Große Kunst, die in die Säle muss: Rauschhaftes Festival-Finale in Kiel

Daniil Trifonov liebt und würdigt wirklich jeden Ton, was sein Spiel bei aller Zartheit so exakt macht. Mal bearbeitet er die Klaviatur wie ein Feinmechaniker bei der Reparatur einer hochempfindlichen Platine oder wie ein Entomologe, der winzige Insekten von den Tasten klaubt, die sich dann mit schillernden Flügeln davon erheben. Dann wieder streicht er wie beiläufig über die Tasten, was der Exaktheit nicht nur keinen Abbruch tut, sondern mit unerhörter Sensibilität eine sanfte Dynamik erzeugt.

SHMF 2021 – Abschlusskonzert im Kieler Schloss, 29. August 2021

Sergei Rachmaninoff: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18
Carl Nielsen: Symphonie Nr. 4 op. 29 „Das Unauslöschliche“

Fotos: SHMF ©

Leitung: Alan Gilbert
Klavier: Daniil Trifonov
NDR Elbphilharmonie Orchester

von Dr. Andreas Ströbl

Absolut grandios endete das Schleswig-Holstein Musik Festival 2021 im Kieler Schloss. Es war das letzte Konzert vor der Grundsanierung des Baus. Die leitete der Festivalleiter Christian Kuhnt in seiner unschlagbar charmanten Art schon vor dem Konzertbeginn ein, indem er sich selbst, den schleswig-holsteinischen Ministerpräsident Daniel Günther und den Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer mit gelben Bauhelmen und Warnwesten kurzerhand zu Baumeistern machte. Auf die dringend notwendige Sanierung des Gebäudes aus den Jahren 1961-65 hatte Kuhnt in den vergangenen Jahren immer wieder humorvoll aber deutlich hingewiesen. „Daniil Trifonov, Alan Gilbert, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
SHMF 2021 – Abschlusskonzert im Kieler Schloss, 29. August 2021“
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Nachtblau aus den Ozeantiefen der Seele

Jan Lisiecki. Foto: © Holger Hage

Schleswig Holstein Musik Festival

13. Juli 2021
Norderstedt Tribühne

Jan Lisiecki

CAMERATA Salzburg

Wolfgang Amadeus Mozart

Konzert für Klavier und Orchester Nr.20 d-Moll KV 266

Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551 „Jupiter“

von Elżbieta Rydz

Das Konzert in der Norderstedter Tribühne im Rahmen des SHMF ist Corona-konform vorbereitet: zügige Anweisungen zum Durchlenken der Besucher zu ihren Plätzen, kein Aufenthalt im Foyer, viele freie Plätze, um den behördlichen Auflagen gerecht zu werden. Unter den Konzertbesuchern sieht man keine Vertreter der jüngeren Generation, abgesehen von meiner 14-jährigen Tochter. Und auch wenn kurz vor dem Konzert nochmal der Klavierstimmer den Steinway-Flügel stimmt, so recht stellt sich meine Vorfreude auf die Musik nicht ein. Nach 20 Monaten Corona-Pandemie: Alles ist anders. „Jan Lisiecki CAMERATA Salzburg,
Schleswig Holstein Musik Festival“
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Was für ein Spaß! Die „Philharmonix“ in Pronstorf

Philharmonix Open Air – „Death and the Maiden”

Konzert im Rahmen des “Schleswig-Holstein Musik Festival“ auf dem Gut Pronstorf am 22. Juli 2021

von Dr. Andreas Ströbl

Jeder, der das Ensemble „Philharmonix“ (hervorgegangen aus den aufgelösten „The Philharmonics“) kennt, weiß, dass sich die sieben Musiker aus erstklassigen Orchestern rekrutiert haben und allesamt phantastische Virtuosen sind.

Dass ihr Konzert-Programm „Death and the Maiden” in Norderstedt, Kiel und Pronstorf irgendwie auch mit Franz Schubert zu tun haben würde, war den Kennern des Septetts schon von vornherein klar, ebenso wie die Tatsache, ein nicht wirklich schwermütiges Sommerabend-Konzert erwarten zu dürfen. Was die „Philharmonix“ aber für ein musikalisches Feuerwerk abbrannten, übertraf das, worauf man sich ohnehin schon gefreut hatte. „Philharmonix, Schleswig-Holstein Musik Festival,
Gut Pronstorf, 22. Juli 2021“
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HOPE and APPRECIATION in der Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Elbphilharmonie Rolltreppe © Michael Zapf

Schleswig-Holstein Musik Festival,
Elbphilharmonie, Hamburg, 
29. August 2020

Xavier de Maistre Harfe
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Sarah Christian Konzertmeisterin und Leitung

Francois-Adrien Boieldieu (1775-1834)
Konzert für Harfe und Orchester C-Dur
(Fassung für Streicher, Arrangement von Arthur Lilienthal)

Peter Tschaikowsky (1840-1893)
Streichsextett d-Moll op. 70 Souvenir de Florence (Fassung für Streichorchester)

von Elzbieta Rydz

Das erste Mal im jungen Leben der Elbphilharmonie erlebe ich das Phänomen der Stille vor dem Konzert: kein Husten, kein Summen, kein Flüstern.

