Der Schlauberger 17: eine großartige Geschäftsidee – vielleicht sogar steuerfrei

Der Schlauberger 17  klassik-begeistert.de

Tritt den Sprachpanschern ordentlich auf die Füße! Gern auch unordentlich. Der Journalist und Sprachpurist Reinhard Berger wird unsere Kultur nicht retten, aber er hat einen Mordsspaß daran, „Wichtigtuer und Langweiler und Modesklaven vorzuführen“. Seine satirische Kolumne hat er „Der Schlauberger“ genannt.

von Reinhard Berger

Ich habe eine neue Geschäftsidee entdeckt. Und zwar im Rotlichtbezirk. Also an der Ampel. Dort lassen sich leicht ein paar hundert Euro am Tag machen. Voraussetzung: Ich brauche geschultes Personal, am besten Polizisten. Dann ist die Arbeit effektiver.

Wie das geht, habe ich auf einer Ratgeberseite gelesen: „Auch der vermeintlich schwächere Fußgänger kann ein Bußgeld von fünf bis zehn Euro bekommen, wenn er die rote Ampel ignoriert.“

So einfach ist das also. Gehen wir mal vom Höchstsatz aus: Wenn ich also zehnmal am Tag die rote Ampel ignoriere, macht das 100 Euro. Die Frage ist nur: steuerfrei? 19 Prozent Mehrwertsteuer oder nur die zurzeit gültigen 16 Prozent? Oder geht das alles auch ohne Rechnung?

Die Masche ist übrigens nicht neu. Sie funktioniert auch bei Unfällen, was allerdings ein wenig aufwendiger ist.

Einen Wunsch an die Polizei habe ich noch: Seien Sie bitte nicht zu knauserig.

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Leerraum für alle! Was uns die Slogans der Parteien (nicht) verraten – Zahnärzte, Finger weg!

„Der beste Platz für einen Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

Loriot. Der Mann für das Unsagbare. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Wohin auch sonst.

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich durch die Straßen fuhr und mir die Plakate für eine Landtagswahl anschaute. Dabei schoss mir dieses Loriot-Zitat durch den Kopf.

Meine Entdeckungen von damals sind zeitlos, die Werbesprüche der Parteien auch. Und noch dazu austauschbar. Denn sie haben’s wieder mal geschafft: Der gähnenden Leere einen Namen zu geben. Die Freien Wähler hatten für diesen sprachlichen Hohlraum auch einen Slogan: „Zeit für Klartext.“ Volltreffer! Da stieg die SPD mit Hurra gern ein: „Zukunft jetzt machen.“ Ein verbaler Hauptgewinn. JETZT machen, und nicht morgen. Denn morgen ist ja schon Zukunft. Dann wäre es zu spät für meine Erkenntnis, die da lautet: Zukunft muss gar nicht gemacht werden. Sie kommt von ganz allein.

Hoppla, dachte sich wohl die CDU, Zukunft klingt gut – und schob einen nach: „Zukunft gestalten. Wurzeln behalten.“ Zahnärzte, Finger weg! Ihr habt für diesen Spruch kein Copyright!

Also reden wir über die Gesundheit (schöner Übergang, gell?). Und zwar die öffentlich-rechtliche Gesundheit der Linken: „Mehr für die Pflege ist besser für alle. Privatisierung schadet der Gesundheit.“ Wie denn, sind wir alle krank? Nein, nein, tröstete die AfD: „Lebenswertes Landleben. Medizinische Versorgung sicherstellen.“ Wahnsinn. Und schon macht das Leben wieder Spaß.

Den absoluten Durchblick auf diesem literarischen Parkett hatte damals die FDP: „Erst verkommt die Bildung, dann das ganze Land.“ So isses. Und die AfD hatte null Mühe, einen draufzusetzen: „Keine Zwangsinklusion. Förderschulen erhalten.“ Überhaupt kein Problem, denn die Christdemokraten hatten vorgesorgt: „So viele Lehrer wie noch nie.“ Ist das nicht der helle Wahnsinn deutscher Dichtkunst?

Was macht eigentlich das Volk? Es summte so vor sich hin, und zwar auf den Plakaten der Grünen unter dem Abbild einer riesigen Biene: „Die sind auch das Volk!“ Genial.

Aber es ist durchsichtig geworden, das Volk. Wer weiß das besser als die Piraten: „Je gläserner der Bürger desto zerbrechlicher die Demokratie.“ Da fehlt ein Komma, Herrschaften! Aber Sie wollen sich ja nicht für die Dudenredaktion bewerben. Da hätten Sie nämlich Pech, denn der Platz ist schon von der Linken besetzt: „Mehr Geld für Wohnungen, Bildung, Pflege, weniger für die reichsten ein Prozent.“ Verstehe ich nicht. Entweder es heißt „für die Reichsten“ oder „für das reichste eine Prozent.“ Wobei ein Prozent ja nicht reich sein kann. Sehr komisch.

Vorteil dieser Minderheit: Sie kann sich Wohnungen jedweder Art leisten, so wie die SPD es forderte: „Bezahlbare Mietwohnungen schaffen.“ Das wiederum wollten die Freien Wähler nicht auf sich sitzen lassen: „Bezahlbarer Wohnraum in Städten durch Stärkung des ländlichen Raumes.“ Sehr originell. Bezahlbar ist alles. Nur eben nicht von jedem. Aber was juckt das die Partei-Literaten. Die FDP Jedenfalls wusste damals schon, wie das geht: „Erfolg ist kein Privileg.“ Na also.

Einig waren sich alle in einem Punkt: „Was zählt, ist das Gesetz des Staates. Nicht das der Straße“ (FDP). Wie soll das, bitte schön, gehen? Mit der AfD: „Kriminalität bekämpfen!“ Himmelherrgottsakrament. Warum komme ich nicht auf so etwas.

Mein Credo habe ich von der Linken geklaut: „Unser Friedensangebot: Keine Waffenexporte.“ Erlaubt sind höchstens sprachliche Waffen, so wie bei den Grünen: „Man kann nicht immer nur Grünes essen. Aber wählen.“

Geht doch.

Der Schlauberger 16 klassik-begeistert.de

Reinhard Berger, 12. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
aus: HNA

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Reinhard Berger

Allerleikeiten
Reinhard Berger, geboren 1951 in Kassel, Journalist, Buchautor, Hunde- und Hirnbesitzer.
Vergänglichkeiten: Vor dem Ruhestand leitender Redakteur der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA).
Herzlichkeiten: verheiratet, zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter, drei Enkel, ein Rottweiler.
Anhänglichkeiten: Bach, Beethoven, Bergers Nanne (Ehefrau).
Auffälligkeiten: Vorliebe für Loriot, Nietzsche, Fußball, Steinwayflügel, Harley-Davidson.
Öffentlichkeiten: Schlauberger-Satireshow, Kleinkunstbühne.
Alltäglichkeiten: Lebt auf einem ehemaligen Bauernhof.


www.facebook.com/derschlauberger

Reinhard Berger: Rädzelhaft.
Satirische Rätsel für Ausgeschlafene mit Lexikon für Sprachpanscher.
Wartberg-Verlag

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