Die Musik besticht, das Theater nicht: Hans Abrahamsens „The Snow Queen” an der Bayerischen Staatsoper

Hans Abrahamsen, Snedronnigen / The Snow Queen,  Bayerische Staatsoper, München, 28. Dezember 2019

Foto: © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper, München, 28. Dezember 2019
Hans Abrahamsen, Snedronnigen / The Snow Queen

von Frank Heublein

Ist Hans Abrahamsens Komposition Snedronnigen / The Snow Queen überhaupt Musiktheater? Über diese Frage kann ich mit mir trefflich streiten. Ich persönlich komme zu dem Schluss: Mir ist‘s egal. Viel wichtiger: Fängt mich die Aufführung ein? Musikalisch voll und ganz. Libretto, Inszenierung und die mangelnde Verbindung von Musik und Bühne, das reißt mich zuweilen raus aus meinem musikalischen Flowerlebnis.

Uraufgeführt wurde das Stück auf Dänisch in Kopenhagen am 13.10.2019 mit einer komplett anderen „Mannschaft“ als in München. Am 21.12.2019 folgte dort die englischsprachige Erstaufführung. Das Münchner Programmheft lohnt sich. Denn des Dirigenten Cornelius Meisters notierte Gedanken zu Hans Abrahamsens Musik offenbaren: ich erhalte emotionalen Zugang zur Musik, obwohl ich keinen Schimmer habe von der strukturellen Organisiertheit und Komplexität, derer sich der Komponist bedient. Zwölftonmusik-Kompositionen erscheinen mir verglichen dazu geradezu trivial. In des Komponisten eignen Worten klingt das so: „Meine Einfachheit ist eine sowohl synthetisierte als auch gefilterte“. Die Musik ist kompositorisch „superstrukturiert“. Seine absoluten und hoch komplexen Strukturvorstellungen rechnet Komponisten auf Spielbares herunter, wie Cornelius Meister aufschlussreich ausführt. Im Orchestergraben gelingt es dem musikalischem Leiter Cornelius Meister, dieses „maximal Spielbare“ jederzeit und auf den Punkt von bis zu einzeln spielenden Orchestermitgliedern einzufordern, musikalisch zu bündeln und damit so erklingen zu lassen, dass es mich emotional ergreift. Ich sage hier zu Recht nicht Dirigent, denn es gibt einen „permanenten doch unsichtbaren“ zweiten Dirigenten mit Chad Kelly.

Auch der Rahmen der Komposition ist „absolute Struktur“. Abrahamsen achtet streng auf die Ausgewogenheit der Stimmen. Da Gerda und Kay als Sopran besetzt sind, wird die Schneekönigin zum Bass.

Die gesamte Struktur der Oper ist von Abrahamsen von vornherein auf die Minute genau geplant. Der Durchsetzung der musikalischen Strukturvorgabe ist die dramatische Schwäche des Librettos inhärent.

Was mir beim Hören unmittelbar klar wird: es ist unfassbar schwer zu spielen, diese Einfachheit erklingen zu lassen – bei mir wirkt sie ungemein. Damit wäre mein Star des Abends auch schon genannt: das – riesengroße – bayerische Staatsorchester mit Cornelius Meister am Pult. Es gelingt ihnen, mich mit ziselierten, feine, dünnen Tönen – zum Teil einzelner Saiten einzelner Geigen – zu berühren. Aufmerksam folge ich, wie Klangschicht um Klangschicht aufgetürmt wird zum Stakkato, zum Crescendo. Diese Oper kommt im Ursprung vom Klang her. Die Musik erzeugt sich Bilder – auch das ist Abrahamsens Ansatz, so im Programmheft nachzulesen.

© Wilfried Hösl

Die Stimmen werden behandelt, als wären sie Orchestersolostimmen. Sie werden immanenter Bestandteil des Orchesters, häufig werden Gesangsstimmen und einzelne Instrumente unisono eingesetzt – ein Mittel des Komponisten, um die Integrität von Graben und Bühne zu unterstützen.