Es liegt eine Spannung in der Luft, für jeden einzelnen im Publikum bedeutet Musik viel, diese Bedeutung erfüllt den Raum mit anhaltender Intensität. Ein andächtiges Innehalten während des gesamten einstündigen Konzertes, lediglich das Klatschen zwischen einzelnen Sätzen der Werke stört.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist seit Eröffnung 2017 eines der Residenzorchester der Elbphilharmonie Hamburg. Die Musiker spüren den Raum, sie nehmen ihn mit ihrer Präsenz ein, ihr expressives Zusammenspiel ist einmalig, berauschend, es beglückt. „Xavier de Maistre, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Sarah Christian, Elbphilharmonie Hamburg, Schleswig-Holstein Musik Festival, Resümée,
Elbphilharmonie Hamburg, 29. August 2020“
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Xavier de Maistre und Martina Gedeck auf der Suche nach Innigkeit und Intimität

Foto: © Maxim Schulz

Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal, 29. August 2020

Xavier de Maistre, Harfe
Martina Gedeck, Rezitation

Intimität und Ekstase, die knisternde Spannung eines vollen Saals: Wie viel davon lässt sich herüberretten in die kühle Vernunft der luftigen Distanz bei knapp einem Drittel Platz-Auslastung? Es sind mit Sicherheit nicht nur und vielleicht noch nicht einmal vorrangig künstlerische Maßstäbe, an denen ein solcher Abend gemessen werden sollte.

von Guido Marquardt

Das Schleswig-Holstein Musik Festival SHMF ist seit mehr als 30 Jahren eine Institution im Norden. Beeindruckend, wie sich Jahr für Jahr die wechselnden großen Themenklammern, die Liebe zum Detail und die Bespielung von Orten fern der üblichen hochkulturellen Zentren zu einem stimmigen Ganzen fügen. „Xavier de Maistre und Martina Gedeck auf der Suche nach Innigkeit und Intimität
Elbphilharmonie Hamburg, 29. August 2020“
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Bach: Historisch wertvoll und in die Moderne überführt – Eindrücke vom diesjährigen SHMF

Bachdenkmal am Bachhaus Eisenach – Foto: pixabay
Schleswig-Holstein Musik Festival 2019

von Guido Marquardt

Bekannte Namen, Rising Stars, Geheimtipps: So vielfältig wie die vertretenen Musikerinnen und Musiker war auch die Art und Weise, mit der sich die einzelnen Konzertabende dem diesjährigen retrospektiven Komponistenschwerpunkt näherten. Bach mit Solo-Instrumenten, in kammermusikalischer Besetzung, mit Percussion oder getanzt: eine reichhaltige Auswahl. Da sollte eigentlich für jeden was dabei gewesen sein. Für mich allemal – ein kleine Bilanz zum Ende des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2019.

Es spricht hoffentlich nicht gegen den Rezensenten, auf jeden Fall aber für die Breite eines Festivals, wenn der Verfasser sich auch nach immerhin neun Konzertbesuchen in der zu Ende gehenden Spielzeit nur bedingt in der Lage sieht, eine Bilanz des SHMF 2019 zu ziehen. Notwendigerweise ist das lückenhaft, es fehlen schon mal Eröffnungs- und Schlusskonzert sowie leider auch sämtliche Konzerte der diesjährigen Porträtkünstlerin Janine Jansen. Der Versuch eines persönlichen Resümees mag dennoch statthaft sein. „Schleswig-Holstein Musik Festival 2019“ weiterlesen

Alles im Fluss: Hilary Hahn und die Bremer Kammerphilharmonie überzeugen in Lübeck mit höchster Musikalität und beseelter Energie auf ganzer Linie

Foto © Michael Patrick O’Leary
Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 23. August 2019

Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Hilary Hahn, Violine

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Omer Meir Wellber
, Dirigent

Johann Sebastian Bach / Maximilian Otto:
„Contrapunctus I“, Orchestrierung des Contrapunctus I aus „Die Kunst der Fuge“, BWW 1080

Johann Sebastian Bach:
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo Nr. 2 E-Dur BWW 1042

Johann Sebastian Bach / Aziza Sadikova:
„Mirroring Contrapunctus for orchestra“, Orchestrierung des Contrapunctus XII aus „Die Kunst der Fuge“, BWV 1080

Johann Sebastian Bach:
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo Nr. 1 a-Moll BWV 1041

