HOPE and APPRECIATION in der Elbphilharmonie Hamburg

Xavier de Maistre, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Sarah Christian, Elbphilharmonie Hamburg, Schleswig-Holstein Musik Festival, Resümée,  Elbphilharmonie Hamburg, 29. August 2020

Foto: Elbphilharmonie Rolltreppe © Michael Zapf

Schleswig-Holstein Musik Festival,
Elbphilharmonie, Hamburg, 
29. August 2020

Xavier de Maistre Harfe
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Sarah Christian Konzertmeisterin und Leitung

Francois-Adrien Boieldieu (1775-1834)
Konzert für Harfe und Orchester C-Dur
(Fassung für Streicher, Arrangement von Arthur Lilienthal)

Peter Tschaikowsky (1840-1893)
Streichsextett d-Moll op. 70 Souvenir de Florence (Fassung für Streichorchester)

von Elzbieta Rydz

Das erste Mal im jungen Leben der Elbphilharmonie erlebe ich das Phänomen der Stille vor dem Konzert: kein Husten, kein Summen, kein Flüstern.

Es liegt eine Spannung in der Luft, für jeden einzelnen im Publikum bedeutet Musik viel, diese Bedeutung erfüllt den Raum mit anhaltender Intensität. Ein andächtiges Innehalten während des gesamten einstündigen Konzertes, lediglich das Klatschen zwischen einzelnen Sätzen der Werke stört.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist seit Eröffnung 2017 eines der Residenzorchester der Elbphilharmonie Hamburg. Die Musiker spüren den Raum, sie nehmen ihn mit ihrer Präsenz ein, ihr expressives Zusammenspiel ist einmalig, berauschend, es beglückt.

Der Augenkontakt zwischen dem Solisten und dem Orchester ist da, die Musik atmet, die Ausgestaltung der Übergänge erfolgt fließend und harmonisch. Durch die Exaktheit der Einsätze, die präzise Ausführung und Interpretation entwickelt sich sowohl im zweiten Satz Belcanto als auch in der wunderschönen Melodie des 3. Satzes ein beeindruckendes Klangvolumen, durchwebt mit perlend schwebenden Einsätzen der Harfe. So viel Hoffnung, Leichtigkeit, Freude am Leben und Mut!

Sarah Christian, Violine

Teil 1: François-Adrien Boieldieu wuchs in Rouen auf und ging zunächst als Klavierlehrer nach Paris, bevor er von 1803 bis 1811 Hofkomponist in Sankt Petersburg wurde. 1817 folgt die Berufung als Professor für Komposition ans Conservatoire de Paris.

Um 1800 war Francois-Adrien Boieldieu einer der wichtigsten schaffenden Opernkomponisten in Paris und hat über 40 Opern geschrieben. Zu der Zeit entstand wahrscheinlich auch das Konzert für Harfe und Orchester C-Dur. Boieldieu machte in seiner ersten Zeit in Paris nicht nur die Bekanntschaft Luigi Cherubinis, sondern auch die von Sébastien Érard, dem Klavierbauer, der auch den Bau der Harfeninstrumente weiterentwickelte – vor allem durch die Erfindung der Doppelpedalmechanik. Diese Technik ermöglicht es hoch heute, die Harfe von ihrer Grundstimmung um zwei Halbtöne höher zu stimmen und so alle bei uns geläufigen Tonarten spielen zu können. Die Harfe war zu dem Zeitpunkt das Soloinstrument schlechthin. Boïeldieus Zeitgenossen nannten ihn den „französischen Mozart“ wegen der Beschwingtheit seiner Kompositionen.

Xavier de Maistre, (c) salzburgerfestspiele.at

Teil 2: Tschaikowsky hat sein einziges Streichsextett als „Erinnerung an Florenz“ im heimatlichen Rußland, nicht etwa am Ufer des Arno komponiert. Inspiriert wurde es durch die unbeschwerte Arbeit an der Oper Pique Dame, die er in nur viereinhalb Wochen im Frühjahr 1890 in Florenz skizziert hatte. Sein Italien-Aufenthalt hätte wohl noch länger gedauert, wenn es ihm in Rom gelungen wäre, sein Inkognito zu wahren. Aber nachdem man dort erfahren hatte, daß der berühmte russische Komponist in der Stadt war, konnte er sich vor Einladungen nicht mehr retten und floh zurück nach Russland. Glücksgefühle bewegten den Komponisten im Frühjahr 1890 in Florenz und im Sommer darauf in der Heimat, als er sein Souvenir de Florence komponierte.

Im einleitenden Allegro moderato beginnt das Sextett dennoch dramatisch, mitten im Sturm aufgewühlter Emotion. In der kontrapunktischen Durchführung der Themen im Mittelteil tritt die Selbständigkeit der Streichinstrumente hervor. Im langsamen melodisch besonders reizvollen Adagio cantabile e con moto mit  seiner nächtlich verhangenen Stimmung findet sich ein „Liebesduett“ zwischen erster Geige und Cello, das dem Duett im Streichsextett an Schönheit kaum nachsteht. Danach setzt eine Art Mandolinenbegleitung ein, ein Pizzicato der Unterstimmen in Triolen. Es begleitet die „Barcarole“, das Gondellied von erster Geige und erstem Cello, das sich zu einem leidenschaftlichen Liebesduett steigert.

In den musizierenden Streichern liegt die Seele des Orchesters. Das Eigentümliche fängt erst im Zusammensein an, beim freien Aufeinanderhören und Aufeinandereingehenkönnen. Die bloße Perfektion ist bei der Kammerphilharmonie Bremen einerseits schlichte Voraussetzung und dennoch nicht zu überschätzen. Kein verwackelter Einsatz dämpft die Freiheit der Musiker, die volle Aufmerksamkeit liegt im gemeinsamen Musizieren. Besonders schön für das Publikum: Den Musikern es gelingt eine Differenziertheit des Klanges zu erzeugen, sämtliche Finessen und Empfindsamkeiten schmetternd-brilliant zu präsentieren.

Kultur, genau wie Wissenschaft, gibt uns Mut, Kultur schafft Begegnung und Solidarität. Kultur und Wissenschaft prägen die Gesellschaft. Eine Gesellschaft ohne Kultur, ohne Wissenschaft, geht unter: das Miteinander einer Gesellschaft entsteht aus der Diskussion, aus der Auseinandersetzung, der Kompromisssuche und Gemeinsamkeit, die jeder Begegnung inne liegt. In der zwischenmenschlichen Begegnung liegt die Hoffnung, Hoffnung, dass es weitergeht, obwohl die Unwägbarkeiten scheinbar unüberwindbar, das Mögliche unmöglich, die ohnmächtige Schockstarre allgegenwärtig sind.

In der Corona-Krise ist es auch die Situation, die uns herausfordert, die uns zwingt, die Grenzen zu überschreiten. Die Krise ruft eine extreme Umstellung hervor, die in ihrer Abfolge und Taktung schmerzlich ist. Sie zwingt uns das Gewohnte sofort zu verlassen, sich aufs Neue einzulassen, Gefahr im Neuen erkennen und extrem schnell zu reagieren.

Ein Signal der Hoffnung in unvorhersehbaren Zeiten: Menschen, die weiterhin am Artikel 27, Absatz 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festhalten und das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, für die Gesellschaft einfordern… sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben Der Festivalleitung und den Künstlern ist es hervorragend gelungen, Dankbarkeit, Hoffnung und einen tief verankerten gesellschaftlichen Zusammenhalt mithilfe dieser musikalischen Begegnung auszudrücken.

Ein Resümée von Elzbieta Rydz, 9. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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