Händel: Duett Asteria und Andronico „Vivo in te, mio caro bene“ aus „Tamerlano“ HWV 18

Vivaldi: Arie der Costanza „Agitata da due venti“ aus „La Griselda“ RV 718

Händel: Duett Cleopatra und Cesare „Caro! Bella! Piú amabile beltá“ aus „Giulio Cesare“ HWV 17

Händel: Arie des Piacere „Lascia la spina, cogli la rosa“ aus „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ HWV 46a

Nicola Porpora: Alleluja aus der Motette „In caelo stelle clare fulgescant“

von Guido Marquardt

In einem begeisternden Barock-Konzert brilliert die bereits im jungen Alter hochdekorierte Sopranistin Julia Lezhneva mit ebenso mühelosen wie schwindelerregenden Koloraturen und verzaubert mit innigsten Momenten voller Delikatesse. Ihre musikalische Zartheit steht in einem reizvollen Kontrast zur kraftvollen, bisweilen rustikalen Spielweise des Ensembles „La Voce Strumentale“ um seinen vielseitig begabten Leiter Dmitry Sinkovsky. „Julia Lezhneva, Dmitry Sinkovsky, La Voce Strumentale,
Kieler Schloss, Schleswig-Holstein Musik Festival, 16. Juli 2019“
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Streichquartett und Rockband in einem: Das "vision string quartet" zeigt sich ebenso brav wie überschwänglich

Foto: © Tim Klöcker

Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Großhansdorf, Auferstehungskirche, 13. Juli 2019

vision string quartet

Johann Sebastian Bach:
Präludium b-Moll BWV 867 aus dem »Wohltemperierten Klavier« I (bearbeitet vom vision string quartet)

Grażyna Bacewicz:
Streichquartett Nr. 4

Joseph Haydn: Streichquartett G-Dur op. 77 Nr. 1 Hob. III:81

Jazz und Pop – Bearbeitungen des vision string quartet

von Guido Marquardt

Dass die vier jungen Musiker des vision string quartet ebenso vielseitig begabt wie interessiert sind, nutzten sie beim Schleswig Holstein Musik Festival für musikalische Stippvisiten in mehreren Jahrhunderten. Während ihr luftig-leichtfüßiges Spiel durchgängig gefiel, kam der echte Überschwang erst nach der Pause, als sie die Verstärker anschlossen und ihrer Spielfreude freien Lauf ließen. „vision string quartet,
Schleswig Holstein Musik Festival, 13. Juli 2019“
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Der Herzschlag der Musik: Simone Rubino nimmt das SHMF-Publikum mit auf eine faszinierende Percussion-Reise von Bach bis in die Gegenwart

Foto: Simone Rubino © Marco Borggreve
Lübeck, Schuppen C, 9. Juli 2019
Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Simone Rubino, Percussion
„Bach on Drums“

von Guido Marquardt

Viel gewagt – und viel gewonnen: Simone Rubino landet mit einem fulminanten Percussion-Abend mitten in Herz, Bauch und Hirn des Publikums. Und schlägt einen großen Bogen von Bach bis ins 21. Jahrhundert. Kultur, Entertainment und Wissensvermittlung mit ganz viel Charme und Witz: Viel mehr kann ein Konzert nicht bieten.

Es passiert immer mal wieder, dass bei einem Orchesterabend die Damen und Herren an den Percussion-Instrumenten den größten Beifall abräumen. Das kann verschiedene Gründe haben: Bewunderung des Publikums für den sichtbar hohen körperlichen Einsatz, Beleg für die auch durch Laien leicht feststellbare Effektivität der Schlaginstrumente oder vielleicht auch gelegentlich Dankbarkeit dafür, mittels kräftiger Trommelschläge aus einem leichten konzertanten Dämmerschlaf gerissen worden zu sein. „Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF), „Bach on Drums“, „Bach on Drums“,
Lübeck, Schuppen C, 9. Juli 2019“
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