Barbara Hannigans Gerda ist permanent auf der Bühne und sehr aktiv, sportlich gar. Ihre Sopranstimme ist mir stimmlicher Leuchtstern in der Aufführung, ich folge ihrem faszinierend warmen Timbre – egal wohin. Rachael Wilsonals Kay besticht mit ihrem klaren reinen Mezzosopran. Sie singt sehr differenziert. Sowohl ihre rollentechnische innerliche Erkaltung am Anfang als auch ihre auch musikalisch-stimmliche spürbare Erwärmung am Ende des Stücks kommt tief in mir an.

Die beiden Krähen Forest Crow Kevin Conners(Charaktertenor) und Castle CrowOwen Willetts(Countertenor) sorgen für eine der beiden eindrucksvollen musikdramatischen Handlungsszenen des Stücks (ja, genau, es gibt nur zwei für mich). Hier ganz Oper geschieht und gelingt! das wunderbar durch die stimmliche Ausführung. Beiden „Krähen“ gelingt es scheinbar mühelos, Abrahamsens musikalische An- und Herausforderungen zu meistern. Allein schon das häufig dazwischengeschobene Krähen „caw caw“ (auf Deutsch: krah krah) mit der die Orchesterfärbung abzustimmen. Bewundernswert. So vorsichtig annähernd spielen und singen Barbara Hannigan/Gerda und Forest Crow/Kevin Conners die Szene. Diese Empfindsamkeit verspüre ich ganz unmittelbar.

Die beiden „Dreier Kombis“ Grandmother/Old Lady/Finn Woman Katarina Dalaymanund Snow Queen/Reindeer/Clock Peter Rosekönnen ihre exzellente Klasse nur sehr kurz aufblitzen lassen. Es sind alles eben nur ziemlich kleine Rollen inklusive der Titelgebenden Snow Queen.

In mir dominiert die Musik. Ich finde, es ist nicht leicht, sich in diesen Abrahamsenschen Musikkosmos hineinzuhören und gebe zu: ich habe geübt mit einem Konzertbesuch im frühen Dezember 2019. Die Musik vermittelt mir das Gefühl der Kälte und des Verloren-Seins. Oder auch das Glück der Rettung Kays. Eben das was emotional im Kern der Geschichte steht. Mir gelingt es heute hineinzuhören und dadurch wird’s für mich ein musikalisch tief erfüllter Abend.

Im Darübernachdenken und -schreiben zeigen sich zugleich die Ambivalenz, die Haken der Aufführung. Wenn ich aus meinem wunderbaren musikalischen Kokon ausbreche und hinterfrage, wie die Komposition musiktheatralisch-dramatisch funktioniert.

© Felix Löchner

Ohne Andersens Märchenvorlage zu kennen oder die Handlung vorher gelesen zu haben wäre ich im ersten und zweiten Akt vor der Pause handlungsorientiert verloren gewesen. Auf der Bühne passiert sehr wenig handlungstragendes. Übertitel verfolgen? Nein, ich muss meine Aufmerksamkeit auf die Musik fokussieren, mehr schaffe ich nicht. Dramatisch ertönt es aus dem Graben. Ein grandioses langes Crescendo (hier Ausdruck synthetisierter Einfachheit), das den Auftritt der Snow Queen ankündigt.

Das Libretto folgt der oben dargestellten musikalischen Strukturvorgabe. Dies offenbart sich als Schwäche des Librettos, die die Inszenierung nicht aufzufangen vermag. Die Idee der Inszenierung Andreas Kriegenburgs: Kay ist psychiatrisch weggetreten, Gerda immer noch verliebt in ihn. Sie versucht ihn aus seiner inneren Abgeschlossenheit zu befreien. Erschöpft von den Besuchen in der Nervenheilanstalt legt sie sich nieder und träumt das Märchen. Der erste Akt erzählt wie Kay zum Gefangenen der Schneekönigin wird.

Okay, kapiert. Hm. Warum eigentlich sind da drei Paare Gerda – Kay? Ah ja, die symbolisieren unterschiedliche Zeitabschnitte?! Aber warum dann ist der „alte“ Kay dauernd auf der Bühne? Die – Änderung der – Jahreszeiten sind an handlungstechnisch von Belang, werden aber in einem gesungenen Halbsatz weggewischt. Bis auf den Schluss, da ist es Sommer, schneits auf der Bühne leicht zwar aber permanent.

