CD/Blu-ray Besprechung:
Eine gelungene Einspielung, die zeigt, wie aufregend Klavierspiel im
21. Jahrhundert klingen kann.
INFERNO
Czerny – Liszt – Debussy – Stravinsky – Brahms
Behzod Abduraimov, Klavier
Alpha Classics, ALPHA1219
von Dirk Schauß
Manchmal gleicht ein Klavierabend einer archäologischen Ausgrabung: Unter dicken Schichten von Tradition und Staub stößt man plötzlich auf pures Gold.
Behzod Abduraimov hat für sein neues Album bei Alpha Classics genau diese Schaufel in die Hand genommen. Das Programm wirkt auf dem Papier wie ein wüstes Kuriositätenkabinett – von Czerny über Liszt bis Strawinsky.
Im Hören entpuppt es sich jedoch als attraktives Menü durch die Jahrhunderte. Der usbekische Pianist beweist: Für echte Meisterschaft braucht es keine philharmonische Selbstinszenierung, sondern nur Finger, die präzise tun, was der Kopf befiehlt – und das in einer Geschwindigkeit und Klarheit, die jeden Metronom-Fabrikanten in den Ruin treiben würde.
Den Anfang macht ausgerechnet Carl Czerny. Ja, genau jener Czerny, dessen Etüden bei vielen Klavierschülern noch heute leichte Traumata auslösen. Seine Variationen über ein Thema von Rode op. 33 sind jedoch weit mehr als bloße Fingerübung. Abduraimov adelt dieses Biedermeier-Schmankerl mit einer Artikulation, klar wie ein Gebirgsbach. Jede Verzierung, jede Arabeske in den hohen Lagen sitzt mit der Akribie eines Schweizer Uhrmachers. Besonders die choralartigen Passagen der vierten Variation zeigen, dass er den Flügel nicht nur zum Klingen, sondern auch zum Atmen bringen kann. Eine Ehrenrettung – charmant genug, dass man fast die alten Etüdenbände wieder aus dem Keller holen möchte.
Doch die Gemütlichkeit des Wiener Salons verfliegt schlagartig, wenn Franz Liszt die Bühne betritt. Mit Après une lecture de Dante stürzt Abduraimov mitten hinein in den diabolischen Schlund der Musikgeschichte. Der berüchtigte Tritonus donnert mit elementarer Wucht in die Tiefe. Die linke Hand agiert wie ein eigenständiges Orchester, die Tremoli grollen und erzählen von Verdammnis und Fegefeuer. Das Besondere an dieser Interpretation ist der Verzicht auf bloßen Effekt. Wo andere die Tasten prügeln, bewahrt Abduraimov Übersicht und eine beeindruckende klangliche Farbigkeit. Er zeigt: Liszt wollte nicht nur beeindrucken – er wollte leiden und erzählen.
Nach diesem Höllenritt braucht Hörer wie Flügel eine Abkühlung. Claude Debussys Suite Bergamasque liefert sie auf höchstem Niveau. Abduraimov verweigert sich dem verwaschenen Impressionismus-Klischee. Sein Prélude ist kräftig und zupackend, das Menuet tänzelt mit herrlicher Ironie und lässt die Figuren der Commedia dell’arte förmlich klappern. Dann folgt Clair de lune – ein Stück, das schon fast zu Tode genudelt wurde.
Abduraimov spielt es mit einer tastenden Neugier, als höre er das Mondlicht zum ersten Mal auf den Tasten. Er tupft die Töne, staunt über den Nachhall, und plötzlich ist der alte Gassenhauer wieder das, was er sein soll: ein magischer Moment vollkommener Stille. Der abschließende Passepied hält die Spannung durch eine fließende, nie hektische Bewegung.
Wer nun glaubt, das Pulver sei verschossen, hat die Rechnung ohne Igor Strawinsky gemacht. Die Drei Sätze aus „Petruschka“ sind der ultimative Prüfstein für jeden Virtuosen. Hier wird das Klavier zum Orchester, zum Jahrmarkt, zum Schlagzeug. Abduraimov wirft sich in den „Danse russe“ mit einer rhythmischen Prägnanz, die mitreißt. Die Akkorde haben Schwung aus innerer Spannung, nicht aus reiner Kraft. Im „Chez Petrouchka“ gelingt ihm das Kunststück, die Zerrissenheit der Puppe hörbar zu machen – mal scharfkantig-aggressiv, dann zerbrechlich und einsam. Das große Finale „La semaine grasse“ entfaltet ein farbiges Panorama des Jahrmarkts, in dem Ammen, Kutscher und Maskierte klar voneinander zu unterscheiden sind. Eine Demonstration pianistischer Überlegenheit, die trotzdem nie zur reinen Sportlichkeit verkommt.
Den versöhnlichen Schlusspunkt setzt Johannes Brahms mit dem Intermezzo Adagio op. 119 Nr. 1. Nach dem orchestralen Getöse Strawinskys wirkt es wie ein sanfter Abendsegen. Abduraimov entlockt dem Instrument einen feinen, melancholischen Gesang in großen Bögen. Er trifft genau die Mischung aus Altersweisheit und „Wollust an der Dissonanz“, die Brahms selbst beschrieb. Ein berührender, intimer Abschluss eines Albums, das den Hörer durch sämtliche menschlichen Gefühlszustände führt.
Was bleibt als Fazit? Behzod Abduraimov ist kein Tastenlöwe alter Schule, der den Flügel zertrümmern will. Er ist ein Analytiker mit Herz, ein Techniker mit Seele. Seine stilistische Treffsicherheit ist verblüffend – ob er nun biedermeierlichen Glanz poliert, Höllenqualen ausmalt oder russische Moderne zum Schwingen bringt. Er wirkt nie angestrengt, nie prätentiös, sondern stellt sich vollkommen in den Dienst der Musik. Dadurch lässt er vergessen, wie schwer das alles eigentlich ist.
Eine gelungene Einspielung, die zeigt, wie aufregend Klavierspiel im 21. Jahrhundert klingen kann.
Dirk Schauß, 7. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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