Franz Schubert:
Sinfonie Nr. 3 D-Dur D 200

von Guido Marquardt

 Vergessen wir einfach mal die ganzen Wunderkind-Klischees, das auch 20 Jahre später anhaltende Erstaunen darüber, ausgerechnet mit Bachs Violin-Sonaten und -Partiten zu debütieren und zu reüssieren, überhaupt den ganzen „Weltstar“-Überbau, der um Hilary Hahn herum errichtet wurde, seit sie die internationale Bühne im Sturm enterte. Was bleibt, während man Hahns Auftritt beim SHMF folgt, ist die schlichte Feststellung, dass hier eine Violinistin, eine Musikerin zu erleben ist, deren Präsenz, Souveränität und technische Brillanz nur noch von ihrer immensen Musikalität übertroffen wird. So fließend, so fein und zugleich so direkt und präzise, niemals romantisch – das ist Bachsche Violinmusik in Perfektion. „Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 23. August 2019 Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)“ weiterlesen

Feuerwerk der Emotionen - „tragischer“ Abschluss des Schleswig-Holstein Festival-Orchester-Sommers

Foto © Axel Nickolaus
Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6 a-Moll “Tragische”, Schleswig-Holstein Musik Festival, Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal, 20. August 2019

Schleswig-Holstein Festival Orchestra
Christoph Eschenbach, Principal Conductor

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6 a-Moll “Tragische”
Allegro energico, ma non troppo. Heftig, aber markig
Scherzo. Wuchtig – (Trio.) Altväterisch. Grazioso
Andante moderato
Finale. Allegro moderato – Allegro energico

von Elzbieta Rydz

Das letzte Konzert des Schleswig-Holstein Festival Orchesters im Sommer 2019 findet in der Elbphilharmonie statt. 120 Musiker, bis 26 Jahre alt aus 28 Ländern, bilden für einen kurzen Zeitraum von zwei Monaten einen Klangkörper, eine Einheit. Diese Besetzung ist auch unbedingt erforderlich, um  die 1904 fertiggestellte und 1906 in Essen uraufgeführte 6. Symphonie a-moll, das Meisterstück des Abends und des Festivalorchestersommers, die „Tragische“ von Gustav Mahler zu interpretieren.

Gustav Mahler hat in diesem Werk einen vielfältigen Reichtum an inneren thematischen Beziehungen und die emotional tiefschürfende Logik des musikalischen Denkens abgebildet. „Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 6 a-Moll, Schleswig-Holstein Musik Festival, Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal, 20. August 2019“ weiterlesen

Aufwühlend und bewegend statt einschläfernd: Bachs Goldberg-Variationen, mitreißend getanzt

Foto © Axel Nickolaus
Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia
Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 18. August 2019

Andersson Dance
Scottish Ensemble

Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia
Bachs Meisterwerk in Bewegung, arrangiert von Dmitry Sitkovetski

von Guido Marquardt

Einer gängigen Anekdote zufolge sollten die Goldberg-Variationen dem kränkelnden Grafen Keyserlingk mit „sanftem und munterem Charakter“ durch schlaflose Nächte helfen. Die Munterkeit ist auf jeden Fall geblieben, wenn man sich anschaut, was Andersson Dance und das Scottish Ensemble in einer bemerkenswerten Kooperation daraus gemacht haben. 70 Minuten lang hat das begeisterte Publikum Gelegenheit, eine Unzahl an Bewegungs- und Inszenierungsideen zu den 30 Variationen auf der Bühne zu bestaunen, untrennbar verwoben mit der federleicht dargebrachten Musik. Ein Triumph der ganzheitlichen Kunst, ein Fest für Augen und Ohren, Herz, Hirn und Bauch. „Goldberg Variations – ternary patterns for insomnia, Schleswig-Holstein Musik Festival, Kieler Schloss, 18. August 2019“ weiterlesen

Wie die Mona Lisa unter Milchglas: "Il Giardino Armonico" ist im Hamburger "Michel“ völlig falsch aufgehoben

Foto: © Lukasz Rajchert

Hamburg, St. Michaelis, 9. August 2019
Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Giovanni Antonini, Blockflöte und Leitung
Il Giardino Armonico

Georg Philipp Telemann:
Suite (Ouvertüre) für Blockflöte, Streicher und Basso continuo a-Moll TWV 55:a2

Johann Sebastian Bach:
Brandenburgisches Konzert Nr. 4 G-Dur BWV 1049
Brandenburgisches Konzert Nr. 6 B-Dur BWV 1051
Brandenburgisches Konzert Nr. 2 F-Dur BWV 1047

von Guido Marquardt

Die Trompete im letzten Abschnitt deutet an, was möglich gewesen wäre – denn sie ist laut genug, um das riesige Kirchenschiff zu füllen. Leisere Instrumente und subtilere Passagen hingegen dringen leider überhaupt nicht durch. So verpufft die mutmaßlich hervorragende Leistung eines Weltklasse-Ensembles weitgehend. „Giovanni Antonini, Il Giardino Armonico
St. Michaelis Hamburg, Schleswig-Holstein Musik Festival, 9. August 2019“
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