Auch im zweiten Akt – die Suche Gerdas nach Kay – verfehlt bei mir die Inszenierung seine Wirkung. Das ist mir egal, denn ich bin hineingesunken in den musikalischen Flow, der erstmals die Stimmen dramatisch hervorhebt: als Gerda von den Krähen die Info durchgestochen bekommt, dass Kay lebt. Davor bemüht sich Barbara Hannigan redlich, durch Schauspiel Leben in Gerdas Figur einzuhauchen, allein die Musik lässt das nicht zu. Aus meiner Sicht offenbart sich hier eine Schwäche von Abrahamsens Kompositionstechnik und Musiktheateransatz: Gefühl und Bühnenpräsenz entsteht nicht durch (seine) komplexe Struktur und synthetisierte Einfachheit. Die theatralische Bühnenfiguren zuvorderst Gerda, die sich zu jeder Zeit auf der Bühne aufhält, die dramatische Handlung ist merkwürdig unverbunden zur Musik, die ihre ganz eigenen – wunderbaren! – aber eben musikalisch „eingeschlossenen“ Bilder produziert.

Wenn ich den dritten Akt vergegenwärtige: er verwirrt mich. Der orchestrale Höhepunkt ist Gerdas Versuch, das Schloss der Snow Queen zu betreten (gerade so wie Orpheus in Glucks Oper versucht, in den Hades einzutreten, um seine Eurydice wiederzufinden). Die zweite gelungene musiktheatralisch-dramatische Szene. Toll! Die Vorposten choren mehrfach „Geh zurück“, Gerda hat Angst und je länger die Szene dauert vergrößert diese sich – und dazu meine. Durch der Engel Einsatz (woher kommen die? Und weshalb? ist Teil meiner Verwirrung, in Märchen gibt es kein Deus ex machina) „Wir beschützen dich“ gelingt es Gerda, sich Eintritt ins Schloss der Schneekönigin zu verschaffen.

„Jetzt geht’s ab“, so denk ich mir. Denn: der handlungsdramatische Höhepunkt ist das Aufeinandertreffen Gerdas mit der Schneekönigin und die Entfernung der Spiegelsplitter aus Kays Auge und Herz. Inszenatorisch verlegt in einen abgewrackten OP Raum ist beides nicht der Knaller, Wurst. Und? Und? Halt! Halt! Das geht doch viel zu schnell! Wo und wie wird das musikalisch ausgeschlachtet? Gar nicht. Schwupp und vorbei. Ich bin enttäuscht. Bis ich die Schneekönigin als solche erkannt habe, ist die Szene vorbei. Das liegt daran, dass Peter Rose mehrere Rollen einnimmt, ich mich unsicher frage:  wer ist er denn jetzt? Chirurg? Stand das in der Besetzungsliste? und ihn als Schneekönigin erkenne, indem ich auf die Übertitel schaue. Verwirrt und aus der musikalischen Blase herausgerissen frage ich mich weiter: warum liegt denn da eine Gerda da auf dem OP-Tisch der Schneekönigin, hier geht es doch um die Rettung Kays? Auch diese Rettungsszene Kays ist für mich viel zu kurz, um sie zu kapieren. Dazu musikalisch unerwartet undramatisch.

Für mich funktioniert hier die strukturelle kompositorische Vorgabe dramatisch nicht. Sie wird eher zum Gefängnis der Bühnenhandlung, die in die erdachte Struktur hineingezwängt wird: nach der schnellen dramatischen „Schlosstürszene“ mussnun strukturell eine „sehr langsame“ Rettungsszene folgen. Die erwarte ich für mich emotional hochdramatisch, was weder Handlung, Inszenierung noch Musik widerspiegelt. Die Musik zieht mich weiter in den Bann, der emotionale Bruch zur Bühnenhandlung bleibt mir innerlich neben der Musik bestehen.

Abrahamsen „tröstet“ mich mit einem musikalisch langgezogenen frohgemuten „Happy End“, das Musik und Bühnenwirken miteinander versöhnt.

Ist das also Musiktheater? Mir doch egal! Musikalisch ist es ein Ereignis. Die aufgezeigten Schwächen ertrage ich an diesem Abend locker, indem ich mich auf die Stärken, die tiefgründige Musik konzentriere.

Frank Heublein, 29. Dezember 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Hans Abrahamsen, Snedronnigen / The Snow Queen,
Bayerische Staatsoper, München, 28. Dezember 2019“

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